Während sie sprach, hatte sich ihr Gesicht erhitzt, und ihre Wimpern schimmerten wie von kleinen Tränen. Sie legte den Kopf hintüber auf die Lehne der Bank, sah geradeaus in den tiefblauen Himmel hinein, als wolle sie vergessen, wo sie war, und zugleich ihr Gesicht den forschenden Blicken Carlos entziehen. Er sah sie flüchtig an, während er fragte:
»Warum hast Du Ettore geheiratet?«
»Du fragst seltsam! Ich habe ihn geheiratet, weil ich mich in ihn verliebte!«
Carlo schüttelte heftig den Kopf, sagte bestimmt:
»Nein, nein, das ist nicht wahr! In ihn hast Du Dich gar nicht verliebt, sondern in das Brimborium, das um ihn her ist. Du hast ihn geheiratet, weil er einen alten, gefeierten Namen trägt, und weil er einen berühmten Palazzo hat, und weil eine seiner Ahnfrauen von Tizian gemalt worden ist, und weil er in einer schönen Pose unter dem Portal seines Palazzo stand oder beim Blumenkorso fuhr! Wäre er nur ein simpler Signore Ferrari oder Domenico gewesen, der irgendeinen bürgerlichen Beruf ausübt, wie tausend andere, nie wär's Dir in den Sinn gekommen, Dich an ihn zu binden! Freilich wäre er ja auch in einem bürgerlichen Beruf nicht zu finden gewesen, weil er dazu ganz untauglich ist!«
»Du urteilst sehr hart!«
Elisabeth suchte in ihrem Innern noch andere, wärmere Worte der Rechtfertigung und der Entschuldigung für sich und Ettore zu finden, aber keines stellte sich ein. Carlo sprach ja nur klar und mitleidlos aus, was sie selbst schon oft dunkel empfunden hatte, und wenn sein Urteil sie auch sehr klein hinstellte, so tat es ihr doch wohl, daß jemand einmal deutlich zu ihr von ihrem Irrtum sprach, statt sie immerfort nur, wie Ettore und die Seinen es taten, als anspruchsvoll und undankbar hinzustellen. Sie bedachte jetzt Carlos Worte genau, setzte ihrer schwachen Rechtfertigung schüchtern hinzu:
»Nein, ganz so war es doch nicht. Ich habe Ettore wirklich sehr lieb gehabt, nicht nur weil er, wie Du sagst, mit allem möglichen Brimborium umgeben war. Ich habe so viel von ihm und für ihn gehofft, und es ist nicht meine Schuld oder wenigstens nicht meine Schuld allein, wenn er mich so sehr enttäuscht hat!«
»Es ist Deine Schuld ganz allein, denn Du hast ihn nie gesehen, wie er war, immer nur, wie Du ihn sehen wolltest!«
»Tut das nicht jeder Mensch, der verliebt ist?«