»Sag' mal, hat man Dir da nicht am Ende bei ›Bauer-Grünwald‹ einen Bären aufgebunden? Ein alter Offizier und plötzliche Millionen – das kommt mir so unwahrscheinlich vor!«

Spatò zog seine Brieftasche heraus, kramte ein wenig darin herum und brachte einen Ausschnitt aus einer deutschen Zeitung sowie einen Zettel zutage, auf dem mit Bleistift ein paar Worte geschrieben standen. Er reichte beides Gaulo hin, damit er es sehen und auch den andern zeigen konnte.

»Auf dem Zettel steht, wie sie heißen, und in dem Zeitungsausschnitt die Geschichte ihrer Erbschaft, die bis zu irgendeinem Kurfürsten aus dem 18. Jahrhundert zurückreicht und darum wohl auch die Oeffentlichkeit in Deutschland interessiert!«

Gaulo las von dem Zettel: »Oberst a. D. von Schöttling und Tochter.« Den Zeitungsausschnitt konnten sie aber nicht lesen, weil keiner von ihnen Deutsch verstand. Sie gaben Zettel und Ausschnitt an Spatò zurück und redeten ihm zu, daß er sich vom Portier des »Bauer-Grünwald« das Entrefilet übersetzen lassen sollte. Nur Ettore machte ein wissendes Gesicht, das dem blonden Fabbriani auffiel.

Spatò hatte eben die Papiere wieder in seine Brieftasche zurückgesteckt, als es ihm einen kleinen Ruck gab.

»Per Dio, da sind sie! Da kommen sie gerade auf die Terrasse zu!«

Alle hoben die Köpfe, wandten sie nach der Seite, die Spatò bezeichnet hatte. Ettore tat's ein wenig hastiger und zugleich sieghafter als die andern, denn er ahnte deutlich, daß die Millionenerben niemand anders waren als die verklärte Blondine mit ihrem Vater, die ihm vorhin bei der Landung des Vaporetto aufgefallen waren.

»Nun, hab' ich nicht recht? Sieht die Kleine nicht ganz patent aus?« fragte Spatò im Ton eines Impresarios.

Wirklich, es ließ sich kaum etwas entgegnen, und Gaulo, der nörgelte, daß das Mädchen zu überschlank und ihre Nase zu lang sei, fiel gänzlich ab. Bah, mit der Zeit würde sie schon dicker werden, und die wirklich etwas große Nase störte den Reiz des Gesichtes mit den sorgsam frisierten Blondhaaren nicht im geringsten. Sie hatte eine ruhige Anmut des Ganges und, was Ettore jetzt erst bemerkte, ungewöhnlich schmale Füße und Hände. Ihre Linke hielt einen ausgespannten, weißen Spitzensonnenschirm, während die Rechte liebkosend mit einer langen Halskette spielte, einer jener wunderbar feinen, von Perlen unterbrochenen Ketten, wie nur venezianische Goldschmiede sie fertigen. Die Aufmerksamkeit, die ihr Kommen an dem Tisch der jungen Leute erregte, mußte ihr auffallen, fiel ihr auch auf, und sie erkannte sogleich den Mann wieder, dessen Fechtergestalt und klassische Schönheit sie unten am Landungssteg betroffen gemacht hatte. Sie wurde wieder rot, sah weg und suchte mit ihrem Vater angelegentlich einen Tisch, an dem die Sonne nicht lästig war und der zugleich den freien Ausblick übers Meer bot. Weil Priuli Glück hatte, vielleicht auch weil Fräulein von Schöttling es trotz ihres Errötens wollte, fand sich ein Tisch, der etwas entfernt, aber doch den jungen Leuten gerade gegenüber stand, so daß Priuli im Laufe des verdämmernden Nachmittags noch mehrmals Gelegenheit hatte, schmachtende und lockende Blicke zu schleudern, die jedesmal mit einem Erröten, ein und das andere Mal auch mit einem Gegenblick quittiert wurden. Kurz ehe die jungen Leute aufstanden, um nach Venedig zurückzufahren, sagte er mit einer gewissen Süffisance, die den blonden Fabbriani ärgerte:

»Ja, seht Ihr, nun will ich's Euch doch nicht länger verschweigen. Ich wußte die Sache von der deutschen Millionenerbschaft schon länger und habe darum meine amerikanische Miß etwas kaltgestellt … Ich beabsichtige nämlich, dieses Fräulein von Schöttling zu heiraten!«