Die Entdeckung.
Die Schlittenfahrt.
So wie Bertha, (was meine lieben Leser und Leserinnen sich erinnern werden,) der Liebling bei der reichen Banquier Krause war, so stand Emma bei der Rath Sinthal, vor dem Schwesterchen hoch in der Gunst; denn Frau Krause liebte die muntere Jugend, Jene die sanfteren Kinder, und sie hoffte durch den Umgang mit Emma, ihrer, etwas wilden Thekla, mehr Ruhe und Stille anzugewöhnen. Emma durfte also nicht nur zu Sinthals unaufgefordert kommen wann sie wollte und wurde immer mit Liebe empfangen, sondern es erging auch noch manche besondere Einladung an sie. Mitunter wohl auch an Bertha, jedoch seltener, da Thekla gleichfalls dem andern Schwesterchen mit mehr Liebe zugethan war, ja nach ihrem Wunsch sollte Emma jeden Festtag in der Familie mit verleben, jedes ausgezeichnete Vergnügen mit genießen. Dies konnte jedoch nicht immer geschehen; denn Falkensee's lebten noch in gar manchen freundschaftlichen Verbindungen, an denen die Kinder Antheil nahmen; und dann durften sich, nach der Baronin Grundsäzen, ihre Töchterchen nicht gewöhnen, täglich ausser dem Hause zu seyn; deshalb blieb mancher Wunsch von Thekla in jener Hinsicht unbefriedigt. Aber auf der Erfüllung eines derselben bestund sie einstmals sehr fest. Es fiel nämlich Schlittenwetter ein, und Emma hatte früher hin geäussert: daß sie kein größeres Vergnügen kenne, als in einem Schlitten über die beschneiten Straßen und Fluren hinweg zu fliegen, und dabei das Geläute der kleinen Glöckchen und Schellen zu vernehmen. Nun wurde bei Sinthals eine Schlittenfahrt nach einem entfernten Dorf angeordnet, und Thekla bat flehentlich: Emma daran Antheil nehmen zu lassen. Wohl war der Schlitten schon besezt, denn ausser den Aeltern und dem Töchterchen fuhr noch ein Freund des Vaters mit; indessen hielt man davor, daß ein so kleines und zartes Persönchen wie Emma war, noch einzuschieben wäre, und es wurde bewilligt, sie einzuladen. Die Magd der Räthin war noch nicht lange im Hause, hatte jedoch, da sie sich die Winterabende hindurch mit ihrem Spinnrädchen im Wohnzimmer aufhalten mußte, die Namen der beiden Zwillingsschwesterchen schon öfters nennen hören, und verwechselte sie bei jener Einladung. Bertha hüpfte gerade über den Vorplaz als die Dienerin in ihrer Wohnung erschien, und diese glaubte, als sie die ähnliche Schwester erblickte, nun gar nicht zu irren, indem sie ihren, von der Herrschaft erhaltenen Auftrag an Bertha richtete. »Ach nein,« entgegnete leztere. »Emma ist darunter gemeint, und nicht ich.« »Heißen sie denn nicht Bertha?« fragte die Magd. »Ja das ist mein Name« antwortete das Mädchen, und jene bestättigte ihre Aussage mit der Versicherung: »mir wurde befohlen Fräulein Bertha einzuladen, und so kann ich es nicht anders sagen.« Auch gegen Frau v. Falkensee, die dazu kam, und kopfschüttelnd der Magd zuhörte, wiederholte diese ihre Aufforderung, und blieb hartnäckig auf dem Namen Bertha. Was war zu thun – so sehr Emma sich im Stillen darüber betrübte, und die Mutter und Bertha zweifelten – Leztere mußte doch zur bestimmten Zeit sich auf den Weg nach Sinthals Wohnung machen. Thekla hatte sehnsüchtig am Fenster auf Emma geharrt, und sah nun schon von Weitem Bertha herbei kommen. Erschrocken lief sie zur Mutter, und klagte ihr die Verwechslung. Sie theilte ihres Töchterchens Trauer über die erlittene Täuschung, verbot ihr aber strenge, sie Bertha entgelten zu lassen, ja diese sollte nach der Räthin Willen es nicht erfahren, daß sie nicht gemeint war. Sie wurde also recht freundlich empfangen, und da der Schlitten gleich vorfuhr, so hatte man gar nicht Zeit, sich viel zu besprechen. Es war ein köstlicher Wintertag. Die Sonne stand klar und heiter im reinen Himmelblau, und von ihren Strahlen beglänzt, funkelte der Schnee auf den Fluren und Feldern, gleich Diamanten, und die Bäume und Gesträuche waren mit Reif, wie mit feinem Sammt verbrämt. Der Schlitten flog pfeilschnell dahin, und das Geläute des Pferdgeschirrs tönte lieblich und hell. Die Kinder jubelten vor Lust, nur in Bertha stieg zuweilen der Wunsch auf: wenn nur Emma dies Vergnügen mit genießen könnte. Auch gesellte sich zuweilen der Zweifel dazu: und wie – wenn doch eine Verwechslung Statt gefunden hätte! – Zwar die Art, wie sie empfangen wurde, hatte in Bertha so ziemlich jene Vermuthung verscheucht; nur auf Thekla's Stirne glaubte sie einige Falten wahrgenommen zu haben; allein es war überhaupt ihre Sache nicht, lange einer ernsten Betrachtung nachzuhängen, und das Vergnügen der Fahrt zerstreute noch mehr ihre Bedenklichkeiten; nur die Liebe zu Emma rief sie zuweilen auf kurze Zeit wieder hervor. Dies geschah auch, als sie, in Hainfeld angelangt, in der wohl durchwärmten Wirthsstube, beim duftenden Kaffetrank saßen, und sich denselben, nebst dem, von Frau Sinthal, mitgenommenen mürben Kuchen trefflich hatten schmecken lassen; es schlenderten darauf beide Mädchen Arm in Arm im Zimmer auf und ab, und plauderten von diesem und Jenem. Da trat wieder Emma's Bild vor Bertha's Seele, und sie flüsterte der Freundin traulich zu: »Sage mir liebe Thekla recht ehrlich: bin ich nicht heute wieder mit meinem Schwesterchen verwechselt worden?« Jene wurde über und über roth, und wußte vor Verlegenheit nicht, was sie antworten sollte. »Ja, ja so ist es! Emma hat dies Vergnügen genießen sollen, und nun ist die Arme um dasselbe gekommen!« rief Bertha und brach – heftig, wie sie war – in lautes Schluchzen aus. Erschrocken eilte Frau Sinthal hinzu, und fragte was ihr fehle. Thekla erzählte, und Bertha wollte sich nicht trösten lassen, bis der Rath, der so eben ins Zimmer kam, und sich auch nach der Ursache von Berthas Betrübniß erkundigte, sie mit der Versicherung beruhigte: daß, wenn die Schlittenbahn noch einige Tage währte, er eine zweite Fahrt unternehmen, und Emma mitnehmen wolle. Dies Versprechen troknete die Thränen der zärtlichen Schwester, und bald kehrte ihre vorige Fröhlichkeit wieder zurück. Als die Sonne tiefer sank, als sie einen rosigen Schleier über die ganze Flur verbreitete, und bei den gegenüberstehenden Häusern und Hütten, die Fenster von dem Wiederschein der feurigen Himmelskugel in vollen Flammen zu stehen schienen, wurden von unserer Gesellschaft Anstalten zum Aufbruch getroffen, und die Mädchen freuten sich herzlich auf die Rückfahrt. Jedoch bald, bald wäre ihnen diese sehr verbittert worden.
Der Kutscher hatte nämlich, ohne Wissen des Raths, zur Erwärmung noch ein paar Gläser Brantwein, neben dem Bier, das er von Jenem erhielt, getrunken, so daß er etwas berauscht war, und die muthigen Rosse nicht recht zu bändigen vermochte. Der Schlitten schien kaum den Boden zu berühren, so rannten jene mit ihm davon, und schon sah man die Stadt ziemlich nahe vor sich liegen, als die Pferde vor einer an ihnen vorbeigehenden Frau, und vor ihnen, mit Wäsche hoch aufgethürmten Korb, den sie noch zur Stadt trug, scheu wurden, ausrissen, und durch die Gewalt, mit der dies geschah, den Schlitten umwarfen, und zerbrachen. Glüklicher Weise nahm Niemand Schaden bei dem Fall, und die Pferde wurden mit dem Theile des Schlittens, den sie mit fort nahmen, auch bald aufgefangen. Aber Bertha's erster Ausruf war, als man sich wieder erhoben hatte: »Gottlob daß Emma nicht dabei gewesen ist!«
Auch schickte sie, bei ihrer Nachhausekunft, die Erzählung des erlittenen Unfalls, der, von der Statt gefundenen Verwechslung voraus, und fügte des Raths Zusicherung einer zweiten Schlittenfahrt gleich hinzu, um dem Schwesterchen die heutige unangenehme Erfahrung verschmerzen zu machen. Noch nie war aber Bertha ein solches Wetterhähnchen als in diesen Tagen. Immer prüfte sie Wind und Wolken, ob sie doch kein Thauwetter mitbringen würden. Doch der Himmel erfüllte ihren schwesterlichen Wunsch, und Emma genoß dasselbe Vergnügen, das ihr zu Theil gewordene war, und noch ungetrübter, da auch die Nachhausfahrt glüklich vorüberging.
Die Maskerade.
»Ich möchte doch einmal einen Maskenball sehen!« äusserte die fröhliche Bertha gegen die Mutter; als diese verschiedene Anstalten traf, um einer Aufforderung von mehreren Freunden zu folgen, welche Herrn und Frau von Falkensee zu einer gesellschaftlichen Verkleidung für die nächste Redoute eingeladen hatten. –
»Nun in 5 oder 6 Jahren ist's immer noch Zeit genug für Dich, eine solche Lustbarkeit mit zu machen,« erwiederte die Baronin dem Töchterchen; aber in ihrem Herzen dachte sie anders. Franzen Geburtstag fiel in die Zeit des Carnewal's, und der wackere Sohn erfreute die Aeltern fortwährend durch Fleiß und Lerneifer, so wie durch ein gesittetes Betragen, darum sollte auch ihm, nach dem Wunsche der Mutter, auf seinen Geburtstag ein ausgezeichnetes Vergnügen bereitet werden. Franz tanzte sehr gerne; da führte Bertha's ausgesprochenes Verlangen, Jene auf den Gedanken: an dem erwähnten Tag einen maskirten Kinderball zu veranstalten. Sie erwog Alles hinlänglich, holte sich auch des Gatten Rath und Meinung, und schritt zulezt wirklich zur Ausführung des entworfenen Plans. Alle Kinder aus ihrem Verwandtschafts- und Bekanntschaftskreis wurden eingeladen, und gebeten, mit Masken und in Maskenkleidern zu erscheinen; Auch Emma und Bertha erhielten Leztere, doch keine Masken vor das Gesicht; denn die Majorin wollte sehen: ob der fremde, aber ganz ähnliche Anzug der Töchterchen mehr oder minder zu ihrer Verwechslung beitragen würde, besonders bei Bruder Franz, welcher von der ganzen Veranstaltung nur so viel erfuhr; daß mehrere seiner und der Schwestern Gespielen den Abend mit ihm feiern würden. Wie erstaunte er aber, als er von den Aeltern in das große, hellerleuchtete Zimmer geführt wurde, als bei seinem Eintritt die Musik ertönte, und lauter vermummte kleine Gestalten ihn begrüßten. Da näherte sich ihm ein schlankes Bauern-Bürschchen und reichte ihm mit einem Krazfuß ein Sträußchen dar; dort brachte ihm ein nettes Gärtner-Mädchen ein Körbchen mit ausgesucht schönen Aepfeln; dann kam ein kleiner Harlequin und ließ Franz, ihn neckend, seine leichte hölzerne Pritsche fühlen; ein Türke stolzirte langsam auf ihn zu, und bot ihm an, aus seiner langen Pfeife einige Züge zu thun; ein Pastetenjunge trug sein Backwerk zum Verkauf herum, das, in ein reines weißes Tuch geschlagen, sein Korb enthielt, und mit dem der Geburtstäger, so wie die ganze Gesellschaft damit beschenkt wurde. Ein Zigeunermädel prophezeite Franz aus seiner Hand viel Gutes, und auch viel drolliges; und 2 niedliche Mädchen, nebst 2 Knaben, die 4 Jahreszeiten vorstellend, überreichten Jenem folgende Verse:
Der Winter.
Verachte nicht den Wintersmann,