6.
Seit drei Monaten hieß Elisabeth nun Gräfin Priuli. Diese drei Monate waren dahingegangen wie ein einziger Liebestag, an dem sie kaum je Zeit fand, einen Gedanken zu fassen oder sich selbst anzugehören. Immerfort war Ettore da, wollte bei ihr sein, sie neben sich fühlen, sie an sich reißen. Niemals hätte sie geglaubt, daß für einen Mann Liebe so viel bedeuten, ihn so erfüllen könne, wie Ettore von seiner jungen Eheliebe erfüllt war. Sie mußte lächeln, wenn sie an das deutsche Axiom dachte, das immer noch behaupten will, daß die Liebe für die Frau das Schicksal, für den Mann aber nur eine Episode darstelle. Mußte noch mehr lächeln, wenn sie sich die Gatten ihrer Freundinnen oder gar ihre Brüder in solch anhaltendem Liebestaumel vorstellen wollte, wie Ettore nun seit Wochen und Monaten war. Für ihn gab es jetzt nichts auf der Welt als seine Frau, und alles andere war bloß Szene und Komparserie für ihn und das jauchzende Idyll, das er um sich und um die blonde Frau spann. Er tauchte unter in seiner Empfindung wie ein geschickter Schwimmer in eine azurne Woge, was oberhalb dieser Woge vorging, kümmerte ihn nicht. Wenn Elisabeth zuweilen entzückt und geschmeichelt staunte, daß er nach drei Monaten noch ebenso ungeduldig und leidenschaftlich war wie am Hochzeitstage, dann verstrickte er sie fest in seine Arme und sagte ihr zärtlich, wenn auch mit einer leichten Überlegenheit im Ton:
»Törichtes, kleines Ding! Was wißt Ihr und Eure Männer daheim von Liebe? Was Liebe ist, und wie eine Frau geliebt werden muß, das wißt Ihr in Deutschland nicht, das wissen nur wir im Süden!«
Elisabeth schalt dann wohl scherzhaft über seine Anmaßung und seine Ueberhebung, aber im Innern gab sie ihm recht. Liebe war für den Italiener offenbar etwas ganz anderes als für den Deutschen, das merkte sie nicht nur an Ettore selbst, sondern sie las es auch aus italienischen Romanen, von denen sie trotz Ettores Widerspruch ein paar auf die Reise mitgenommen hatte. Denn ein Restchen heimischer Schwere und Ernsthaftigkeit blieb immer in ihr, und mit diesem Restchen von Schwere und Ernst fand sie mitten in allem Glück doch aus, daß der junge Gatte ihr immer noch recht fremd war. Sie meinte, das läge wohl nur daran, daß sie sich immer noch sprachlich nicht so gut verständigen konnten, als wenn sie aus dem gleichen Land gewesen wären, und darum eben und auch um überhaupt italienisches Wesen genauer kennen zu lernen, las sie, wenn Ettore ihr irgend Zeit ließ, italienische Bücher. Las berühmte Romane, an denen sie sowohl den Aufbau wie die Psychologie und die Sprache bewunderte, aber auch in ihnen immer wieder fand, daß für die Menschen, deren Schicksale sie erzählten, Liebe das Ein und Alles war. All diese Heldinnen und auch die Helden tauchten unter, erfüllten ihren Daseinszweck, wenn sie glücklich liebten, hatten nichts mehr auf der Welt oder im Leben zu suchen, wenn die Liebe zu Ende war. Zuerst kamen ihr solche Bücher romanhaft und verlogen vor, aber je länger sie neben Ettore lebte, um so mehr mußte sie über sie nachdenken und erkannte schließlich, daß sie, wie jedes gute Buch, ein Abbild der Wirklichkeit waren.
Ettore sah keines der Bücher an, die seine Frau beschäftigten. Er kannte sie schon zum großen Teil, und wenn er sie nicht kannte, interessierten sie ihn im Augenblick auch nicht. Er sah höchstens flüchtig ein bis zwei italienische Zeitungen durch, um annähernd zu wissen, was in der Politik oder in Venedig Neues vorging, zu irgendeiner Meinung oder leidenschaftlichen Parteinahme raffte er sich aber niemals auf. Er schimpfte meist ein wenig auf die Regierung und immer auf die radikale Partei, aber schließlich war ihm momentan sowohl die Politik wie das Königreich Italien ganz gleichgültig. »L'Italia farà da sè!« Für neue Eindrücke war er nicht halb so empfänglich wie Elisabeth. Die historischen Erinnerungen Korsikas und Aegyptens ließen ihn kalt, und für Naturstimmungen hatte er auch nicht viel Verständnis, aber Stunden, halbe Tage lang konnte er in Capri im warmen Sand am Strand liegen, auf das tiefblaue Meer hinausblicken und Wärme und Lebenskraft in sich aufsammeln, daß Elisabeth, die viel beweglicher, viel weniger primitiv-genußfähig war als er, ihn um dies tiefe Behagen beneidete, um diese einfache, körperliche Hingebung an die Natur.
»Ch' è bello il sole!« sagte er dann wohl wie berauscht und begriff nicht, daß Elisabeth sich's nicht an dieser empfundenen Schönheit genügen lassen, daß sie sich nicht neben ihm ausstrecken und die Zeit gleich dem feinen Meeressand achtlos durch die Finger rinnen lassen wollte. Wenn sie's auch versuchte, gelang es ihr nie recht, denn immer wieder mußte sie, was sie sah oder fühlte, mit Gedanken umstellen, denen sie in irgendeiner Art Ausdruck lieh oder leihen wollte. Bald drängte es sie, irgendeine Beleuchtung des Meeres, ein zitterndes Spiel des Lichtes als Studie festzuhalten, und dann tat es ihr leid, daß sie keine Farben und keine Leinwand zur Hand hatte, ein anderes Mal kritzelte sie in ein Reisetagebuch, und wieder ein anderes Mal wollte sie Gebräuchen, Volkseigentümlichkeiten, Sitten oder Unsitten nachspüren, die Ettore so gleichgültig waren wie der Mann im Mond.
Da fragte er sie dann wohl lachend, aber doch ein wenig ärgerlich:
»Kannst Du denn nie all den Schnickschnack vergessen und nur an mich und an Dich denken?!«