Nach einiger Zeit begab sich Emma zu einem, in der Nachbarschaft wohnenden Schuhmacher, der im lezten harten Winter ganz verarmt, jezt mit seinem Weibe und 6 Kindern nur von Wohlthaten guter Menschen lebte. Jene brachte ihm, wie schon öfter, eine kleine Gabe der Aeltern, und hatte noch überdies ein Körbchen Kirschen mitgenommen, um sie unter die Kinder auszutheilen, denn diese erhielten gewöhnlich auch etwas von ihr, und waren daher, besonders das 8jährige Lieschen recht zutraulich gegen sie. Diesmal aber entwischte bei Emma's Eintritt Leztere in die Kammer, erschien auch auf dem Ruf der Mutter nicht, um ihren Antheil Kirschen zu empfangen, und als Erstere sich wieder entfernte, bemerkte sie wie Liese durch die Spalte der Thüre, welche auf den Vorplaz führte, lauschte, bis Emma das Häuschen verließ. Dieser entging es nicht, und des Mädchens ganzes Betragen fiel ihr gewaltig auf; ja, je mehr sie darüber nachdachte, desto unerklärbarer war es ihr, denn sie hatte Lieschen immer nur Liebes und Gutes erwiesen, und konnte daher nicht begreifen, woher ihre plözliche Schüchternheit und Furcht rühre. Indessen kam es ihr doch wieder aus dem Sinne, bis Meister Simon durch eine erhaltene reiche Unterstüzung in den Stand gesezt wurde, von Neuem sein Handwerk zu treiben. Eine gelungene Sammlung für ihn, welche Herr v. Falkensee veranstaltete und durch den eigenen großen Beitrag begründete, brachte Jenen wieder empor, und von nun an durfte er auch unter andern, die Falkensee'sche Familie durchgehends bedienen. Liese aber vermied auch jezt ängstlich mit Emma oder Bertha in nähere Berührung zu kommen, und floh vor ihnen wo sie nur konnte. Dies ärgerte besonders Emma, und sie beschloß der Sache auf den Grund zu kommen; deswegen trug sie einmal schadhafte Schuhe selbst zu Meister Simon, und zwar zu einer Zeit, wo sie wußte, daß jener eine kleine Reise wegen Leder-Einkauf unternommen hatte, und die Frau auf den Markt, der ältere Bruder Lieschens in die Schule gegangen, und diese mit den jüngern Geschwistern alleine zu Hause war. Nun mußte sie ihr zur Rede stehen, und wohl mit sanfter Freundlichkeit, aber mit forschendem Blick drang sie in das Mädchen, ihr die Ursache von ihrem seltsamen Benehmen zu gestehen.
Roth wie Blut im Gesichte, schlug Liese die Augen zu Boden, und unter den gesenkten Wimpern träufelten große Thränen hervor. Endlich brach sie in lautes Weinen aus, rang die Hände und geberdete sich trostlos. Noch dringender verlangte Emma Aufklärung über Alles; und zulezt gestand das Mädchen, daß sie an dem bewußten Kinderfest ein Ringlein gefunden habe, welches Emma gehöre. »Ich habe wohl,« fuhr sie unter Schluchzen fort, »damals gesehen und vernommen, wie Sie liebes Fräulein ängstlich dasselbe gesucht, und um seinen Verlust gejammert haben, und doch war ich so gottlos, dasselbe zu behalten. Allein es ist wundernett, und das Vergismeinnicht von blauen Steinchen, welches das Schildchen vorstellt, gefiel mir so gar wohl, daß ich mich nicht von ihm trennen konnte, und es wie einen Schaz in meinem Nähpultchen aufhob. Aber ganz vergnügt konnte ich doch niemals seyn, wenn ich mich auch an seinem Anblick ergözen wollte; besonders ist, wenn ich Sie sehe, und Sie so gütig gegen mich waren, mein Gewissen aufgewacht, und hat mich mit Vorwürfen gepeinigt. Nein, ich mag das Ringlein nicht behalten, sondern will es gleich holen, und Ihnen geben, dann werde ich hoffentlich wieder ruhig werden.« Mit diesen Worten lief sie fort, und brachte das vorenthaltene Gut. Dabei flehte sie aber mit heißen Thränen: Emma möchte keiner menschlichen Seele von ihrem Vergehen sagen, und steckte jener das Ringlein an den Finger; doch war es Bertha schon weit, so paßte es an Emma's noch zarteres Fingerchen gar nicht, und Lieschen verwunderte sich darüber. Jene war eben im Begriff ihr zu sagen, daß nicht sie, sondern Bertha die Eigenthümerin sey, da kam die Mutter nach Hause, und so eilte Emma fort, um dem Mädchen die sonst gewiße, und harte Strafe zu ersparen: Wie groß war Bertha's Freude, als sie wieder im Besitz ihres lieben Ringleins war, doch als Schwesterchen erzählte, wie es dazu gekommen sey, da beklagten Beide das gewissenlose Kind, das schon so frühzeitig anfange, sich fremdes Eigenthum unrechtmäßig anzueignen. Auf einmal wurde Bertha still, und schien über etwas nachzudenken. Nach einer Weile sagte sie: »Wie wäre es Emma, wenn wir uns um des Mädchens Charakter verdient machten? Mir fällt ein Plan ein, den ich dir mittheilen muß.« Und nun schlug sie jener vor: mit der Mutter Bewilligung Lieschen im Nähen und Stricken zu unterrichten, und ihr dabei recht gute Lehren und Ermahnungen zu geben, damit sie die Rechtschaffenheit schäzen lerne, und sich nicht, wenn sie älter würde, ins Verderben stürze. Von Herzen stimmte Emma in diesen Plan ein, der auch bald ausgeführt, und Lieschen durch Lehre und Beispiel ihrer Wohlthäterinnen ganz für die Tugend gewonnen wurde. Um keinen Preis hätte sie je mehr eine Unredlichkeit begangen; und als sie älter wurde, und in Dienste trat, erwarb ihre gewißenhafte Treue ihr die Achtung aller Guten und Edlen, und es fehlte ihr nie an einer Unterkunft, welche ihren bescheidenen Wünschen genügte, ja oft dieselben übertraf. So oft sie aber an Bertha's Finger das verhängnisvolle Ringlein erblickte, so entschlüpfte ihr immer der Ausruf: »Welch ein wichtiger Fund war dieser!«
Die Blumenfreundin.
Meine lieben Leser und Leserinnen werden sich doch wohl noch der freundlichen Gärtnerin und ihres Bärbchens erinnern, welches lezteres Bertha's Muth dem verlezenden Huf des flüchtigen Schimmels entzog. Erstere wenigstes konnte die erwähnte Begebenheit und die Retterin ihres Töchterchens auch lange nicht vergessen, und wurde nach einigen Jahren wieder lebhaft daran erinnert, als Emma bei ihr erschien, und ein paar Blumenstöcke kaufen wollte.
Es war nämlich Schwester Bertha von einer bedeutenden Krankheit überfallen worden, und Emma hatte viel Angst und Jammer um sie ausgestanden, auch treue Pflege ihr gewidmet, und alles aufgeboten, sie, als die Gefahr vorüber war, zu erheitern und zu zerstreuen. Wir wissen, daß Emma eine große Blumenfreundin war, und so nahm sie es von sich ab, daß der Kranken ein Blumengeschenk die größte Freude bereiten würde. Sie begab sich in den, früher einmal erwähnten Garten, und suchte 2 gewürzhafte Nelkenstöcke von brauner und rother Farbe, und ein blühendes, niedliches Orangenstöckchen, heraus, welche sie aushandeln wollte. Der Preis überstieg den damaligen Zustand ihrer Kassa, und sie beschloß, nur die Nelken zu nehmen. Während dem betrachtete sie Frau Anna lange und schweigend, und endlich rief sie freudig aus: »Ach mein Gott! Sie sind ja die Retterin meines Mädchens! O daß ich Sie nur einmal wieder sehe! Wie groß sind Sie unterdessen geworden, bald hätte ich Sie nicht mehr erkannt! Komm Bärbchen!« rief sie den Garten hinunter. »Komm und küsse diesem guten Jungferchen die Hand; Sie hat dir einstens das Leben gerettet, wie ich dir schon oft erzählte.« – Das Kind that, wie die Mutter gebot, und Emma – nicht um mit Bertha's Verdienst zu prahlen, aber in der Hoffnung: daß sie durch den Wahn der Frau, von ihr aus Dankbarkeit das Orangenstöckchen um billigeren Preis erhalten würde, ließ sie in demselben ohne die Sache aufzuklären. Sie hatte sich nicht geirrt; nicht nur die Nelkenstöcke, auch das Orangenbäumchen, und noch zwei ausländische schöne Blumen erhielt Emma, und die dankbare Gärtnerin nahm gar keine Bezahlung dafür an. Sie packte ohne Aufschub die Blumenschäze ihrer Magd auf, welche Emma nach Haus begleiten mußte. Falsche Scham gestattete dieser nicht, den kleinen Betrug den Ihrigen zu gestehen, aber sie konnte es nun kaum erwarten, bis die Kranke aus dem Schlummer, in dem sie eben lag, erwachen, und die mitgebrachten Herrlichkeiten von ihr empfangen würde. Zu ihrem Leidwesen äusserte Jene ihre Freude nicht in dem Grad, wie sie es erwartet, und Emma hatte nun nichts angelegentlicheres zu thun, als die fremden Gewächse, und das Orangenstöckchen in ihre Pflege zu nehmen. Unbeschreiblich ergözte sie sich daran, doch der Genuß war nicht von langer Dauer. Troz aller Sorgfalt, die sie auf ihre Kleinode wandte, welkten sie – o Himmel! – dennoch dahin; so wie auch die Nelken. Diese waren von Bertha, als sie wieder hergestellt war, nach ihrer, immer noch zuweilen bei ihr obwaltenden Unachtsamkeit öfters zu gießen vergessen worden, und so war ihr kurzer Lebenslauf wohl kein großes Wunder; aber warum Emma's Pflegkinder dahin starben, – das konnte sie sich nicht erklären. Sie war recht betrübt darüber, und überdies flüsterte oft eine Stimme in ihrem Gemüthe: »Du hast es verdient, daß deine Freude so vergänglich ist, du bist unwahr gewesen; dies ist die Strafe dafür,« und diese innere Unruhe konnte sie auch nicht lange ertragen. Nein, so wie sie während des Aufenthalts der Tante Hildegard einstens den schönen Sieg über sich gewann, ihr Unrecht zu gestehen, so entstand wieder in ihr plözlich der Entschluß: durch ein aufrichtiges Geständnis die Schuld von sich zu wälzen, die sie drückte. –
An einem schönen Herbsttag beredete sie die jezt vollkommen genesene Schwester zu einem Spaziergang, und führte sie in jenen Garten. Erstaunt sah nun die Gärtnerin die Zwillingsschwestern vor sich, blickte eine nach der andern an, und konnte die Retterin ihres Bärbchens nicht erkennen. Da sagte Emma, auf Bertha deutend: »diese ists liebe Frau; sie darf mir's glauben. Neulich aber verführte mich ein böser Geist, meiner Schwester den verdienten Ruhm zu entziehen, und sie, gute Mutter, in den Wahn zu lassen: ich sey es gewesen, welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr Töchterchen ihr erhalten habe; aber so ist es nicht; ich war damals die Furchtsame, Bertha die Muthvolle, und nur die Hoffnung, für mein Schwesterchen recht schöne Blumen zu erhalten, konnte mich veranlaßen, mich neulich für Bertha auszugeben. Aber es war Unrecht, und der Unwahrheit folgt die Strafe auf dem Fuße nach. Auch ich ward gestraft: Bertha äusserte nicht die Freude, welche ich vermuthete. Ach es hat dir geahnt, daß es keine reine Gabe war! und dann – denke sie nur liebe Frau,« sprach sie, wieder zur Gärtnerin gewendet. »Denke sie nur, alle die schönen Blumen sind dahin gestorben. O die herrlichen, köstlichen Blumen. Ich möchte mich halb zu tod grämen. Aber es ist mir schon Recht geschehen, warum war ich so pflichtvergeßen. Vergieb mir Schwesterchen; und sieh meine Reue!« sagte sie unter strömenden Thränen, und weinte lang an Bertha's Halse, welche sie zärtlich zu trösten suchte, und von keiner Schuld wissen wollte. Dann reichte Jene der Gärtnerin die Hand, und bat auch diese um Verzeihung. Frau Anna trocknete sich mit der weißen Schürze die Augen und erwiederte: »Ach gehen Sie doch; Sie machen einen ja ganz weichmüthig, es war ja nicht böse von Ihnen gemeint.« Emma wandte sich nun, um fortzugehen, da erblickte sie hinter dem Gatterthor eine männliche Gestalt, und stieß erschrocken einen lauten Schrei aus. Es war aber keine furchterregende Erscheinung; sondern der alte wackere Hauptmann Halten, der Alles mit angehört und angesehen hatte. Er trat nun in den Garten, umfaßte beide Mädchen mit Liebe und sagte: »Abermals habe ich durch einen Zufall tiefe Blicke in Euer Inneres geworfen, und nichts als Erfreuliches entdeckt. Deine Reue Emma, dein offenes Bekenntniß und deine Schwesterliebe wiegen den begangenen Fehler auf, und von meiner Bertha hörte ich auch wieder Gutes. Kommt liebe Kinder! Ich führe Euch durch den Garten, und Ihr müßt ein Andenken an diese Begebenheit mit nach Hause nehmen.« – Er suchte unter einer Menge Blumen eine Nachtviole und ein Granatbäumchen heraus. Ersteres erhielt Bertha mit dem Zusaze: daß sie immer wie bisher geräuschlos Gutes thun möge, gleich der Nachtviole; welche im Dunkeln ihre süßesten Gerüche verbreitet. Emma aber beschenkte er mit der Granatenblüthe, und sagte: »Sie trägt die unvergängliche Farbe der Wahrheit, und erinnere dich immer daran, daß diese Tugend ewig besteht, während Trug und Täuschung untergeht.« –
Die Mädchen dankten dem väterlichen Freund innig für seine Geschenke, und versprachen ihren Sinn wohl zu erfassen, und treu in demselben zu handeln. Bei dieser Gelegenheit erfuhr aber Halten Emma's Blumenliebhaberei, und von Zeit zu Zeit erfreute er sie nun immer mit ein paar Blumenstöcken, und die freundliche Gärtnerin mußte die Verwelkten und Alten oft mit frischen und neuen verwechseln. Bertha jedoch, welche die Blumen nicht so liebte, entschädigte er durch schöne Musikalien, und verpflichtete auf solche Weise beide Schwestern zur herzlichsten Dankbarkeit. Ja sie waren tief betrübt, als ein Regimentsbefehl ihren Freund wieder von hinnen, und in eine andere Garnison rief.
Der Flüchtling.
»O verbergen Sie mich, verbergen Sie mich!« bat dringend ein hübscher, aber ärmlich gekleideter Knabe, welcher durch die, so eben offenstehende Hausthüre in das Gärtchen drang, das sich an Falkensee's Wohnung befand, und in welchem sich gerade Emma aufhielt; sie las ausdrucksvoll mit melodischer Stimme Schillers Lied von der Glocke, und übte dadurch wiederholt ein Talent, daß sie und Bertha ebenfalls besaßen. So oft sie eine solche Uebung vornehmen wollten, begaben sie sich in ihr Gärtchen, um hier ungestört und laut irgend ein Meisterstück der Dichtkunst zu lesen. Auch gegenwärtig hatte ein solches Vorhaben Emma hieher geführt, als der erwähnte Knabe weinend und zitternd ins Gärtchen stürzte, und Jene bebend um Schuz anflehte. Ohne sich lange zu bedenken, zog ihn Emma mit sich fort, die Stufen des offenen Kellers mit hinunter und ließ über ihnen die Fallthüre zusinken. Indem kam Bertha in den Garten, sah auf einer Rasenbank das Buch liegen, und fing nun auch laut darinnen zu lesen an. Kaum hörte und sah dies der reiche geizige Böttchermeister Ulrich, der als Falkensee's naher Nachbar in das Gärtchen schauen konnte, so erschien er in demselben, und fragte, Bertha für Emma haltend, dieselbe ziemlich barsch, wohin der böse Junge versteckt worden sey, welcher von seinem Pfirsichbaum Früchte gemaust hat? »Ich sahe sie,« äusserte er, »vorhin schon hier an dem Bassin sitzen und lesen; Sie müssen sicherlich den kleinen Dieb aufgefangen und verborgen haben.« Das Mädchen den Zusammenhang ahnend, aber im Grunde Nichts wissend, konnte ganz unbefangen antworten, daß sie keinen Knaben gehört noch gesehen habe. Ulrich betrachtete sie lange forschend, allein die ehrliche Miene, mit welcher Bertha obige Versicherung ertheilte, benahm ihm jeden Zweifel, und er ging ruhig fort. Nun suchte sie aber nach der Schwester und ihrem Schüzling im Gärtchen umher, und rief mit halblauter Stimme Emma's Namen. So näherte sie sich auch unter andern der Kellerthüre, und vernahm auf ihr Rufen ein leises Pochen unterhalb derselben; allein mit aller Anstrengung vermochte sie die Thüre nicht aufzuheben. Da war nun guter Rath theuer, denn einen Domesticken wollte sie nicht rufen; zum Glücke kam zufällig Franz herbei, welchem die Schwester in Eile und heimlich alle ihre Vermuthungen mittheilte. Der kräftigere Knabe brachte die Kellerthüre in die Höhe, und aus der Tiefe stieg Emma herauf, sich ängstlich umschauend: ob Antons Verfolger nicht mehr in der Nähe wäre. Wohl war dies nicht der Fall, doch zu größerer Sicherheit winkte Franz, daß der Knabe noch im Keller bleiben solle, lief fort, und kehrte aber bald mit seinem Mantel zurück, in welchen er Anton hüllte, und ihn, auf solche Weise unkenntlich durch den Garten in die Wohnung führte. Hier mußte nun vor Franzens Aeltern der Flüchtling beichten, wer er sey, und durch was er sich Ulrichs Zorn zugezogen habe. Er erzählte: daß sein Vater ein armer Maurersgeselle, und Miethsmann des reichen Böttchers, die Mutter schon längst gestorben wäre. Durch einen unglücklichen Sturz vom Gerüste hatte sich der Maurer sehr beschädigt, und eine bedeutende Krankheit kam dazu. Hier brach Anton in lautes Weinen aus, und schilderte seinen Kummer über das Leiden des Vaters so herzergreifend, daß in die Augen Aller, die ihm zu hörten, Thränen traten. Nach einer Weile fuhr er fort: »Wie es nun bei Kranken geht – sie haben mancherlei Gelüste, und so wünschte sich mein armer Vater, wenn er von seinem elenden Lager ans Fenster wankte, und den reichbeladenen Pfirsichbaum im Hofe unsers Hausherrns betrachtete, sehnlich eine, ach nur eine Frucht desselben. Ich nahm es über mich, den Hartherzigen darum zu bitten, aber er schlug mir rund und kalt mein Gesuch ab; und doch wiederholte der Kranke immer von Neuem sein Verlangen mit solchen Klagen, die mir durch die Seele schnitten. Da wollte ich vorhin, in der Meinung, Meister Ulrich sey nicht zu Hause, einen Versuch machen und einen einzigen Pfirsich abpflücken. Aber hilf Himmel, mein karger Hausherr stand an dem Fenster, das in das Gärtchen und in einen Theil seines Hofraum's führte, und sah mein Beginnen. Nun sprang er die Treppe herunter, und mir nach. Ich wußte mir nicht anders zu helfen, als in ihren Garten zu flüchten, und die Hülfe des Fräuleins anzusprechen. Gott lohne ihnen den Schuz den Sie mir angedeihen ließen, und glauben sie, dass mich nur das Verlangen, meinen kranken Vater das ihm grausam versagte Labsal zu verschaffen, nöthigen konnte, diesen Pfirsich hier zu nehmen. Ach wenn ich ihn nur behalten, und jenem bringen dürfte! doch wie Sie wollen;« sezte er mit einem tiefen Seufzer hinzu, und reichte Herrn v. Falkensee die Frucht hin. Die Kinder sahen erwartungsvoll auf des Vaters Miene, um darin zu lesen, was er thun würde. Dieser gab dem Knaben den Pfirsisch zurück und sagte: »Nun es sey; ich will deinen Versicherungen Glauben beimessen, und hoffen, daß du nie mehr ohne Fug und Macht etwas entwenden wirst, sey es auch nur eine Frucht wie diese; denn wisse, selbst die Liebe zu deinem Vater kann eine solche Handlung nicht entschuldigen. Wärst du zu mir gekommen, siehe, meine Bäume biegen sich unter dem Obstsegen dieses Jahrs; und ich hätte dir deine Bitte um eine Erquickung für deinen Kranken gewiß erfüllt. Nun versprich mir nur,« sagte er noch zu dem still weinenden Knaben; »versprich mir, nie mehr etwas zu stehlen, und dann will ich für dich und deinen Vater sorgen.« Anton legte das feierliche Gelübde in des Barons Hand, und ging mit seinem Pfirsich getröstet fort. Franz mußte ihn schüzend begleiten, und im Namen des Vaters Ulrichen für jene Frucht ein Stück Geld bringen. Dem kranken Lorenz aber sandte der Baron den menschenfreundlichen Arzt Wollmann, der ihn bald wieder herstellte, zumal da Emma und Bertha von der Mutter die Erlaubniß erhielten, jenem täglich eine kräftige Suppe kochen und bringen zu dürfen. Nicht lange, so konnte er wieder sein Handwerk treiben, und jezt mit mehr frohem Muth als sonst; denn sein Sohn Anton, den er herzlich liebte war durch des Majors Veranstaltung versorgt. – Zuerst durfte er auf Falkensee's Kosten eine Schule besuchen, und dann gab ihn jener in die Werkstatt eines Tischlers, wo er sich zu einem brauchbaren und geschickten Manne bildete. Bertha sagte nachher oft zu Emma: »In diesem Falle hat unsere täuschende Aehnlichkeit etwas Gutes bewirkt; sie führte Meister Ulrich irre, und wäre dies nicht geschehen, so hätte der Grausame den armen Anton mishandelt, statt daß dieser gerettet in unser Haus kam, wir ihn von einer guten Seite kennen lernten, und unser liebe Vater seinem Schicksal eine günstige Wendung gab. Ja, wohl mir, daß ich meinem Schwesterchen ähnlich bin!« sezte dann fröhlich die lustige Bertha hinzu, und fiel Emma mit stürmischer Zärtlichkeit um den Hals.