Zuerst fand Elisabeth an diesem Leben ein gewisses Gefallen. Diese schwarzen Gondeln, die unter nächtlichem Himmel dahinglitten und unter ihrem Baldachin geschmückte Frauen trugen, diese erleuchteten Paläste, die sich im Kanal spiegelten, diese Räume und Menschen voll Prunk und Tradition kamen ihr vor wie ein Bühnenbild, an dem sie selbst teilhaben durfte. Bald aber schwand diese ästhetische Freude vor einem leichten Ueberdruß, vor einer Gewißheit, die sie von jedem dieser Feste heimbrachte. Es war wirklich alles nur Dekoration, alles nur Schaustück und Schein, dahinter nie ein wirklicher Wert sich barg, und es war immerfort das gleiche. Niemals, so sehr der Schauplatz auch wechseln mochte, traf sie einen neuen Menschen, ein neues Wort, einen neuen Gedanken. Es war immerfort der gleiche Kreis, in dem sie sich bewegte, die gleichen Flirts, der gleiche Klatsch und immerfort das gleiche, heftige Interesse für alle Liebesgeschichten, das ihr schon in den italienischen Romanen so wunderlich erschienen war.
Jetzt, im Leben, kam es ihr noch viel wunderlicher vor, weil ja Liebesgeschichten aller Art in dieser Gesellschaft zum Alltäglichen gehörten. Die jungen Mädchen freilich wurden mit fast orientalischer Strenge gehalten und bewacht, aber es gab kaum eine Frau, die nicht ihren allgemein bekannten Verehrer gehabt, kaum einen Ehemann, der ihn nicht höflich geduldet hatte, – was verschlug es also, ob die Marchesa X. mit dem Conte Z. flirtete oder mit dem Cavaliere Y.? Was für einen Unterschied machte es, wenn der Fürst Tassini einer Sängerin vom dal Verme-Theater statt einer Tänzerin vom Trocadero huldigte? Doch all diese Menschen um sie her schienen nichts anderes zu kennen als Liebe oder das, was sie eben Liebe nannten.
Diese Salons waren angefüllt mit Frauen, deren Leben aus Nichtigkeiten bestand, mit Männern, die ihre Tage vertrödelten, wie Ettore es tat. Selten nur traf Elisabeth einen Mann, der im Beruf oder in Geschäften stand, wie etwa den Bankier Lissignolo, und auch er hätte wohl den größten Teil all dieser Feste versäumt, wenn er nicht um Eleonorens willen gekommen wäre. Bei den Frauen aber fand Elisabeth gar keine tieferen Interessen, nicht eine Spur von den großen Bewegungen, die daheim, in Deutschland, die Frauen erregten, zusammenschlossen und vorandrängten. So wenigstens schien es ihr, denn weil sie eine Fremde war, blieb sie auch den Menschen und Seelen fremd und konnte nur sehen, was auf der Oberfläche schwamm. So erschien ihr alles, was sie bis jetzt von Venedig kannte, leer und nichtig, und sie sehnte das Ende des Winters herbei, damit sie endlich leben konnte, wie es ihr gefiel, und nach so langer Zeit wieder an ihrer Staffelei sitzen, nach der sie sich schon sehnte wie nach einem verlornen Paradies.
Weder Ettore noch Eleonore verstanden, warum Elisabeth an der großen Geselligkeit kein dauerndes Gefallen fand. Sie neckten sie zuweilen ob ihrer Gründlichkeit und Schwere und freuten sich des Daseins wie Mädchen, die zum ersten Ball gehen. Ettore nahm alle geselligen Verpflichtungen so ernsthaft, als wären sie ein wichtiges Amt, und der Klatsch, den er aus den Salons oder vom Klub nach Hause brachte, erfüllte ihn wie ein beglückender Beruf. Elisabeth sah ihren Mann, hörte ihm zu und begriff ihn nicht. Viel eher begriff sie schon den Eifer der jungen Schwägerin, denn Eleonore schien sich mit jedem Fest merklicher dem Ziele zu nähern, das ihr und ihrer Mutter als Lebensideal vorschwebte: der reichen Partie. Lissignolo hatte die Scheu überwunden, die ihn, den älteren Mann, zuerst von der jungen Schönheit ferngehalten hatte. Er stand jetzt schon immer lange, ehe die Priulis erschienen, unfern der Tür des Salons, sprach mit allen möglichen Menschen, blickte aber immer wieder verstohlen nach der Tür, durch die das geliebte Mädchen eintreten mußte. Er war beglückt, wenn sie ihm die Hand reichte, ihm zulächelte und ihm zeigte, daß sie sich lieber mit ihm unterhielt als mit den jungen Herren, die sie von ferne umkreisten. Er bemühte sich wohl, seine Huldigungen nicht gar zu auffallend zu machen, aber er schickte Eleonore herrliche Blumen und Bonbonnieren, lud die alte Gräfin mit der Tochter ins Theater ein, kurz, er machte seinen Hof zwar zurückhaltend, aber doch in aller Form, so daß die Familie seine Werbung für die nächste Zeit erwarten konnte. Eleonore war sehr zufrieden. Es kam ihr zuweilen vor, als ob sie schon jetzt das Leben führe, das sie stets ersehnt hatte. Sie lag tagsüber im Bett, stand erst gegen Abend auf, saß dann ungekämmt, vernachlässigt und müßig bei der Mutter, um mit ihr von der Zukunft zu sprechen, aber wenn die Nacht sank, schlüpfte sie in eines ihrer Seidenfähnchen, ließ sich das prächtige Haar kunstvoll frisieren und fuhr lachend ihrem ältlichen Verehrer entgegen. Oft sah Elisabeth sie forschend an und hätte gerne gewußt, ob das Mädchen seine Liebe völlig vergessen habe, oder ob es nur Komödie spiele und der Vernunft nachgab. Aber weder aus Eleonore noch aus der alten Gräfin konnte sie klug werden; Eleonore sprach nie mehr ein Wort über den kleinen Leutnant, und auch die Gräfin erwähnte ihn nie mehr. Doch ihre Stimme blieb immer jammernd, auch wenn sie von dem Reichtum des künftigen Schwiegersohns sprach, und Elisabeth merkte, daß sie auch dem neuen Glück gegenüber ihr Mißtrauen nicht verlor.
»Wer kann sagen, wie alles gehen wird? Er ist so viel älter als Eleonore, das ist nicht gut, das ist wahrhaftig nicht gut!«
Im Frühsommer wurde dann Eleonore Braut. Das Haus Priuli strahlte vor Freude und Glück, und die Damen saßen tagaus, tagein in sehr anmutigen, glitzernden Sorgen, machten Notizen, häuften Bänder, Spitzen, Batist, Seide, liefen von einem Geschäft zum andern, schrieben an römische und Pariser Firmen. Wenn die Brautausstattung auch offiziell von der alten Gräfin geschenkt wurde, so wußten sie doch, daß Lissignolo später alle Rechnungen bezahlen würde, denn er hatte ausdrücklich gewünscht, daß Eleonore alles so reich und schön bekäme, wie es ihr gefiele, – sie brauchten sich also kein Gewissen zu machen, wenn sie von allem das Erlesenste wählten. Auch die Wohnung, die Lissignolo mit seiner ersten Frau bewohnt hatte, wurde ganz nach Eleonorens Wünschen hergerichtet, und der verliebte Mann stellte ihr in Aussicht, daß er späterhin irgendeinen der kleinen Paläste kaufen wollte, die immer wieder zur Veräußerung kommen. Einstweilen, meinte er, genüge ja die Wohnung allen Ansprüchen, und für die mamma wollte er ein kleines, behagliches Appartement mieten, das im Hause frei wurde und durch eine Wendeltreppe mit der Wohnung der Lissignolos verbunden werden konnte. Eleonore war ganz zufrieden mit dem Haus ihres Verlobten, nur von dem Appartement für die Mutter schien sie wenig entzückt. Lissignolo fragte besorgt:
»Meinst Du, daß es ihr nicht gut genug ist?«
Eleonore warf die Lippen auf, zögerte ein wenig mit der Antwort:
»O, gut genug wohl, aber …«
»Was aber? Sage doch, Kind, was Du meinst!«