»No, no, die Priuli haben kein Glück!«
Elisabeth, die wohl merkte, daß sie selbst den Mann immer mehr zu seiner Familie hintrieb, machte dennoch keine Anstrengungen, ihn zu sich zurückzuholen. Sie dachte nur manches Mal, wie seltsam es sei, daß das wenige Gute in seinem Wesen nie für sie, immer nur für die eigene Brut vorhanden war.
12.
In eben diesen Tagen, da alle Salons und Müßiggänger von nichts anderem sprachen als von der Flucht der schönen Eleonore Lissignolo, kam der König zur Flottenschau nach Venedig. Da fiel es die Stadt an wie ein Rausch von Geschäftigkeit und Lust, und von der österreichischen wie von der italienischen Küste her kamen immerfort Dampfer angeschwommen, überfrachtet mit Menschen, die das Interesse oder auch nur die Neugier hertrieb zu dem großen, maritimen Schauspiel. Alle Hotels und Pensionen waren überfüllt, von den öffentlichen Gebäuden wehten Flaggen und Wimpel, auf dem Palazzo Reale flatterte die Königsstandarte vergnügt in die klare Septemberluft hinein, als könne sie's vor Jubel kaum fassen, daß sie endlich wieder ihre alten Bekannten, die Lagune, den Dogenpalast und den Löwen von San Marco, schauen durfte. Im Hafen lagen mit Blumen und bunten Lampions geschmückte Schiffe, auf denen nachts musiziert und getanzt werden sollte, und die Aristokratie träumte schon von einem großen Ball in dem sonst vereinsamten Königspalast, weil es zuerst hieß, daß die Königin den König begleiten würde. Hier gab es aber eine kleine Enttäuschung, denn der König kam allein mit dem Herzog von Genua, und der ersehnte Ball schrumpfte zu einem Herrendiner zusammen, das die Vornehmen Venedigs an der königlichen Tafel vereinigte.
Elisabeth verließ in all diesen Tagen kaum ihr Haus. Sie scheute sich, Bekannte zu treffen, die mit Worten oder auch nur mit Blicken indiskrete Fragen tun und immer aufs neue den Familienskandal aufrühren konnten, der eben jetzt um die Priuli wob. Sie hatte sogar Ettore erklärt, daß sie keinesfalls zu dem Ball im Königspalast gehen würde, und war entschlossen gewesen, für etliche Wochen zu verreisen, nur um dem Fest aus dem Wege zu gehen. Als dann der Ball nicht stattfand, saß Ettore heiter an seines Königs Tafel, freute sich über das gute Essen und Trinken, schrie nach jedem Trinkspruch dröhnend mit im Chor »Evviva!«, obwohl ihm ganz gleichgültig war, worauf man gerade anstieß, beantwortete Fragen und Anspielungen lächelnd oder mit einem kleinen Witz und wäre restlos glücklich gewesen, wenn ihn nicht unablässig Geldsorgen bedrückt hätten. Geldsorgen und mit ihnen die Frage, wie er es möglich machen sollte, nicht nur für sich, sondern auch für die Schwester ausgiebig zu sorgen, ohne bei seiner Frau betteln und Abweisungen befürchten zu müssen.
Elisabeth, – sein Blick wurde dunkel vor Zorn, da er ihrer gedachte. Welch eine Verblendung hatte ihn befallen, daß er sich an diese Frau band, die nichts von ihm verstand, ihn mit ihrer deutschen Kleinbürgerlichkeit und Knauserei quälte! O, einmal, ein einziges Mal nur eine große, eine märchenhaft große Geldsumme in Händen haben! Wenn ihm das gelänge, dann würde er ihr schon zeigen, wie wenig sie ihm mehr war, und wie er sich von ihr fort nach der Freiheit seiner früheren Tage sehnte! Mit einer märchenhaften Summe Geldes konnte sich das Schicksal der Priuli noch einmal wenden. Wenn Ettore in der Lage wäre, mit vollen Händen nach allen Seiten Geld auszustreuen, würden sie in Rom seine Ehe und auch die seiner Schwester als ungültig erklären, und beide konnten dann wieder ihrem Herzen folgen. Eleonore mochte mit der verschwenderischen Mitgift, die der Bruder spendete, ihren Leutnant heiraten, Ettore durfte wieder unbemängelt seinen Neigungen leben, bei der mamma sitzen, durch die Tage hinschlendern und schließlich, wer weiß, doch noch einmal einen von den transatlantischen Goldfischen angeln. Das alles und noch mehr Schönes war möglich, sobald es Ettore gelingen würde, die märchenhaft große Summe herzuschaffen …
In dieser Zeit fiel es ihm ein, daß die Priuli ja noch einen ungehobenen Schatz besaßen, den sie münzen lassen konnten: die ›Dogaressa‹. Er besann sich nicht lange und ließ durch einen Unterhändler die Regierung fragen, ob sie nicht geneigt wäre, das berühmte Bild für ihre Staatssammlungen zu erwerben. Es bereitete ihm Vergnügen, Elisabeth schon jetzt von diesem geplanten Verkauf zu sprechen, weil er wußte, wie weh er ihr damit tat. Er war auf heftige Vorwürfe und leidenschaftliche Vorstellungen gefaßt gewesen und hatte sich schon gefreut, ihr immerfort zu entgegnen: »Es ist mein Bild! Ich kann mit ihm machen, was ich will, geradeso wie Du mit Deinem Gelde!« Aber seltsamerweise war Elisabeth viel ruhiger geblieben, als er gedacht. Sie wußte genau, daß Widerspruch von ihr Ettore in seinem Vorhaben nur bestärken würde, und so weinte sie nur insgeheim, daß nun auch sie zu den Familien gehörten, die köstliches Erbgut verkaufen müssen, weil die Untüchtigkeit der Nachfahren es nicht zu erhalten verstand …
Zu Ettores Schmerz und Elisabeths Freude sollte aber die ›Dogaressa‹ doch noch im Besitz der Priuli bleiben. Die Regierung bot nämlich nur etliche hunderttausend Lire, und Ettore, der schon mit Millionen gerechnet hatte, lehnte das Angebot mit wütendem Lachen ab. Die Regierung ging mit ihrem Angebot nicht in die Höhe, denn sie dachte, daß der Graf Priuli über kurz oder lang doch gezwungen sein würde, ihr das Gemälde zu überlassen, und so waren alle Ängste und alle Träume, die um das Bild gewoben hatten, vergeblich gewesen. – –