Der Eindruck, den die junge Gräfin Priuli machte, war im allgemeinen günstig. Die Damen meinten, diese kleine Gräfin sei ja nicht besonders hübsch, aber ganz angenehm und jedenfalls viel besser gekleidet und viel weniger linkisch, als sie sich eine deutsche Offizierstochter gedacht hatten. Die Männer, die in kleinen Gruppen umherstanden oder sich um die funkelnden, großen Damen bemühten, zuckten wohlwollend die Achseln. Heute könne man über die junge Priuli noch nichts Rechtes sagen. Ihr Haar sei schön, ja, aber sie war doch noch recht mager und viel Temperament schiene sie auch nicht zu besitzen. Die Schwägerin dagegen, ja, das war ein anderes Weib!
»Wenn man Geld genug hätte, die zu heiraten!« sagte der junge Fabbriani und sah bewundernd auf Eleonore, die eben lachend und mit dem Fächer unwahrscheinlich große Kreise beschreibend zu seinem Bruder sprach.
Ein anderer entgegnete:
»Geld genug, sie zu heiraten, und eine Faust, um sie zu bändigen. Wer traut sich's zu? Ich mir nicht!«
Der Sprecher machte mit beiden Händen eine nicht mißzuverstehende Bewegung nach seinen beiden Stirnwinkeln. Die andern lachten und gingen zu einem andern Thema über.
Elisabeth gab genau acht, ob der kleine Leutnant, den Eleonore liebte, nicht irgendwo auftauchte, aber sie konnte ihn nicht entdecken. Dagegen lernte sie an diesem Abend die Frau kennen, die schon beim Blumenkorso ihre Neugier rege gemacht hatte, – die Fürstin Tassini. Die Fürstin war mit ihrem Mann ziemlich spät, erst gegen Mitternacht gekommen, was wohl ein wenig auffiel, aber nicht störte, da ja die Geselligkeit hier nicht ein steifes und ausgerechnetes Gastmahl bedeutete. All diese Menschen, die zu später Abendstunde zwanglos zusammenströmten, nahmen mit Sorbets, Sekt und Süßigkeiten vorlieb, und wollten nichts anderes als schwatzen, flirten, spielen und den Klatsch des einen Salons in den andern tragen.
Auch heute sah die Fürstin auf eine kleine Entfernung mit der schlanken Gestalt und dem rötlichen Haar sehr jung aus. Sie trug wieder ein silberfarbenes Kleid, diesmal aus kostbarem Brokat mit alten Venezianer Spitzen, um den Hals die Perlenschnüre, ohne die man sie nie sah, auf dem Haupt ein Diadem von Rubinen und Diamanten. Sie schritt langsam und unbekümmert, so als ob sie immerfort zur rechten Zeit käme und als ob alle rundum nur auf sie gewartet hätten. Sie begrüßte die Hausfrau und jede einzelne der Damen liebenswürdig, aber man merkte deutlich, daß niemand ihr nahe stand. Sie saß gerade aufgerichtet und etwas steif in einem Sessel mit hoher Lehne, lehnte sich aber nicht an, wandte nur im Gespräch den Kopf ein wenig nach rechts oder nach links, sprach, lächelte, nahm von dem Silbertablett eines Dieners ein Glas Sekt, alles mit höflichen, aber kühlen Gesten, so als ob sie nur eine Verpflichtung erfüllte, nicht aber zu Gast auf einem Feste war. Trotzdem sie seit mehr als zwanzig Jahren in Venedig lebte, beherrschte sie die italienische Sprache kaum, bediente sich, wenn es irgend möglich war, des Englischen, was freilich seine Schwierigkeiten hatte, weil die andern annähernd ebenso schlecht Englisch sprachen wie sie Italienisch und jeder im Innern die Aussprache des andern bemängelte. Wie Elisabeth ihr vorgestellt wurde, musterte sie die junge Frau mit einem langen, eingehenden Blick, tat als erste Frage:
»Do you speak English?«
Da Elisabeth bejahte, lud die Fürstin sie ein, sich neben sie zu setzen, begann mit ihr auf englisch ein Gespräch, das sich zunächst natürlich nur um Allgemeinheiten drehte. Die italienischen Damen, mit denen sich die Fürstin bisher unterhalten hatte, entfernten sich vorsichtig, als sie merkten, daß nun Englisch die Oberhand gewinnen würde, waren auch gar nicht unglücklich darüber, denn ein kleiner Flirt oder Klatsch mit den jungen Herren, die überall mit sehnsüchtigen Blicken umherstanden, war weit amüsanter als die Unterhaltung mit der Fürstin, die sich in keiner Weise verausgabte. Auch als sie jetzt mit Elisabeth allein saß, kam ihr Gespräch nicht über Unpersönliches hinaus. Aber immerfort hafteten die kühlen, grauen Augen der Engländerin auf Elisabeths Gesicht, als wollten sie die Gedanken lesen, die sich hinter dieser Stirn verbargen, als suche sie irgendeinen Zug, der verriet, wie es um das Herz dieser jungen Frau stand. Sie fragte Elisabeth:
»Do you like Venise?«