Indeß gereicht es hier zu Lande der Frau eines Offiziers oder Gentleman keineswegs zur Unehre, wenn sie in der Hauswirthschaft selbst Hand anlegt, oder alle häusliche Pflichten, sobald es die Gelegenheit erfordert, allein verrichtet. Erfahrenheit in den Geheimnissen der Seifen-, Lichter- und Zucker-Bereitung, im Brodbacken, Buttern und Käsemachen, im Melken der Kühe, im Stricken, Spinnen und der Zubereitung der Wolle für den Webstuhl, ist für sie von unendlichem Werth und macht sie zu einem ehrenwerthen Mitgliede der Gesellschaft. In dergleichen Dingen strafen wir Busch-Damen, die, welche die Nasen rümpfen und die vornehmen Bemerkungen, welche ein Mr. oder eine Mrs. N. N. in der Heimath machen würde, mit gebührender Verachtung. Wir rühmen uns unsrer Fügung in die Umstände; und da ein brittischer Offizier nothwendiger Weise ein feiner, gebildeter Mann, und seine Gattin eine feine Dame sein muß, so trösten wir uns mit dem Besitz dieser Eigenschaften als dem unwiederleglichen Beweis einer höheren Bildung, und lassen uns in unsrer nutzvollen Thätigkeit nicht im mindesten stören, da hierdurch unsre Sittenfeinheit keinen Abbruch erleiden kann.
Unsre Gatten verfolgen eine ähnliche Lebensweise; der Offizier vertauscht seinen Degen mit dem Pflugschaar, seine Lanze mit der Sichel, und wer ihn zwischen den Baumstummeln den Boden aufhacken, oder auf seinem Grundstück Bäume fällen sieht, denkt deswegen nicht geringer von ihm und seinem Stande, oder hält ihn darum weniger für einen Gentleman, wie früher, als er noch in allem Glanze und aller Würde militairischer Etiquette, mit Feldbinde, Degen und Epauletten auf dem Paradeplatze erschien. Es ist alles ganz so, wie es in einem Lande sein muß, wo Unabhängigkeit von Betriebsamkeit und Fleiß unzertrennlich ist, und gerade dieser Umstand macht es mir so schätzenswerth.
Unter mehren Vortheilen, deren wir uns in diesem Gemeinde-Bezirk erfreuen, halte ich den nicht für unbeträchtlich, daß die niedere arbeitende Ansiedler-Klasse aus ordentlichen, gutwilligen und von den widrigen Yankie-Sitten, wodurch sich manche der früher angesiedelten Gemeinde-Bezirke zu ihrem Nachtheil unterscheiden, völlig freien Leuten besteht. Unsre Dienstboten sind eben so oder fast eben so ehrerbietig, als die in der Heimath; auch werden sie nicht an unsere Tische gezogen oder auf gleichen Fuß mit uns gestellt, ausgenommen als »Bienen« und bei ähnlichen öffentlichen Versammlungen; wobei sie sich in der Regel anständig und geziemend benehmen, so daß sie manchen, die sich Gentleman nennen, nämlich jungen Leuten, die willkührlich jene Beschränkungen auf die Seite setzen, welche die Gesellschaft von solchen, die einen achtbaren Posten ausfüllen, erwartet, als Muster dienen könnten.
Unmäßigkeit ist leider ein nur zu vorherrschendes Laster unter allen Volks-Klassen in diesem Lande; allein ich erröthe, indem ich es sage, daß sich vorzüglich diejenigen desselben schuldig machen, welche dem bessern Stande angehören wollen. Solche mögen doch ja nicht über die Freiheiten klagen, welche sich die arbeitende Klasse gegen sie heraus nimmt, und daß sie ihnen auf eine Weise begegnet, als wäre sie ihres Gleichen, denn sie stellen sich ja selbst durch ihr Betragen unter den anständigen, nüchternen, wenn auch armen Ansiedler. Wenn sich die Söhne von Gentlemen selbst erniedrigen, so darf es ja gar nicht befremden, daß die Söhne armer Leute in einem Lande, wo alle einander auf gleichem Boden begegnen, und nur ein anständiges feines Benehmen Unterschiede zwischen den verschiednen Klassen bildet, sich über sie zu erheben suchen.
Als ich vor einigen Monaten bei einer Freundin in einem entfernten Theile des Landes zum Besuch war, begleitete ich sie in die Wohnung eines Geistlichen, des Predigers in einem blühenden Dorfe in dem Gemeinde-Bezirk, wo sie einige Tage bleiben wollte — die patriarchialische Einfachheit des Hauses und seiner Bewohner überraschte mich. Wir wurden in das kleine Familien-Zimmer geführt, dessen Fußboden nach der unter den Yankies üblichen Sitte angestrichen war, die Wände hatten keine Tapeten, sondern bestanden aus Tannenholz ohne alle Verzierung, das Hausgeräthe entsprach der allgemeinen Einfachheit. Ein großes Spinnrad schnurrte unter den fleißigen Händen einer sauber gekleideten Matrone von milden, feine Bildung verrathenden Zügen; ihre kleinen Töchter saßen mit ihren Strickstrümpfen am Kaminfeuer, während der Vater mit Unterrichtung von zwei seiner Söhne beschäftigt war; ein dritter saß behaglich auf einem kleinen Strohstuhl zwischen seinen Füßen, und ein vierter schwang seine Axt mit nervigen Armen im Hofe und warf von Zeit zu Zeit durch das Stubenfenster sehnsuchtsvolle Blicke nach dem traulichen Familienkreise im Innern.
Die Kleidung der Kinder bestand aus einer groben Art Zeug, einem Gemisch von Wolle und Flachs (Zwirn), dem Erzeugniß der kleinen Meierei und des rühmlichen Fleißes ihrer Mutter. Strümpfe, Socken, Müffchen und warme Umschlagetücher waren sämmtlich Haus-Fabrikate. Mädchen sowohl als Knaben trugen Mocassins, die sie selbst gefertigt hatten. Gesunder Verstand, Fleiß und Ordnung herrschten unter den Gliedern dieses kleinen Haushaltes.
Mädchen und Knaben handelten, wie es schien, nach dem Grundsatz, daß nichts entehrend sei, als was unmoralisch und unschicklich ist.
Gastfreundschaft ohne Uebertreibung, Freundlichkeit ohne geheuchelte Sprache bezeichneten das Benehmen unsrer würdigen Freunde. Alles und Jedes im Hauswesen geschah mit Rücksichtsnahme auf Ordnung und Bequemlichkeit, das Besitzthum (ich sollte wohl lieber sagen, das Einkommen) der Familie war nur gering; sie besaß einige Acker an das kleine Häuschen stoßendes Torf-Land, aber durch Thätigkeit und Fleiß außer und im Hause, so wie durch Sparsamkeit und gute Wirthschaft sah sie sich im Stande, zwar einfach aber doch auf anständigem Fuße zu leben; mit einem Wort, wir erfreuten uns während unsres Aufenthaltes bei diesen guten Menschen mancher von jenen Genüssen, die eine völlig urbare canadische Meierei darbieten kann; Geflügel aller Art, hausschlachtenes Rindfleisch, treffliches Schöpsenfleisch und Geräuchertes waren in Ueberfluß vorhanden; zum Thee hatten wir mancherlei Delicatessen: Eingemachtes, Honig in Scheiben, treffliche Butter und guten Käse nebst verschiednen Sorten Kuchen; eine Art kleine Pfann-Kuchen von Buchweizen-Mehl, in einer kleinen Pfanne mit Hefen geknetet und nachmals in heißen Speck gestürzt und gebacken; ein Präparat von indianischem Korn-Mehl, Namens Supporne-Kuchen (Supporne-cake), in Schnitzeln geschmort und gebacken und mit Ahorn-Syrup gegessen, gehörten ebenfalls unter die Raritäten unsers Frühstücks.
Als ich eines Morgens ein Völkchen sehr schönen Geflügels im Hühnerhofe bewunderte, sagte meine Wirthin lächelnd zu mir, »ich weiß nicht, ob Sie glauben, daß ich auf rechtlichem Wege dazu gekommen bin.«
»O ich bin gewiß, Sie erlangten die hübschen Thierchen nicht durch unerlaubte Mittel,« erwiederte ich lachend, »für Ihre Grundsätze in dieser Hinsicht will ich bürgen.«