Er hoffte, während der kurzen Fahrt des Trambähnchens irgendeinen Anknüpfungspunkt mit dem deutschen Paar zu finden, sah sich aber peinlich enttäuscht. Die beiden, die wahrscheinlich genug hatten vom Reisepöbel, stiegen nicht ein, sondern schickten sich an, die Bagni zu Fuß zu erreichen. Ettore warf noch einen seiner lockenden Blicke auf die blonde Dame zurück, aber sie sah ihn nicht oder wollte ihn nicht sehen, hing sich an den Arm ihres Begleiters, und weil der Wagen sich nun in Bewegung setzte, waren sie bald dem Gesichtskreis Ettores entschwunden.
2.
Die Freunde Priulis, der junge Fürst Gaulo, die zwei Grafen Fabbriani und der Graf Spatò, erwarteten ihn mit mehr Geduld und besserer Laune, als er sich dachte. Sie saßen an einem runden Tisch auf der Kurhausterrasse, sogen an den Strohhalmen ihrer Graniti, sahen hinunter aufs Meer, wo einzelne, aber nicht allzu viele badeten, und sprachen in den Pausen, welche die Musikkapelle ließ, über allerlei Gesellschaftsklatsch und -neuigkeiten und über ihr Lieblingsthema, – das Heiratsproblem. Priuli hätte sich ihretwegen gar nicht auf eine Ausrede oder irgendeine Gefühlskomödie zu besinnen brauchen, denn sie waren von seinem Mißerfolg bei der Amerikanerin schon überzeugt, als seine Hoffnungen noch mit geblähten Segeln dahinfuhren. Gaulo sagte:
»Es dauert zu lange! Wenn eine Sache nicht in den ersten acht Tagen glückt, wird sie überhaupt nichts mehr! Sie nimmt Priuli nicht, verlaßt Euch darauf!«
Die andern nickten. Der jüngere Fabbriani, blond und häßlich, wie die blonden Italiener fast immer sind, sagte nachdenklich: »Es ist komisch! Priuli sieht doch so famos aus, daß man meint, er brauchte nur die Hand auszustrecken, um alle Weiber in der Tasche zu haben …«
»In der Tasche schon, aber nicht in der Kirche!« meinte Spatò, der sich gern als Experte in Heiratsangelegenheiten aufspielte. Auch ihm sah man die alte, vornehme Rasse an, aber mehr an Dekadenzmalen denn an Vorzügen. Er war engbrüstig, hatte einen auffallend langen, schmalen Schädel und lebte seit Jahren mit einer Tänzerin, von der er nicht mehr loskam. Jeder wußte, daß er nur den Tod eines reichen Großonkels, der mit Enterbung drohte, abwartete, um seine Geliebte zu heiraten.
Die andern lachten. Es war eine kleine Schwäche Spatòs, stets so zu tun, als ob er seine Tänzerin jeden Augenblick verabschieden könnte und wollte und ernstlich daran dächte, eine vorteilhafte Standespartie zu machen. Er tat nicht nur vor den Leuten so, er redete es sich auch selbst ein, und darum wußte niemand in Venedig, ausgenommen vielleicht der junge Fürst Gaulo, so genau Bescheid um alle Partien, die in Frage kamen, wie Spatò. Massimo Fabbriani tat ihm jetzt den Gefallen, auf sein Spiel einzugehen, und fragte, was man denn tun müsse, um einen Goldfisch zu angeln. Spatò wiegte leise den Kopf, schien ein wenig nachzudenken und sagte dann fast dasselbe, was Priuli vorhin erwogen hatte.
»In Venedig ist es schwer, verdammt schwer; die Konkurrenz des Auslandes ist so groß! Unsere Namen klingen da draußen zu wenig, und unsere Paläste, nun ja, wenn man einen am Canal Grande hat, mag's noch gehen (der Palazzo Spatò, dicht bei den Palazzi Mocenigo gelegen, war einer der stolzesten des Canal Grande und berühmt wegen seiner prächtigen Renaissancefassade); aber der arme Priuli hat darin Pech. In der Calle, wo er steht, sieht ihn kein Mensch!«