Bertha hatte Emma viel zu lieb, um sich auf ihre Kosten mit ihrer That zu rühmen; sie verschwieg sie, und verschmerzte auch den Verweiß, den beide über ihr langes Ausbleiben von der Mutter erhielten, ob sie gleich in der erlebten Begebenheit einen großen Entschuldigungsgrund hätte anführen können.

Am folgenden Tag erschien die erwähnte Gärtnerin, und händigte Emma, diese für Bertha haltend, die gerade auf dem Vorplaz war, ein Körbchen köstlicher Pflaumen und einen großen Strauß Monatrosen und Gyranien ein; welches Geschenk sie mit den Worten begleitete: »Der Lebensretterin meines Bärbchens gehört dieß Alles. O könnte ich nur noch mehr geben; aber vergessen werde ich es in meinem Leben nicht, was Sie gethan haben. Ich vernahm gestern wohl in einiger Entfernung Ihr Gespräch mit dem Schwesterchen und Ihren Wunsch von diesen Blumen welche pflücken zu können, allein ich konnte in dem Augenblick nicht von meiner Arbeit weg, und gleich darauf folgte ja die Begebenheit, die mich fast zum Tod erschreckte.« »Welche Begebenheit denn? und was soll dies Alles bedeuten?« fragte Frau v. Falkensee, die dazu gekommen war. Nun mußte Emma beichten, und es geschah mit glührothen Wangen und niedergeschlagenen Blicken. Die Mutter schüttelte misfällig den Kopf, und nahm vor der Hand das ganze Geschenk in Beschlag, freundlich der Geberin dankend. Als nun Bertha, die mit Franz, einen Auftrag des Vaters auszurichten weggegangen war, nach Haus kam; übergab ihr die Mutter obiges Geschenk, und sagte: »Du hast es verdient Bertha, es ist Dein;« und verbot Emma daran Theil nehmen zu lassen, um sie für das Verschweigen des Ereignisses zu strafen. Doch Jene ließ mit Thränen und Bitten nicht nach, bis Frau v. Falkensee den strengen Urtheilsspruch zurück nahm, worauf dann Bertha fröhlich und redlich Alles mit der Schwester theilte.

Die Kirmes zu Moosdorf.

Werthlieb war Geistlicher auf dem Lande geworden, und das Dorf in dem er lebte, lag in einer wunderlieblichen Gegend; besonders gab es in derselben viele Weinberge, welche dieses Jahr eine sehr reiche Lese versprachen. Die Kirmes, oder Kirchweih jenes Orts fiel auch im Herbst, und man versprach sich daher in Moosdorf zu dieser Zeit eine ganze Kette von Lustbarkeiten.

Werthlieb war mit dem Falkensee'schen Hause im herzlichsten Verhältniß geblieben, denn er vergaß es nie, welche würdige und freundliche Behandlung er daselbst genoß, und der Major und seine Gattin erinnerten sich immer dankbar, an die Verdienste, die sich Ersterer um ihre Kinder, namentlich um Franz erworben hatte; denn daß derselbe in eine, für sein Alter hohe Classe aufgenommen wurde, und hier einen der ersten Pläze behauptete, und das er und seine Schwesterchen Sinn für manches Gute in sich trugen, das schrieben mit Recht die Aeltern dem Beispiel, und den Lehren des wackern Werthliebs zu. Man nahm also fortwährend aufrichtig Theil an dem gegenseitigen Geschick, wechselte zuweilen Briefe, und selbst die Kinderchen legten von Zeit zu Zeit einige schriftliche Zeilen, an ihren geliebten ehemaligen Lehrer, dem Schreiben der Aeltern bei. An seinem lezten Geburtstag aber hatte Jener von Bertha und Emma einen seidnen Geldbeutel, und von Franz eine hübsche Zeichnung und einen schön geschriebenen Glückwunsch erhalten. Der Pastor, hoch erfreut darüber, wollte seinen Lieblingen thätig die Dankbarkeit, die er fühlte, beweisen, und lud Emma und Bertha zur nächsten Kirmesfeier, Franz jedoch in seinen, spätereintretenden Schulfeiertagen zur Weinlese ein. Welch einen Jubel veranlaßte dies bei den Geschwistern; sie träumten wachend und schlafend von dem bevorstehenden Vergnügen, denn sie waren noch nicht weiter, als in die nächste Umgegend der Stadt gekommen. Die Reise nach Moosdorf also, die ohngefähr 4 Stunden betrug, erschien ihnen ungeheuer groß und wichtig; und Emma versprach der Mutter ein getreues Tagebuch zu halten. Werthlieb hatte verheißen, seine kleinen Freundinnen selbst zu holen, und beide waren sehr geschäftig, all ihre Habseligkeiten bereit zu halten, um dann gleich abreisen zu können.

Den Abschied aus dem älterlichem Haus, so wie den Aufenthalt in Moosdorf, und der Kinder dort gemachten Erfahrungen soll uns die, jezt 10jährige Emma in ihrem Tagebuch selbst erzählen.

Emma's Tagebuch.

Den 10ten September Morgens 9 Uhr.

Gestern war ich von der Reise, und von Allem was ich erlebt hatte, so ermüdet, und so schläfrig, daß ich mein, der Mutter gegebenes Versprechen, alle Abend in mein Tagebuch zu schreiben, unmöglich erfüllen konnte. Es soll jezt geschehen, während Schwesterchen Bertha noch tüchtig schnarcht. Aber sie hat sich auch gestern mit Schullehrers Suschen recht abgetummelt. Ich hätte das nicht gekannt; ach trotz aller Liebe, die wir hier erfahren, quält mich das Heimweh! – Schon wieder muß ich weinen, und das Herz ist mir recht schwer. – O Ihr guten Aeltern! – Wenn Ihr nur da wäret! oder doch wenigstens mein munteres Fränzchen; mit seinen Schnacken würde er mich erheitern.

So leichtfertig er oft ist, so ging ihm gestern der Abschied von uns doch recht nahe; ich merkte es wohl, ob er es gleich verbergen wollte; und der guten Mutter Auge schwamm ebenfalls in Thränen als ich weinend an ihrem Halse hing. Der Vater aber war standhaft, und meinte: eine so kurze Entfernung und Trennung wäre nicht der Thränen werth, und wir gingen ja frohen Tagen entgegen. Er hat freilich Recht der liebe Vater, allein es ist die erste Trennung von ihm und lieb Mütterlein; und noch nie legte ich mich zu Bette, ohne Jene vorher noch oftmals geherzt und geküßt zu haben. Da dies gestern Abend nicht geschehen konnte, so weinte ich mich, ehe ich einschlief, recht satt. Auch jezt will es mir nicht zu Sinne, daß ich meinen lieben Aeltern, Bruder Franz, und unserer ehrlichen Anna keinen guten Morgen wünschen kann. – Wenn nur Bertha die Langschläferin aufwachte! die Frau Pastorin wird bald zum Frühstück klingeln; dann geht mirs wieder besser, denn so wohl gestern auf der Reise vergaß ich mich durch all das Neue, was ich sah, als auch hier; so lange wir unter unserer lieben Hauswirthin waren. Beide, so wie Rosalie, die Schwester der Frau Pfarrerin sind gar freundlich und gut; und das nette kleine Dingelchen in der Wiege macht mir auch recht viel Spaß. Ich werde mir es heute öfters ausbitten, Luischen auf den Schoos nehmen zu dürfen. Eine solche lebendige Puppe wäre mir lieber, als alle die welche ich besitze. Aber wie schön die Aussicht von unserm Schlafstübchen hinaus ins Freie ist! Ach die köstlichen reich beladenen Weinberge! – ich muß wirklich ein Bischen näher ans Fenster treten, und mich an ihren Anblick ergözen. Herr Pfarrer hat uns auch für heute einen weiten Spaziergang versprochen. Wie freue – Nun da schellts! Geschwind muß ich die faule Bertha weken. –