»Il principe Tassini befindet sich in einer großen Täuschung. Er meint, seine Söhne zu kennen; niemand ist ihnen fremder als er. Er bildet sich ein, Luigi gleiche ihm, aber Luigi gleicht mir genau ebenso wie die Jüngeren. Sie sind alle wie ich, und wenn sie's auch noch nicht sagen, so weiß ich doch, daß sie alles hassen und verachten, was ich hasse und verachte.«

»Fürstin!«

Elisabeth rief es leise, bestürzt, als wolle sie die Fürstin mahnen, auch jetzt nicht zu bekennen, was sie bis zum heutigen Tage jedem verschwiegen hatte. Die Mahnung war überflüssig, denn die Fürstin erschloß sich nicht, warf nur in scheinbar gleichgültigem Ton abgerissene Sätze hin, in denen aber doch ihr ganzer Haß und die Rache ihres verfehlten Lebens lag. Während sie sprach, preßte sie den Kopf ein wenig hintüber an die Lehne ihres Stuhles, blickte in die sinkende Dämmerung hinein, die ihr einen leisen Schleier übers Gesicht legte, als schäme sich der scheidende Tag, ihr in die Augen zu sehen, während sie sprach …

Dem Fürsten die Söhne zu entfremden, – das war ihr Ziel all die Jahre her gewesen. Darum war sie bei ihm geblieben, darum hatte sie sich selbst seit Jahren der Gegenwart ihrer Kinder beraubt, denn nichts konnte sie bei ihrem Vorhaben so wirksam unterstützen wie die Erziehung im englischen College. Dort lernten die jungen Tassinis das maßlose Selbstbewußtsein der fremde Nation, hörten tagaus, tagein, daß es nichts Besseres geben könne auf der Welt, als dem Land zu dienen, dem ihre Mutter entsprossen war. Und wenn sie natürlich auch der Geburt nach immerfort Venezianer bleiben mußten, im Herzen und im Leben konnten sie Engländer sein und alles verachten, was vom Vater her kam. Luigi würde wirklich Luftschiffer werden, aber natürlich ein Aeronaut in Englands Dienst. Die beiden andern, die sich über ihre Ziele noch nicht recht klar waren, die würden sich wohl mit dem Geld der Mutter und des englischen Großvaters an englischen Kolonialunternehmungen beteiligen oder sich große Landsitze in England kaufen und auf Du und Du mit all den künftigen Lords weiterverkehren, mit denen sie jetzt in Eton beisammen waren. Bis die Söhne mündig und also auch vor dem Gesetz jedem väterlichen Einspruch entzogen waren, wollte die Fürstin in Venedig bleiben und schweigen; der Tag, an dem auch der jüngste Sohn mündig würde, war der große Tag ihrer Vergeltung. Dann wollte sie mit ihren drei Söhnen Venedig und den Palazzo Tassini verlassen, und der Fürst mochte alt und einsam seine Tage dort so traurig oder so schändlich beschließen, wie es ihm gefiel. Nie mehr kehrte sie an die Lagune zurück, oder wenn einmal, dann nur, um diesen Palast, in dem sie all ihre Freude begraben hatte, an irgendeinen Kaufmann oder Händler zu verkaufen, damit er auch nach außen hin erniedrigt wurde, wie er es im Innern durch den Fürsten schon lange war. Elisabeth saß regungslos und horchte, war bald von Grauen gepackt und bald von Bewunderung. Sie hatte bisher in ihrem Leben wohl Antipathien oder Abneigung kennen gelernt, nie aber einen Menschen, der fähig war zu hassen, wirklich zu hassen und einer grausamen Rache durch ein Leben nachzugehen. Fast beneidete sie die Fürstin um diese Ausschließlichkeit der Empfindung und wußte doch, daß sie ihr nimmer Gefolgschaft leisten könne, denn während der Haß der Fürstin so langatmig war, daß er alles Frühere wegblies und über die Jahrzehnte hinreichte, sprach in Elisabeth immer noch eine Stimme von dem, was einst gewesen war, von der Zeit, da sie hier ihr ganzes Glück gefunden hatte. Leise sprach die Stimme und erstarb in einer stummen Frage, auf die die törichte Seele Antwort erhoffte, obgleich es doch keine Antwort mehr zu geben schien. – –


11.

Elisabeth saß in der Galerie und kopierte eine kleine Landschaft von Ruysdaels, die sie ihrem Vater schenken wollte. Eifrig saß sie an der Arbeit und ließ sich nicht weglocken, obschon draußen ein jubelnder Sonnentag lag, denn die Nachmittagsstunden waren die einzigen, in denen sie zur Sommerzeit ungestört malen konnte. Vormittags war die Galerie für Fremdenbesuch geöffnet, und wenn Elisabeth auch immer wieder entschlossen war, sich um die Besucher nicht zu kümmern und zu tun, als ob sie allein wäre, so störte es sie doch, wenn alle Augenblicke einer neben sie trat, Original und Kopie mit den Blicken verglich oder gar halblaute Bemerkungen über die Malerin machte. An diesen Nachmittagen aber war's hier einsam und friedlich, kein Laut ertönte, als von draußen die Rufe der Gondolieri und das sanfte Plätschern, mit dem die Welle von den breiten Rudern abfloß. Fast hätte Elisabeth sich einbilden können, daß sie wieder daheim in der Pinakothek oder der Schack-Galerie sitze und emsig für irgendeinen Besteller oder auch nur einen ersehnten Käufer ihr Bild pinsele. Da sie's dachte, wurde ihr zuerst froh und dann melancholisch zumute, denn dies alles schien schon so weit hinter ihr zu liegen, daß sie es kaum mehr mit Gedanken erreichen konnte. Und als sie sich Mühe gab, sich die Mädchenjahre deutlicher zu vergegenwärtigen, als es ihr schon fast gelungen war, da störte sie überlautes, schreiendes Sprechen, das von den Zimmern der alten Gräfin her drang. Elisabeth trat ein wenig von der Staffelei zurück, faßte Palette und Malstock in die linke Hand und lauschte mit vorgeneigtem Kopf. Sie konnte natürlich nicht verstehen, was da drüben geredet oder geschrien wurde, sie unterschied aber deutlich Eleonorens Stimme und die der alten Gräfin. Es mußte heute ungewöhnlich heftig zwischen den beiden Frauen hergehen, denn die Stimme der alten Gräfin verlosch immer mehr, wurde völlig verschlungen von dem Toben Eleonorens, die immer wieder rasend aufschluchzte und dazwischen schmetternd zu Boden warf, was ihr in die Hände kam. Einen Augenblick überlegte Elisabeth, ob sie nicht hinübergehen und die Damen mahnen sollte, sich doch wegen des Aufhebens im Hause ein wenig zu mäßigen. Sie wußte ja, daß, sobald Eleonore kam, die Dienstboten neugierig herbeihuschten, um in verborgenen Winkeln oder unter allerlei Ausreden dicht vor der Tür zu erlauschen, was sich in den Gemächern der alten Gräfin an Zank und Skandal zutrug. Sie ging aber doch nicht hinüber, sondern blieb in der Galerie. Schließlich konnten die Dienstleute heute nichts anderes erfahren, als was sie an allen Tagen vorher erfahren hatten, und was alle Spatzen von den Dächern pfiffen! Sie hatte zu Anfang wohl ein oder das andere Mal versucht, Frieden oder wenigstens äußerlich Ruhe zu stiften, aber es war ihr nie gelungen. Vielmehr waren jedesmal die drei Priuli gegen sie zusammengestanden und hatten ihr bedeutet, daß sie sich nicht in Angelegenheiten mischen sollte, die sie nichts angingen.

Nachdem das rasende Schluchzen und Toben eine Weile gewährt hatte, riß jemand in den Gemächern der Gräfin eine Türe auf, schlug sie hastig hinter sich wieder zu, und Elisabeth wußte, ohne daß sie es sah, daß Eleonore zerrauft und verweint von der Mutter fortstürmte zu der Gondel, die drunten angekettet lag. Elisabeth sah ihr nicht nach, kümmerte sich scheinbar um die ganze Szene nicht weiter, wenngleich sie jedesmal verstimmt und angeekelt blieb, wenn sie zum unfreiwilligen Zeugen ähnlicher Auftritte gemacht wurde. Sie malte weiter, gab sich Mühe, nicht an das zu denken, was sie soeben erlauscht hatte, obschon sie sich sagte, daß sich heute etwas Außergewöhnliches bei ihrer Schwiegermutter zugetragen haben müsse. Sie wunderte sich darum auch nicht sehr, als die alte Gräfin nicht bei Tisch erschien und sagen ließ, sie läge mit Kopfschmerzen zu Bett. Sie fragte Ettore:

»Deine Mutter ist doch wohl nicht ernstlich krank? Soll ich zu ihr gehen und mich nach ihr umsehen, oder glaubst Du, daß es ihr lieber ist, wenn man sie allein läßt?«