»Kommst Du oft hierher?«

»Fast jeden Tag. Allmählich sind mir die Giardini Publici das Liebste von ganz Venedig geworden. Hier ist alles so grün und frisch, daß man atmen kann, als wäre man irgendwo, irgendwo … Hier kann man so gut Venedig vergessen!«

Wieder versuchte Carlo ihre Worte scherzhaft zu wenden.

»Bist Du so unzufrieden mit unserer Stadt, daß Du sie vergessen willst?«

Sie erwiderte ernsthaft, ohne aufzublicken.

»Ich habe mir wohl einmal eingebildet, daß mein Glück hier auf mich wartete, aber heute weiß ich, daß es mein Glück gewesen wäre, wenn ich Venedig nie gesehen hätte –«

Er sah sie von der Seite her an. Der große Hut beschattete zwar den oberen Teil ihres Gesichts, aber er merkte doch, daß ihr Mund schmerzhaft gefaltet lag, wie von vielen Enttäuschungen, daß um Schläfen und Wangen feine Linien liefen, wie verschwiegene Schmerzen und verweinte Nächte sie ziehen. Enttäuscht und blond, wie sie dasaß, war sie nicht mehr nur die Gräfin Elisabeth Priuli, glich vielmehr dem Symbol steter Enttäuschungen, die von alters her alle erfuhren, die von Norden her, in den Süden verliebt, zu ihm gezogen waren …

»Du hast Dich sehr verändert! Ich erinnere mich, daß Du früher nicht genug von Venedig schwärmen konntest!«

Sie setzte sich jetzt gerade auf, breitete die Arme über die Lehne der Bank lang aus und sagte bitter:

»Früher, solang ich es nicht kannte! Aber jetzt kenn' ich es, und jetzt mein' ich mitunter, ich müßte an dieser Stadt ersticken. Weißt Du, zu Anfang blendet einen das, berauscht einen, wie Euer ganzes Land! Da stößt man bei Schritt und Tritt auf die große Vergangenheit, und alles scheint noch festgebunden und verwurzelt in Gesetzen, von denen man bei uns daheim schon lange nicht mehr weiß! Und jeder Lazzaroni bewegt sich wie ein kleiner Fürst, und alles, was Ihr tut und habt, scheint so von Schönheit erfüllt, daß unsereins sich arm und bäurisch daneben vorkommt. So fangen wir alle hier an, aber nach einiger Zeit kommt der Katzenjammer, und man merkt, daß Venedig nur eine Attrappe ist, eine Renaissanceattrappe mit einer sehr ordinären Füllung. Irgendwer hat Euer Land einmal ›die Idealistenfalle‹ genannt, und, glaube mir, er hat sehr recht gehabt … Wenn ich bedenke, mit welchen Illusionen ich hierherkam, und wie sich auch nicht eine einzige von allen realisiert hat, dann möcht' ich weinen, oder nein, ich möchte lachen, weil ich schon genug geweint habe und eigentlich ja gar nichts anderes wert bin, als daß man mich auslacht.«