Auf der andern Seite mindert der Gedanke an die freiwillig übernommenen Pflichten, und ein Gefühl von Zufriedenheit mit meiner Lage das Bedauern, welchem ich nachzuhängen, mich geneigt finden möchte. Ueberdies giebt es für mich neue und heilige Banden, die mich an Canada fesseln; ich habe viel häusliches Glück genossen, seitdem ich hierher gekommen bin; — und ist Canada nicht das Geburtsland meines theuren Kindes? Habe ich nicht hier zum ersten Male jenes Entzücken genossen, welches von mütterlichen Gefühlen entspringt? Wenn mein Auge auf meinem lächelnden Bübchen ruht, oder wenn ich seinen warmen Athem an meiner Wange fühle, so füllt meine Brust eine Wonne, die ich gegen kein Vergnügen auf Erden vertauschen möchte. »Recht gut,« hör' ich Sie im Geiste erwiedern, »allein diese Empfindungen sind ja nicht auf eure einsamen canadischen Wälder beschränkt.« Ich weiß dies wohl, aber hier stört mich nichts in meiner Zärtlichkeit, in den Liebkosungen meines theuren Kindes. Hier wird man nicht durch rauschende weltliche Vergnügungen zur Vernachlässigung seiner Mutterpflichten veranlaßt, hier kann nichts den holden Knaben aus meinem Herzen verdrängen; seine Gegenwart macht mir jeden Ort theuer und werth, ich lerne die Stelle lieben, wo er geboren worden ist, und denke mit Wohlgefallen an meine neue Heimath, weil sie sein Vaterland ist; und blicke ich in die Zukunft, und fasse ich sein künftiges Wohlergehn ins Auge, so fühle ich mich mit doppelter Anhänglichkeit an die Erdscholle gefesselt, welche er eines Tages sein nennen wird.

Vielleicht würdige ich das Land nur nach meinen eignen Gefühlen; und wenn ich bei einer unparteiischen Prüfung meines gegenwärtigen Lebens finde, daß ich eben so glücklich oder noch glücklicher bin, als in der alten Heimath, so muß ich es schätzen und lieben.

Wollte ich mich über die Vortheile, die ich besitze, ins Einzelne einlassen, so würden sie in den Augen von Leuten, die in all dem Glanze, all der Herrlichkeit und Fülle schwelgen, die Reichthum in einem durch Natur sowohl als Kunst den rauschenden Vergnügungen der Welt so günstigen Lande verschaffen kann, in einem sehr negativen Charakter erscheinen; allein ich habe ja nie dem Wohlleben und der Modesucht gefröhnt. Große Gesellschaften und die alltäglichen Vergnügungen der eleganten Welt verursachten mir stets Langeweile, wo nicht Ekel. Durch all dieses hofartige Treiben wird das Herz nicht befriedigt, wie sich ein Dichter äußert, und ich pflichte dem Ausspruch völlig bei.

Ich war immer nur zu sehr geneigt, mit Ungeduld die Fesseln von mir zu spornen, welche Etiquette und Mode der Gesellschaft anzulegen pflegen, bis sie ihren Jüngern alle Freiheit und Unabhängigkeit des Willens rauben, und dieselben sich bald genöthigt sehen, für eine Welt zu leben, die sie im Stillen verachten und satt haben, für eine Welt, die sie noch dazu mit Geringschätzung betrachtet, weil sie nicht mit einer Unabhängigkeit handeln dürfen, die so wie sie sich äußert, gleich zu Boden gedrückt werden würde.

Ja ich muß Ihnen offen bekennen, daß meine gegenwärtige Freiheit in diesem Lande ein großer Genuß für mich ist. Hier besitzen wir einen Vortheil vor Ihnen, so wie auch vor denjenigen, welche die Städte und Dörfer meines neuen Vaterlandes bewohnen, denn leider herrscht in diesen ein lächerliches Streben, einen Schein zu unterhalten, welcher der Lage derer, die ihn annehmen, durchaus nicht entspricht. Wenige, sehr wenige Emigranten kommen in die Colonien, außer mit der Absicht, für sich und ihre Kinder Unabhängigkeit zu erlangen. Diejenigen, welchen es nicht an Mitteln zu einem behaglichen Leben in der Heimath gebricht, würden sich wohl schwerlich jemals den Entbehrungen und Unannehmlichkeiten eines Ansiedler-Lebens in Canada aussetzen; der natürliche Schluß aus allem diesem ist, daß der Emigrant mit dem Wunsche und der Hoffnung hierher gekommen, seinen Zustand zu verbessern und die Wohlfahrt einer Familie zu sichern, die er in der Heimath anständig zu versorgen, nicht die Mittel hatte. Es ist mithin wirklich närrisch und ungereimt, eine Lebensweise anzunehmen, die, wie jeder weiß, nicht behauptet werden kann; dergleichen Leute sollten doch viel mehr in dem Bewußtsein, daß sie, wenn es ihnen gefällt, ihren Umständen gemäß leben können, ohne wegen ihrer Sparsamkeit, Klugheit und Thätigkeit minder geachtet zu werden, ihre Glückseligkeit suchen.

Wir Buschsiedler unsers Theils sind weit unabhängiger, wir thun, was uns beliebt, wir kleiden uns, wie es uns am passendsten und bequemsten dünkt; wir haben nichts von einem Mr. und einer Mrs. Grundy zu fürchten; und da wir die Fesseln des Grundyismus abgeschüttelt haben, so lachen wir über die Thorheit derjenigen, welche von neuem ihre Kette schmieden und gleichsam umarmen.

Statten uns unsre Freunde einen unerwarteten Besuch ab, so nehmen wir sie unter unsern niedrigen Dache gastlich auf, und geben ihnen das Beste, was wir haben; und ist unsre Kost noch so gering, so tischen wir sie mit gutem Willen auf, und eine Entschuldigung wird weder gemacht noch erwartet; da Jedermann mit den mißlichen Verhältnissen einer neuen Ansiedlung bekannt ist; ja eine Apologie wegen Mangel an Vielfältigkeit oder Leckereien der Tafel würde in dem Gaste einen Selbstvorwurf erzeugen, daß er unsre Gastfreundschaft zur ungelegnen Zeit auf die Probe gestellt.

Unsre Gesellschaft besteht meist aus See- und Land-Offizieren, so daß wir in diesem Punkte in unsrer Sphäre sind, und auf feinen Anstand und gute Sitten zählen können, und an eine Abweichung von jenen Gesetzen, die guter Geschmack, gesunder Verstand und ein richtiges moralisches Gefühl unter Leuten unsers Standes begründet haben, nicht zu denken ist.