Elisabeth fuhr jetzt fast täglich gegen Abend in die Giardini Publici hinüber, obwohl es nicht zum guten Ton gehörte, einen Volksgarten zu besuchen. Sie fragte aber nichts nach dem Achselzucken ihres Mannes oder ihrer Schwiegermutter, denn dieser weite Park sagte ihr mehr, als die beiden verstehen konnten. Mit seinen prächtigen, alten und seltenen Bäumen, seinen weiten Wiesenplänen, seinen schattigen Laubgängen, seinen blühenden Blumenbosketts, in deren Düfte sich der süße Sang der Vögel mischte, erschien er ihr so unvenezianisch, so heimatlich vertraut, daß sie in seiner Einsamkeit ihr wirkliches Leben fast vergessen und träumen konnte, daß sie daheim sei, weit fort von der Lagune mit all ihren Geheimnissen. Denn einsam war man hier immer, weil die Menschen, die aus der Stadt kamen, sich lieber in die Gartencafés drängten, wo die Märsche der Musikkapellen schmetterten und auch sonst allerlei Schaustellungen naive und heitere Besucher anlocken mochten. Elisabeth aber ging dem Lärm und der Menge aus dem Weg, saß auf einer Steinbank und schaute durchs Buchengrün oder über die Rispen blühender Wiesen hinaus in eine Ferne, die sie nicht erreichen konnte. Die wenigen Menschen, die vorübergingen, sahen kaum hin nach der jungen Frau in dem weißen Sommerkleid mit dem großen Blumenhut, und weil sie so außerhalb aller Aufmerksamkeit blieb, achtete auch sie nicht auf die Vorübergehenden, merkte nicht, daß jetzt der Schatten eines Mannes auf dem weißen Weg und über dem Wiesenrand lag, eines Mannes, der mit langsamem Schlenderschritt daherkam und Elisabeth zweifelnd ansah, weil er nicht recht wußte, ob sie's war oder nicht. Als er etwa zwei Schritte von ihr entfernt war, hob sie den Kopf, und nun erkannten sie sich.

»Du hier, Lisa, das ist seltsam!«

Sie gab sich Mühe zu lächeln:

»Warum seltsam, Carlo? Ich könnte ebensogut sagen, es ist seltsam, daß Du hier bist!«

»Ja, das ist wohl wahr, aber – erlaubst Du, daß ich mich ein wenig zu Dir setze?«

»Gerne! Nur bin ich eine ziemlich öde Gesellschaft.«

»Warte erst ab, ob ich amüsanter bin!«

Er hatte obenhin und lachend gesprochen, wie man Scherzreden tauscht, aber da er in ihr Gesicht sah, merkte er, daß sie verstimmt und trübe aussah. Er setzte sich neben sie, nahm den Strohhut vom Kopf, legte die Arme auf die Knie und ließ den Hut zwischen seinen Beinen hin und her pendeln, während er nach einem Wort suchte, das ein Gespräch in Gang bringen konnte, ohne die junge Frau zu ermüden oder zu quälen. Auch sie hatte die Arme auf die Knie gelegt, hielt den Kopf gesenkt und bohrte mit der Spitze ihres grünen Sonnenschirms eigensinnig Streifen und Löcher in den weichen Sand, mit dem die Wege bestreut waren. So saßen sie eine Weile ohne zu sprechen und fast komisch anzusehen in der Gleichartigkeit ihrer Haltung, ihrer Bewegungen und ihres Schweigens. Endlich fragte Carlo:

»Hat Ettore sich gestern beim Königsdiner gut unterhalten?«