Den 12ten Abends 10 Uhr.

Ei ei! Wieder ist der gestrige Abende verflossen, und ich habe nicht die erlebten Tagsbegebenheiten aufgezeichnet. Ungesäumt will ich es jezt thun; sonst würde mein gutes Mütterchen mit Recht schmälen, wenn sie von ihrer Emma ein unvollständiges Tagebuch erhielte und ich kann viel, recht viel erzählen.

Zuerst von dem wunderschönen Spaziergang, den wir vorgestern mit unserm theuern Pastor machten. Er führte uns durchs hübsche, reinliche Dörfchen, am Wirthshaus vorüber, wo eben der hohe Maienbaum unter einem großen Zulauf der Dorfsjugend aufgerichtet, und als er stund, von jener umtanzt wurde. Sie scheuten sich dabei nicht vor der Gegenwart ihres Pastors; hatten es aber auch nicht nöthig, den er war gar liebreich, und ermunterte sie selbst zur schuldlosen Fröhlichkeit; Schwester Bertha und ich mußten uns gleichfalls auf sein Geheiß ein wenig im Kreise Drehen. Dann ging es weiter; immer an Weinbergen fort, bis wir bei dem anlangten, welcher das Eigenthum des Herrn Pfarrers ist. Er und Rosalie – Frau Werthlieb blieb bei ihrem Luischen zu Hause – führten uns nun an die besten Weinstöcke, und wir durften nach Herzenslust Trauben abschneiden und sie verzehren, auch einige in unserm Körbchen mitnehmen, um unter Wegs uns damit zu laben. Dann verließen wir den Weinberg, und schlenderten über einen frischen Wiesgrund, den ein klarer Bach, von Erlen umpflanzt, munter durchströmte, welcher wie Silber glänzte, wenn die Sonne darauf schien. Nach einer Weile erreichten wir eine Mühle; deren Besitzer sehr wohlhabend sind, und eine große Freude äusserten, über die Ehre, die ihnen durch den Besuch des Herrn Pastors und der Jungfer Schwester zu Theil würde. Die Müllerin wollte uns Kaffe machen, und Gebackenes vorsezen; unser lieber Begleiter verbat es sich aber, und nun kam eine Schale herrliches Obst, gutes schwarzes Hausbrod, und frische Butter auf den Tisch. Wir thaten uns gütlich damit, und dann wurde uns die Einrichtung des Mühlwerks gezeigt. Ich habe nun wohl Alles genau betrachtet, und recht aufmerksam der Erklärung zugehört, aber, du lieber Himmel zum niederschreiben würde ich eine lange Zeit brauchen, das kann ich nicht. Mütterchen soll es mündlich von mir hören, was ich mir gemerkt habe.

Mit der sinkenden Sonne kamen wir von unserm Spaziergang nach Hause, und den Abend über spielten Pfarrers mit uns, nämlich: »Weil und warum; Hast Du deine Lektion gut gelernt, und Salz schneiden« da gab es vielen Spaß. Bertha war beim zweiten Spiel immer gleich mit ihrem – Ja oder Nein – bei der Hand, und mußte viele Pfänder geben. Ich nahm mich wohl recht in Acht, doch kam ich auch nicht ungerupft durch. Dabei, so wie überhaupt seit wir hier sind, verwechselt uns Schwestern die gute Pfarrerin immerwährend, bald heiße ich bei ihr Bertha, bald Emma, und Rosalie wird auch zuweilen irre, noch mehr die Magd im Hause, und die andern Leute die aus und ein gehen; ich streite mich nicht darüber ab, denn Schwesterchen Bertha beträgt sich recht gut, warum sollte ich nicht für sie gelten wollen? – Doch wieder zu meiner Erzählung zurück. Gestern war der erste berühmte Kirmestag; den ich jezt beschreiben will; allein wo fange ich an? Ich möchte gleich Alles zu Papier bringen; aber nein, hübsch in der Ordnung Emma! sonst wird Mütterchen böse, wenn sie ein Quodlibet lesen muß. Also früh in die Kirche – o weh! ich mußte schon einigemal recht gähnen, der Schlaf kommt mit Macht, ich kann ihm nicht widerstehen.

Den 13ten Morgens 8 Uhr. – Gescheuder ists, ich nehme die Morgenstunde bei meinem Tagebuch zu Hülfe; am Abend ist wenig Kluges mit mir anzufangen; daher will ich lieber jezt meine Erzählung fortsetzen: Am Sonntag also ging es in die Kirche; sie war mit vielen jungen Birken, mit Kränzen und Blumengewinden geschmückt, und der Herr Pfarrer predigte recht schön davon, wie man sich im Gotteshaus betragen soll. Ich habe mir manches gemerkt, und will z. B. gewiß nimmer in der Kirche meine Augen so viel herum spazieren lassen, wie es zuweilen geschah. Am Schluß der Predigt bat Herr Werthlieb so rührend für einen kranken und armen Mann im Dorfe, daß mir die Thränen über die Wangen liefen, und ich gleich wußte, was ich thun wollte. Nach der Predigt wandelten wir Schwestern mit Amtmanns Lotte und Schullehrers Suschen auf den, mit feinen Kieß und rothen Sand bestreuten großen Tanzplan, der auch mit Birken umpflanzt war, um welche sich Blumengewinde schlangen. Die Eßglocke rief uns endlich nach Hause, wo es ein herrliches Mittagsmahl gab; Gänsebraten, Schinken, Bratwürste, Obst und köstliche Weintrauben, auch Wein, zu Ehren der Kirchweih. Nachmittag kam Besuch aus der Gegend; meist Geistliche mit ihren Familien; wir lernten sehr artige Kinder kennen, Knaben und Mädchen, und ich dachte oft an Bruder Franz, der gewiß auch recht vergnügt gewesen wäre; doch er kann jene in der Weinlese besuchen. Nach dem Kaffe trinken begaben wir uns Alle auf den Tanzplan, wo schon 2 Geiger und ein Schalmeibläser lustig mussicirten. Nun wurde frisch getanzt, und Herr Werthlieb hatte seine größte Freude an unserm Vergnügen; auch die Dorfsjugend tanzte mit, betrug sich aber so gesittet, daß man sich ihrer nicht zu schämen brauchte. Nach einem Stündchen gebot unser lieber Herr Pfarrer, daß wir nicht mehr tanzen, sondern in einem nahstehenden Gartenhäuschen uns langsam abkühlen sollten. Dann besahen wir die aufgeschlagenen Buden, wo hübsche Sachen zu finden waren, und Bertha kaufte sich von dem Geld, das die guten Aeltern einer Jeden von uns mitgaben, nette Herzen von Perlenmutter in die Ohrringe, und allerliebstes kleines Geschirr von feinem Porzellan. Gerne hätte ich mir auch eines gekauft, und Bertha bat, zürnte, und bot Alles auf, um mich dazu zu bewegen; allein es half nichts, ich blieb standhaft. Warum? – ach, soll ich es denn erzählen. Ei wohl! ließt doch dieses Tagebuch niemand als mein Mütterchen, und dieser darf und will ich nichts verschweigen. In der Dämmerung schlich ich mich nämlich in das, von Herrn Pastor bezeichnetes Häuschen zu dem armen Mann, und brachte ihm mein Geld. Ach Gott! welch Elend traf ich hier! Ein noch nicht betagter Mann lag abgezehrt, gleich einem Todtengerippe auf einem elenden Bette, die Frau und 2 Kinderchen von ohngefähr 4 und 7 Jahren saßen betrübt in einer Ecke, jene spann Wolle, der Knabe nagte an einer harten Rinde Brod, und das Mädchen verbarg ihr Köpfchen in den Rock der Mutter, und schluchzte leise, wahrscheinlich aus Hunger. Denn die Gaben, welche die Gemeinde, nach der Aufforderung ihres Seelsorgers, gebracht hatte, und die in Geld bestanden, wurden zur Belohnung des Arztes aufgespart, nach dem in die nächste Stadt geschickt worden war. Ich hatte mir vorgenommen, all mein Geld her zugeben; nun drückte ich aber nur 3 viergroschen Stück der Frau in die Hand, und lief unter dem Versprechen, bald wieder zu kommen hinweg. Mein Vorsatz war, Küchen- und Spielzeug für die armen Kinder zu kaufen, und ihnen zu bringen, doch o weh, die Krämer hatten schon eingepackt, es war nichts mehr zu bekommen, betrübt schlich ich nach Hause; da begegnete mir die alte Liese, welche im Pfarrhaus mancherlei Dienste thut; dieser klagte ich mein Leid und erhielt von ihr den Trost: daß die Buden am folgenden Tag wieder aufgeschlagen würden, wo ich dann mein gutes Werk, wie sie sagte, vollenden könnte. So war es auch, und die Freude, welche Paul und Gretchen über meine kleinen Geschenke hatten, machte mich glücklicher, als alle Herrlichkeiten, die ich mir selbst gekauft hätte. Der Mutter rannen die Thränen über die eingefallenen Wangen, als sie ihre Kinderchen so vergnügt sah, und selbst der kranke Mann lächelte auf seinem Schmerzenslager; und reichte mir die knöcherne Hand. Ach ich war so innig froh, so selig, daß ich es nicht beschreiben kann; und daß ich die Freude so still in mir hatte, daß Niemand davon wußte, als ich, das war mir doppelt lieb; – aber oft versezte ich mich mit meinen Gedanken in die ärmliche Hütte, und dann fand mich Bertha und die Andern zerstreut und einsilbig, und erstere zankte mich darüber recht ordentlich aus, wenn mir das gesellschaftliche Gewühl lästig wurde, und ich mich ein wenig absonderte; denn gestern ging es im Haus und im Dorfe noch recht lustig zu, es wurde geschmaußt und getanzt; und wieder andere Freunde der Pfarrleute erschienen schon zu Mittag, weshalb abermals viel mehr Gerichte auf den Tisch kamen als gewöhnlich. Es gelang mir, von meinem Teller Eines und das Andere unbemerkt wegzunehmen, und dies trug ich meinen Armen Abends wieder zu.

Den 13ten Abends 9 Uhr. Die alte Plaudertasche die Lies' die mir gestern Abend wieder begegnete, als ich nach Clausens Hütte ging, hat gewiß dem Herrn Pfarrer Alles geschäftig hinter bracht, was sie von mir wußte, aber wieder mich mit Bertha verwechselte; denn heute bemerkte ich von ihm und seiner Frau, sowie von Rosalien eine ausgezeichnete Freundlichkeit gegen Jene. Auch sprach Herr Werthlieb ein paarmal mit großem Ruhm von der stillen Wohlthätigkeit, sah dabei lächelnd und bedeutend auf Bertha, und streichelte ihr die Wange. Sie aber schaute ihn mit großen Augen an, und wußte nicht, wie sie das nehmen sollte. Was soll ich nun thun, soll ich Schwesterchen die Sache erklären oder schweigen? – Diese Frage beschäftigte mich heute immer, und da ich nicht mit mir einig werden konnte, und überdies ein ununterbrochener Regen uns ins Zimmer bannte, war ich oft ganz verstimmt. Rosalie benahm sich aber recht gütig gegen uns, lehrte uns viele künstliche Sachen aus Karten ausschneiden und zusammenlegen, zeigte und erklärte uns köstliche Bilderbücher aus ihres Bruders Bibliothek, und erzählte uns auch einige schöne Geschichten, dazwischen tändelte und schäckerte ich mit dem kleinen dicken Luischen, und so verstrich der heutige Tag. Morgen aber – ja Morgen geht es wieder in die liebe Heimath und so vergnügt ich auch in Moosdorf war, so freue ich mich doch unbeschreiblich die guten Aeltern und Bruder Franz wieder zu sehen. Wenn ich nur wüßte, ob ich schweigen, oder Bertha aus dem Traum helfen soll; – nein, ich will ihr die gute Meinung, welche Pfarrers von ihr hegen, gönnen und – stille seyn. –

Die Entdeckung.

Wirklich hatte Emma den Sieg über sich gewonnen, den Ruhm, welchen Bertha, ohne es zu wissen und zu verdienen, sich bei Werthliebs erworben hatte, durch keine Erklärung ihr zu entziehen; doch ein Zufall stellte die Sache ins wahre Licht. Emma hatte am lezten Morgen noch einen kurzen Besuch in Clausens ärmlichen Häuschen abgestattet, und dessen Bewohnern versprochen: ihnen durch Franz, wenn dieser zur Weinlese nach Moosdorf kommen würde, einen Beweiß ihres Andenkens zu schicken; die dankbare Rührung der Leute, mit der sie von dem guten Mädchen Abschied nahmen, bewegte Emma selbst so sehr, daß sie sich der Thränen nicht enthalten konnte. Noch unter der Thüre trocknete sie sich die Augen, und wollte dann das Sacktuch in ihr Körbchen schieben, indem kam ein Hund aus einem Seitengäßchen bellend auf sie zugesprungen, und unsere furchtsame Emma lief wie ein gejagtes Reh dem Pfarrhause zu. In Schrecken hatte sie das Sacktuch fallen lassen, Liese, die nahe – bei Clausen wohnte, dasselbe gefunden, und der Frau Pastorin mit der dazu gehörigen Erläuterung gebracht. Emma's Name, der ins Sacktuch gezeichnet war, sagte Jener nun, daß nicht Bertha, sondern ihre Schwester die kleine Wohlthäterin der armen Leute war, und sie theilte ihrem Manne, so wie Rosalien die Entdeckung mit. Der Pastor vermochte es nicht, Emma sein Wohlgefallen, so wohl über ihre Mildthätigkeit, als auch über ihr anspruchloses edelmüthiges Verschweigen ihrer Handlungsweise vorzuenthalten; aber er nahm sie dabei alleine mit in sein Gärtchen, um ohne Zeugen ihr sein Lob zu ertheilen; denn er wollte weder ihre Bescheidenheit verletzen, noch Bertha wehe thun; Ja er bat Emma: das Schwesterchen nun ganz in Unbekanntschaft mit der Sache zu lassen, »denn« fügte er hinzu; »an deiner Stelle liebe Emma, hätte ich Bertha den Antheil an der schönen That gegönnt. Ihr macht es auch Freude, Armen Gutes zu thun, vereint hättet ihr die Wohlthat noch vergrößern können; und so verschloßen gegen eine Schwester zu seyn, ist nicht recht. Jezt kannst Du nur deinen, gegen Bertha begangenen Fehler dadurch mindern, daß Du die Begebenheit als ein Geheimniß so lange bewahrst, bis Du einmal in einer vertrauten Stunde der guten Schwester Verzeihung wegen deiner Verschlossenheit nach suchen, und ihr dann Alles aufrichtig erzählen kannst und wirst.« Diese Rüge, so sanft sie war, wollte Emma auf das erhaltene Lob gar nicht behagen; aber sie trug für Werthlieb zu viel kindliche Ehrfurcht und Liebe im Herzen, als daß sie ihm ihre Empfindlichkeit gezeigt hätte, auch mußte sie sich sagen, daß er Recht habe. Nach kurzem Nachdenken entschloß sie sich Moosdorf nicht zu verlassen, ohne den Vorwurf, den sie sich selbst zu machen hatte, von sich weggewälzt zu haben. Stillschweigend war sie mit dem Pastor noch ein paar Gänge im Garten auf und nieder geschritten, dann ergriff sie seine Hand, führte sie an ihre Lippen und sagte: »Ich will auf der Stelle mein Unrecht wieder gut machen, schicken Sie mir Bertha, ich werde ihr Alles gestehen.« Werthlieb versprach es mit einem herzlichen Kuß, und bald hatten sich die Schwestern unter sich verständigt, denn Bertha konnte nicht zürnen; aber sie untersuchte den Inhalt ihres Geldbeutelchens, fand noch 2 Groschen darin, kaufte Brod, und brachte es, von Emma hingeleitet den Armen. Mit innerer Zufriedenheit verließen nun beide Schwestern Moosdorf, und schieden mit Dankesthränen von der freundlichen Pfarrerin und von Rosalien. Der Pfarrherr aber hatte den Aeltern versprochen, die geliebten Töchterchen wieder selbst zurückzubringen, und so hielt er auch Wort. Groß war die Freude des Wiedersehens in der Familie Falkensee, und noch an demselben Abend übergab Emma, ehe sie sich schlafen legte, der theuern Mutter das versprochene Tagebuch.

pag. 63.