»Als ob es bei Lissignolo darauf ankäme! Das Geld, das er mir gab, ist doch in der Familie geblieben!«

»Verstehst Du mich nicht, oder willst Du mich nicht verstehen?«

»Nein, ich verstehe Dich wirklich nicht. Du machst jetzt ein lächerliches Aufheben um eine Sache, die sich schon ganz von selbst erledigt hat! Eleonore ist fort, – weshalb sollte mein Schwager mir noch weiterhin Geld vorstrecken?«

Da hob Elisabeth mit einer jähen Bewegung die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken und sagte mit funkelnden Augen:

»Ich will wissen, durchaus wissen, hörst Du, was wir Lissignolo zurückzahlen müssen. Wenn ich es nicht von Dir erfahre, verlasse ich das Haus!«

»Wie es Dir beliebt, ganz wie es Dir beliebt. Ich halte Dich nicht zurück, Dich nicht! Aber Du täuschst Dich, wenn Du vielleicht meinst, daß Du die Kinder mitnimmst! Die Kinder gehören mir, und ehe ich sie Dir lasse, schleif' ich sie an den Haaren wieder zu mir zurück! Bei uns gibt es, Gott sei Dank, nicht Eure laxen Gesetze, nach denen man aus einer Ehe davonläuft, wie ein Dienstbote aus seiner Stelle. Suche Dir übrigens, gleichviel ob hier oder anderswo, einen Gerichtshof, der mich schuldig findet, weil ich von meinem Schwager Geld genommen habe. In ein Sanatorium würden sie Dich schicken, wo Du ja auch mit Deinen Schrullen schon längst hingehörst!«

Zur Bekräftigung seiner Worte machte er noch ein verständliches Zeichen nach der Stirn und schlug krachend die Türe hinter sich zu.

Er schlenderte auf der Straße dahin, war aufrichtig und tief empört. Von allem, was seine Frau als Beschämung empfand, verstand er nichts, und darum war er wütend auf sie und auf die Gefühlssubtilitäten, mit denen sie ihn immer wieder plagte. Und das geschah ihm auch noch gerade jetzt, wo so vieles vor seinen Augen zusammenbrach, wo seine und vermutlich auch Eleonorens Existenz auf dem Spiele stand! Sein Gesicht wurde unruhig und finster, und wie schon einmal, als die Wogen des Mißgeschicks über ihm zusammenzuschlagen schienen, trat er auch heute in die Kirche, wo das Grabmal des großen Priuli sich erhob. Aber so wenig wie damals fand er heute dort Trost oder Erhebung, denn mit garstigem Grinsen blieb die Wahrheit vor ihm stehen, daß er nun wieder völlig auf den guten Willen und die offene Hand seiner Frau angewiesen war.

In unausgeglichener Stimmung verließ Ettore seinen großen Ahnherrn und schlenderte mißvergnügt am Molo entlang. Er kam sich sowohl von seiner Frau wie von seiner Schwester brutalisiert vor und bedachte ganz gegen seine Gewohnheit, was nun eigentlich geschehen müsse. Die Hoffnung, Eleonore zu ihrem Mann zurückzuführen, hatte er schnell aufgegeben, denn er hatte an diese Möglichkeit nie ernsthaft geglaubt, weil er eben seine Schwester und ihre verhängnisvolle Hörigkeit besser kannte als die andern rund umher. Auf Lissignolo konnte er also in keiner Lage und Verlegenheit mehr rechnen, das war ihm klar, und ebenso klar war ihm, daß wohl schon in der nächsten Zeit die Schwester ihn mit Forderungen aller Art bestürmen würde, denn sie besaß ja nichts als den Schmuck und das Bargeld, das sie bei ihrer Flucht mitgenommen hatte. Er hätte am liebsten laut geflucht, wenn er bedachte, wie bequem die Existenz für sie beide bis jetzt gewesen. Nie mehr hatte er Elisabeth einen Scheck abfordern oder abbitten müssen, war immerfort zur Schwester gegangen, gleichviel ob es sich um eine Spielschuld, um seine obskuren Liebesabenteuer oder um eine exorbitante Schneiderrechnung handelte, denn immerfort hatte Eleonore Geld in Hülle und Fülle gehabt für sich und für ihn. Und das alles war nun in den Wind geschlagen, diesem Laffen in Pisa zuliebe, der an nichts dachte als an ihre Ausbeutung! Aber alle Erwägungen und aller Zorn halfen nichts, und Ettore fand allmählich, daß er vorhin mit seiner Heftigkeit gegen Elisabeth unklug gewesen war, weil er ja nun doch wieder auf sie angewiesen blieb. Es gab für ihn im Augenblick nichts anderes als Rückkehr zu ihr und Versöhnung, und als er spätabends nach Hause kam, versuchte er, den ganzen Streit nur als die Übereilung zweier Hitzköpfe hinzustellen und mit ein paar lachenden, zärtlichen Worten den Frieden wiederherzustellen … Er versuchte es, aber Elisabeth war nicht zur Weichheit aufgelegt, wurde es auch an den folgenden Tagen nicht, obschon Ettore sich bemühte, ihr ein Lächeln abzugewinnen und die Harmonie längst vergangener Zeiten wieder aufleben zu lassen. Schließlich verdroß ihn ihre beständige stumme Ablehnung, und er widmete sich wieder ganz seiner Mutter, geleitete sie in die Kirche, half ihr bei den Patiencen, hörte ihr geduldig und tröstend zu, wenn sie triumphierender als sonst, weil sie recht behalten hatte, mit ihrer scheppernden Stimme jammerte: