Er küßte zuerst Elisabeth, dann seiner Frau die Hand, verschlang Elisabeth mit den Blicken, zwängte seine Riesengestalt in ein kleines Stühlchen, das zwischen den Frauen stand, so daß Elisabeths Kleid sein Knie streifte. Er erkundigte sich mit vielen Worten nach ihrem, Ettores und der Bambini Befinden, sagte ihr in etwas altfränkischer Art Schmeicheleien über ihr Aussehen, überstürzte sich mit ungeschickter Galanterie sie zu bedienen, rückte unversehens immer näher zu ihr hin, um sie deutlicher zu fühlen, um bei einer zufälligen Bewegung ihre Hand zu streifen oder ihren blonden Kopf dicht an dem seinen zu haben. Die Fürstin sah's und schien es doch nicht zu merken, nur ihre Mundwinkel zuckten mit müder Geringschätzung. Sie war sehr höflich mit dem Fürsten, behandelte ihn vollkommen als Besuch und führte die Konversation genau so weiter, wie vorhin, da er eben eintrat. Aber seltsam! War es das Zucken um ihre Mundwinkel, war es ihre kalte Höflichkeit oder die Atmosphäre dieses Raumes, – nach kurzer Zeit schon schwand die Aufgeräumtheit und die galante Beflissenheit des Fürsten dahin. Wohl drängte er sich immer noch an Elisabeth an, aber es geschah fast mechanisch aus der Gewohnheit des alten Lebemanns heraus. Seine Augen bekamen einen stieren, leichtumflorten Blick, und langsam nahm sein ganzes Wesen wieder die lakaienhafte Gedrücktheit an, die ihm in Gegenwart seiner Frau eigen war. Auch mit der Unterhaltung ging es nach den ersten Phrasen etwas stockend, denn die Fürstin setzte stillschweigend voraus, daß man in ihren Räumen Englisch sprach, und der Fürst, der es nur radebrechte, noch dazu mit italienischem Akzent, war häufig so unverständlich, daß Elisabeth immer wieder fragen und sich Sätze von ihm wiederholen lassen mußte, was natürlich die Konversation nicht belebte und die Stimmung nicht hob. Um ihm schließlich etwas Angenehmes zu sagen, griff sie nach der Photographie, welche die Fürstin vorhin, als er eingetreten war, neben sich gelegt hatte:
»Die Fürstin hat mir soeben das Bild Ihrer Söhne gezeigt! Drei patente Menschen, auf die Sie sehr stolz sein können!«
Der Fürst nahm ihr das Bild aus der Hand, diesmal ohne sie zu streifen, sah es lange zärtlich an.
»Sie gleichen ganz meiner Frau, nicht wahr?« fragte er, Elisabeth mit etwas vorgeneigtem Kopf anstarrend. Er sah in diesem Augenblick wirklich nicht verführerisch, nur ein wenig komisch aus, aber in seiner Stimme zitterte es wie eine leise Angst, wie eine Traurigkeit, daß diese drei Söhne nichts, gar nichts von ihm genommen hatten. Er tat Elisabeth leid, und sie beeilte sich darum, ihm zu versichern:
»Nur die beiden Jüngern! Der Aeltere, scheint mir, hat doch sehr viel von Ihnen! Stirn und Augen sind doch ganz wie die Ihren, und sicher hat er auch dunkle Augen, nicht wahr?«
Das Gesicht des Fürsten leuchtete auf. Wirklich, Luigi glich ihm, Luigi hatte, wie Elisabeth vermutete, schwarze Augen, wenn auch nicht so hervortretend und so rollend wie der Vater! Luigi war überhaupt ein Prachtmensch, eine Hoffnung für die Zukunft, ein Sohn, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Er geriet in Feuer, da er diesen Sohn rühmte, vergaß, daß er hier nur Englisch reden sollte, fiel ins Italienische, sprach laut und lebhaft, mit großen Gesten und pathetischen Worten, alles etwas massig und stark aufgetragen, wie es zu seiner Erscheinung paßte, aber alles ohne falschen Klang, ohne Aufdringlichkeit, durchströmt von einem Gefühl, das niemand diesem alten Frauenjäger zugetraut hätte. Die Fürstin saß still und gerade, hatte die Hände in den Schoß gelegt und sah unter gesenkten Lidern darauf nieder. Mit unbeweglichem Gesicht hörte sie dem Fürsten zu. Einmal nur hob sie die Augen, sah ihn schweigend an. Vor diesem Blick erstarrte seine Lebhaftigkeit, seine Worte wurden kleinlauter, sein Gefühl kroch wie beschämt in sein Herz zurück. Er seufzte leise, legte das Bild der Söhne behutsam wieder neben seine Frau hin. Elisabeth hatte den kleinen Vorgang beobachtet, und wenn sie ihn auch nicht recht verstehen konnte, so ärgerte sie sich doch über die Härte, mit der die Fürstin den Mann von allem wegscheuchte, woran er hing. Um dem Fürsten Gelegenheit zu geben, noch mehr von seinen Söhnen zu sprechen, sagte sie:
»Als Sie vorhin kamen, Fürst, hatte ich gerade gefragt, welchen Beruf Ihre Söhne einmal wählen werden. Wissen Sie schon etwas darüber?«
Die Fürstin antwortete an seiner Statt, antwortete mit Absicht etwas unbestimmt. Der Älteste wollte Luftschiffer werden, das stand fest, aber über die beiden Jüngern sprach sie sich nicht deutlich aus. Vielleicht daß der eine in diplomatische Dienste ging, der andere Technik studieren wollte; aber das alles waren vorläufig nur Pläne, wie Halbwüchsige sie eben machen, was sie wirklich wollten und werden würden, ließ sich erst später sagen.
Der Fürst nickte zu allem; ein rechtes Gespräch über die Söhne kam aber nicht mehr in Gang. Erst als sie sich wieder allgemeinen Dingen, besonders jüngst verflossenen, pikanten Gesellschaftshistörchen zuwandten, wurde der Fürst wieder lebhaft und heiter, flüsterte kleine Zweideutigkeiten, die er selbst dröhnend belachte, und als er Abschied nehmend Elisabeths Hand küßte, sah er wieder so lebensfreudig aus, daß die Aehnlichkeit mit dem Re galantuomo deutlicher als sonst hervortrat. Die Fürstin sah ihm nach, lächelte fast heiter und meinte, indem sie sich langsam die Hände rieb: