»Mit meinem Willen nie!« versicherte Elisabeth so ernsthaft, daß Carlo ärgerlich den Kopf wegwandte und bei sich dachte, daß die Liebe doch wirklich jeden Menschen unzurechnungsfähig mache.

Sehr lange dauerte aber der Aufenthalt der Schöttlings in Venedig nicht mehr. Sie mußten nach Deutschland zurückkehren, um Elisabeths Aussteuer zu bestellen und die Hochzeitsvorbereitungen zu treffen, während Ettore den Palazzo Priuli glänzend instandsetzen lassen wollte, denn er gedachte mit seiner jungen Frau ein großes Haus zu führen. Er wollte mit Elisabeth das obere Stockwerk bewohnen, im unteren Stockwerk neben den Prunkräumen, die vielleicht für ganz besondere Feste mit herangezogen werden konnten, sollte die Wohnung für die alte Gräfin und Eleonore hergerichtet werden, was ziemlich lange Zeit in Anspruch nehmen konnte, denn hier fehlten alle Vorbedingungen für Wirtschaftsräume und mußten erst, zuweilen unter beträchtlichen Schwierigkeiten, neu geschaffen werden. Ettore hatte zwar zuerst gemeint, wenn auch nicht klipp und klar ausgesprochen, daß eigentlich ein gemeinsamer Haushalt das Praktischste wäre, ja, eigentlich dasjenige, was ihm am natürlichsten und bequemsten schien. Hier aber hatte der Oberst Widerspruch erhoben. Nein, seine Elisabeth sollte Herrin in ihrem Hause sein, einzige und absolute Herrin! Von einer Schwiegermutter hatte er ganz bestimmte deutsche Ansichten, in denen er sich nicht beirren ließ, und eine Schwiegermutter im Hause kam ihm vor wie die ewige Verdammnis. Elisabeth, die ihre neue Verwandtschaft schon liebte und die alte Gräfin mit ihrer jammernden Stimme und ihren Kirchgängen rührend fand, begriff den Widerstand ihres Vaters nicht.

»Ich weiß nicht, Papa, ob Du da in allem recht hast!«

»Natürlich hab' ich recht! Ich habe gar nichts gegen die alte Gräfin einzuwenden und bin überzeugt, daß sie in ihren vier Wänden und auch sonst eine sehr scharmante Frau ist, aber in Deinem Hause, nein! Ein junges Paar gehört für sich allein! Du wirst mir's noch einmal danken, daß ich da gescheiter war als Du!«

Für den Oberst wie für Elisabeth war diese Frage des gemeinsamen oder getrennten Haushaltes sehr wichtig gewesen, denn sie konnte bei den Priuli allerlei Verstimmungen nach sich ziehen. So wenigstens hatten Schöttlings gedacht und waren einige Tage mit Sorgen im Kopf umhergegangen, aber weder Ettore noch seine beiden Damen waren verstimmt oder gar beleidigt. Die alte Gräfin schien sogar sehr zufrieden, daß im untern Stockwerk eigens für sie eine Küche gebaut wurde, und Ettore beschloß die Debatte lachend mit seinem Lieblingswort:

»Alles in schönster Ordnung! L'Italia farà da sè!«

Die Hochzeit fand im Spätherbst statt. Ettore, der erst einige Tage vor der Trauung nach München gekommen war, wurde allgemein bestaunt und bewundert, sogar der Leutnant Otto fand, daß der Schwager ein fescher Mensch sei. Ueber seine innern Qualitäten konnte man sich in der kurzen und bewegten Zeit, die einer Hochzeit vorangeht, natürlich keine rechte Meinung machen, zudem ja hier die Sprachschwierigkeiten noch akuter waren als in Venedig. Ettore hatte allerdings seiner Braut beim Abschied versprochen, daß er Stunden im Deutschen nehmen werde, aber er hatte nicht die geringsten Fortschritte gemacht und konnte zu Elisabeths Staunen und Ergötzen eigentlich nichts ordentlich sagen als: »Gib mir einen Kuß«. Dagegen traten die deutschen Verwandten zu wiederholten Malen, wenn auch nur beiläufig, mit einer Frage an ihn heran, deren Sinn er nicht recht begriff, und die ihm so überflüssig vorkam, daß er seine Schwäger im stillen für Spießbürger hielt. Sie fragten ihn nämlich, was er für einen Beruf habe oder arbeite. Ettore fühlte wohl, daß er ihnen nicht klarmachen konnte, wie überflüssig für einen italienischen Nobile von altem Geschlecht Beruf oder Arbeit sei. Er begnügte sich also etwas von oben herab und obenhin zu entgegnen, daß er sich jetzt ganz und gar der Verwaltung und Hebung seiner Güter widmen wollte. Fügte auch gleich mit seinem hübschen Lächeln, das ihm die Herzen gewann, hinzu:

»E vero, bis jetzt war ich ein rechter Leichtfuß und habe nur an mein Vergnügen gedacht, aber nun ist's aus mit dem Junggesellenleben, nun werde ich ein braver Ehemann und Familienvater, und da ist's selbstverständlich, daß ich mich nach allen Seiten hin um unseren Grundbesitz bekümmere! L'Italia farà da sè!«

Diese kindliche Offenheit gefiel allen sehr. Die Schwäger freuten sich, daß die Schwester weder einen Duckmäuser, noch einen unverbesserlichen Lebemann heiratete, und jeder von ihnen war überzeugt, daß Elisabeth, die sie trotz aller gelegentlichen Schwärmerei und Verstiegenheit für rechthaberisch hielten, diesen heiteren, naiven Mann um den Finger wickeln würde.

Die Hochzeitsreise ging nach Süditalien und sollte nach einem Abstecher nach Korsika in Aegypten enden, wo das junge Paar bis nach Neujahr oder noch länger bleiben wollte, je nachdem eben Zeit benötigt wurde, um alle die Arbeiten im Palazzo Priuli zu beenden, die jetzt in vollem Gange waren.