»Dio mio, den Frauen geht's heutzutage viel zu gut! Wenn ich denke, was man in meiner Zeit vom Mann und der Ehe alles ertrug! Aber heutzutage haben sie den Kopf voll von dummen Ideen, von Freiheit, von Gleichberechtigung und, was weiß ich, was sonst noch! Zu meiner Zeit war man glücklich, wenn der Mann mit einem zufrieden war. Keine von uns hätte es gewagt, an ihm herumzumäkeln oder gar ihm Vorschriften machen zu wollen. Heutzutage aber täte es not, daß er über alles und über jeden Centesime Rechnung ablegt …«

Elisabeth sagte nichts. Sie begriff, daß die Mutter für ihren Sohn Partei nahm, ganz ebenso wie ihr Vater es für seine Tochter tat. Sie gab sich redlich Mühe, die Mißstimmung zu verscheuchen, die unversehens ins Haus geschlichen war, war zärtlich und vertrauensvoll gegen Ettore, liebenswürdig und ergeben bei der Schwiegermutter. Sie hörte auch kein anzügliches Wort mehr, und Ettores Gezwungenheit machte schnell seiner naiven Liebenswürdigkeit Platz. So schien alles wieder zu dem früheren, guten Bestand zurückgekehrt, aber Elisabeth wußte doch, daß es nicht so war. Sie wußte, daß fast zu allen Stunden, die sie mit ihrem Vater verbrachte, Ettore bei seiner Mutter und seiner Schwester saß und jedesmal, wenn die scheinbar nur aus Diskretion getrennten Lager sich bei Tische begegneten und begrüßten, war es, als ob zwei fremde Welten sich begegneten, die erst eine kalte Luftströmung überwinden mußten, ehe sie sich zusammenfanden.

In diesem Winter sollte Elisabeth endlich die venezianische Gesellschaft und Geselligkeit kennen lernen, – das war für sie, die bisher nur die herkömmlichen Garnisonsbälle und ein oder das andere Münchener Künstlerfest gesehen hatte, eine große Spannung und Aufregung. Vor dem ersten Fest der Saison, das im Hause Fabbriani stattfand, hatte sie richtiges Lampenfieber, denn Ettore sprach schon seit Tagen kaum von anderem als eben von dieser Wintersaison mit all ihren Verpflichtungen und Freuden, sprach davon so wichtig und ausführlich, als ob sie ein wertvoller Bestandteil seines Lebens sei. Auch Eleonore, die unter der Obhut der Schwägerin alles mitmachen sollte, war lebendiger und gesprächiger, als Elisabeth sie seit langem kannte, und schien für nichts Sinn zu haben als für Toiletten, Blumen, Fächer und kunstvolle Frisuren. Elisabeth dachte bei sich, daß Eleonore wohl darauf rechnete, auf den bevorstehenden Festen ihren kleinen, verwöhnten Leutnant zu treffen, aber wenn sie leise Anspielungen machte, so tat Eleonore, als verstünde sie nicht, und die alte Gräfin antwortete auf eine direkte Frage der Schwiegertochter nur, indem sie die Arme zuerst zum Himmel hob, sie dann verzweifelt wieder sinken ließ und den Kopf schüttelte, als wisse sie selbst nicht, was die Tochter denke oder plane.

Elisabeth machte mit großer Sorgfalt Toilette. Als sie fertig angekleidet vor dem großen Spiegel ihres Ankleidezimmers stand, fand sie sich auch wirklich ganz hübsch und meinte, daß sie überall mit Ehren bestehen könne. Das weiße, silbergestickte Kleid saß tadellos, die Rosen an der Brust und im Haarknoten paßten gut zu ihrem zarten, blonden Typ, und die schönen Diamanten, die ihr der Vater und die Brüder zur Hochzeit geschenkt hatten, funkelten hier, in dem einsamen Zimmer, reich, fast königlich. Während die Jungfer lief, um den Abendmantel und das Spitzentuch zu holen, klopfte es an der Tür, und Ettores Stimme fragte, ob Elisabeth fertig sei. Sie hatte kaum »ja« gesagt, da trat er auch schon ein und mit ihm Eleonore, beide lächelnd, strahlend, wie zwei ganz junge Menschen, die zu ihrem ersten Ball gehen. Sie sahen beide wieder genau so schön aus wie damals beim Blumenkorso, und Elisabeth kam sich neben ihnen unscheinbar und unsicher vor. Das war aber nicht etwa nur, weil diese Geschwister zwei ungewöhnliche Erscheinungen darstellten, nein, es lag viel mehr noch in ihrem Wesen, in ihrer ganzen Art aufzutreten, sich zu bewegen, zu lachen oder den Kopf zu wenden, es lag in der vollkommenen Harmonie all ihrer Bewegungen und in der hellen Freudigkeit, die über ihnen leuchtete, als wären Fest und Lust und Erwartungsfreude das einzige Element, in dem sie tief atmen und sich wohl fühlen konnten.

Die Schwägerinnen musterten gegenseitig mit raschen Blicken ihre Toiletten, sagten sich freundliche Worte, die sie aufrichtig meinten. Eleonore berechnete blitzschnell im Kopf, wieviel Elisabeths Silberstickerei und Schmuck wert sein mochten, während die junge Frau mit Verwunderung und ein klein wenig Neid erkannte, daß Eleonore in ihrem fast armseligen, blaßgrünen Seidenfähnchen und einem nichtssagenden Korallenschmuck ungleich frischer und schöner wirkte als sie. Ettore schien sehr zufrieden mit seiner Frau, warf aber, während er sie bewunderte, immer verstohlen-verliebte Blicke auf sein eigenes Spiegelbild, auf seine schlanke Fechtergestalt, die nicht einmal der Frack entstellen konnte, und auf sein scharfgeschnittenes, brünettes Gesicht, das wie ein antikes Relief aus dem feierlichen Weiß der Wäsche und der Weste hervorkam. Dann meldete die Jungfer, daß die Gondel vorgefahren sei, hüllte die Damen sorgfältig in Mäntel und Schleier, und Elisabeth fuhr zum ersten Feste Venedigs.

Bei den Fabbriani fand sich an diesem Abend alles ein, was sich in diesem Winter in allen Häusern der Gesellschaft immer wieder zusammenfinden sollte. Glänzende Namen wurden vom Diener ausgerufen, die einst im goldenen Buch der Stadt gestanden hatten und unlöslich verknüpft waren mit ihren Geschicken. Viele von ihnen hatten es verstanden, alten Reichtum zu bewahren oder neuen zu erwerben, zumeist durch Heirat oder Erbschaft, mitunter auch durch industrielle Unternehmungen oder Spekulationen, und darum traten als Trägerinnen dieser Namen Frauen auf von seltsamer fremdländischer Schönheit, siegessicher im Bewußtsein ihres Reichtums, überrieselt von Familienschmuck, der noch aus fernen Jahrhunderten herkam oder auch von Steinen, die erst vor ein paar Wochen von einem Pariser oder Londoner Juwelier eingehandelt worden waren. Um sie her kreisten Männer von jener koketten Gepflegtheit und Eleganz, die nur dem Romanen zu eigen ist. Schlanke, stattliche Männer, die aussahen, als wären sie für Abenteuer und Heldentaten geschaffen, und die doch nichts anderes zu sein schienen als die ergebenen Seladons dieser siegesbewußten, flimmernden Frauen.

Die Unsicherheit, die Elisabeth schon daheim neben ihrem Mann und der Schwägerin empfunden hatte, wurde hier noch größer. Wohl kamen ihr alle liebenswürdig entgegen, fragten sie lebhaft, wie sie sich in Venedig gefalle, bestaunten sie, daß sie die fremde Sprache schon so geläufig beherrsche, aber Elisabeth kam sich trotzdem wie ein grauer Spatz vor, der in eine Gesellschaft von Paradiesvögeln geraten ist.

Alle oder fast alle diese Frauen waren ja, wenn Elisabeth sie genauer betrachtete, für ihren Geschmack zu üppig, zu dunkel, zu stark geschminkt, hatten Nüancen der Toilette, die aufdringlich wirkten, waren zuweilen mit Schmuck behängt wie Götzenbilder, rollten allzu phantastisch die Augen oder lachten so bewußt verführerisch, daß sie, jede einzeln genommen, auf Elisabeth unfein, wenn nicht gar komisch wirkten. Im ganzen aber, als geschlossener Kreis, den sie hier darstellten, ging eine Wirkung von ihnen aus, der man sich nicht entziehen konnte, waren sie der vollendete Ausdruck einer Rasse, die trotz ihres alten Blutes noch die Schönheit und die Fröhlichkeit aus den Kindertagen der Erde bewahrt zu haben schien, gepaart mit dem unbekümmerten Stolz, den nur die wirkliche Vornehmheit kennt.

Das viel mißbrauchte Wort von den Renaissancemenschen schien hier, für das Aeußerliche zumindest, Wahrheit geworden zu sein, und Elisabeth fand, daß sie neben all diesen Damen ebenso bescheiden aussah, wie ihre Diamanten neben deren wertvollen Geschmeiden, trotzdem sie daheim doch so königlich gefunkelt hatten.