»Mein ältester Sohn Johann war erst neun Jahr alt, Willie sieben und die andern alle noch hülfloser; die beiden Kleinen, die Sie hier sehen, sind erst nach meiner Ankunft in diesem Lande geboren worden. Die blonde Dirne, welche neben Ihnen sitzt und strickt, war noch ein Säugling, ein hülflos weinendes Kind, so schwach und kränklich, ehe wir hier eintrafen, daß sie selten aus den Armen ihrer Mutter kam; allein sie wuchs und gedieh unter der abhärtenden Behandlung einer Buschsiedler-Familie zusehends.

»Wir hatten kein Haus, keine Art von Obdach zu unsrer Aufnahme, als wir an dem Orte unsrer zukünftigen Bestimmung anlangen; und die ersten beiden Nächte brachten wir auf den Ufern der Einbucht am Fuße des Berges in einer Hütte von Cedern- und Schierlingstannen-Aesten zu, die ich mit meiner Axt und mit Hülfe einiger meiner Gefährten zum Schutz meiner Gattin und der Kleinen errichtete.

»Obgleich in der Mitte Mai's, waren die Nächte doch noch sehr kalt, und wir waren froh, als ein tüchtiges Holzfeuer vor dem Eingange der Hütte loderte, welches uns nicht nur gegen die Kälte, sondern auch vor den Stichen der Musquitos sicherte, die in Myriaden vom Flusse her über uns herfielen, und uns das Ufer weiter hinauftrieben.

»Sobald als möglich, errichteten wir eine Shanty, die jetzt als Schuppen für das junge Vieh dient; ich wollte sie nicht niederreißen, wiewohl ich oft gedrängt wurde, dies zu thun, da sie eine angenehme Aussicht vom Fenster aus verhindert; allein ich blicke gar zu gern darauf und erinnere mich dabei an die ersten Jahre, die ich unter ihrem niedrigen Dache verlebt habe. Wir bedürfen solcher Gegenstände, um uns an unsre ehemalige Lage zu erinnern; denn wir werden nur zu leicht stolz und hören dann auf, unsre gegenwärtigen Annehmlichkeiten gebührend zu schätzen.

»Unser erster Sabath wurde unter freiem Himmel gefeiert; meine Kanzel war ein aus rohen Baumstämmen aufgeschichteter Pfeiler, meine Kirche der tiefe Schatten des Waldes, unter welchem wir uns versammelten; aber von einer aufrichtigeren Frömmigkeit und Inbrunst, als an diesem Tage, bin ich nie Zeuge gewesen. Ich erinnere mich noch recht gut an den von mir gewählten Text; ich entlehnte ihn aus dem achten Capitel des fünften Buches Mosis, Vers 6, 7, und 9, die mir auf unsre damaligen Umstände anwendbar zu sein schienen.

»Im folgenden Jahre errichteten wir ein kleines Blockhaus, das uns als Schule und Kirche diente. Anfangs waren unsre Fortschritte in Lichtung des Bodens nur langsam; denn wir mußten erst Lehrgeld bezahlen und Erfahrung kaufen, und mancherlei und groß waren die Täuschungen und Entbehrungen, denen wir in den ersten fünf Jahren zu begegnen hatten. Zu einer Zeit litten wir alle am Fieber, und keiner war im Stande, dem andern beizustehen; dies war eine traurige Zeit; allein bessere Tage warteten unser. Die Anzahl der Auswandrer nahm fortan zu, und die kleine Niederlassung, welche wir begründet, stand in gutem Rufe. Ein neuer Ankömmling erbaute eine Säge-Mühle; ein andrer eine Korn-Mühle; bald folgte auch ein Magazin, und diesem ein zweites und drittes, bis wir ein blühendes Dorf um uns her empor steigen sahen. Nun fing das Land an Werth an zu gewinnen, und manche von den alten Ansiedlern verkauften die ihnen zugefallnen Parcellen mit Vortheil und zogen weiter waldeinwärts.

»In demselben Verhältniß, als das Dorf wuchs, nahmen natürlicher Weise auch meine amtlichen Pflichten zu, die mir in den ersten Jahren meine kleine Heerde durch freiwillige Liebesdienste und Geschenke vergalt; jetzt genieße ich die Zufriedenheit, meinen Lohn zu ernten, ohne daß ich meinen Pfarrkindern zur Last falle. Mein Grundstück nimmt an Werth zu, und außer meinem Honorar als Prediger erhalte ich noch für die Schule eine kleine Zulage, welche die Regierung zahlt. Wir können uns jetzt glücklich preisen, daß wir hier sind; denn Gott hat unsre Bemühungen gesegnet.«

Ich habe manche interessante Umstände vergessen, die mit den Prüfungen und Entbehrungen, welchen diese Familie ausgesetzt war, in Verbindung standen; indeß erzählte uns der Prediger genug, um mich mit meiner Lage auszusöhnen, und ich kehrte nach einem angenehmen mehrtägigen Aufenthalte bei diesen liebenswürdigen Menschen, mit erhöhter Zufriedenheit und einigen nützlichen praktischen Lehren, die mich mein ganzes Leben hindurch begleiten werden, nach Hause zurück.

Ich interessire mich gegenwärtig nicht wenig für einen jungen Schotten, der von England hierher gekommen ist, um die canadische Feldwirthschaft zu lernen; der arme Junge hatte sich höchst romantische Vorstellungen von dem Leben eines Ansiedlers gebildet, und zwar theils aus den Berichten, die er gelesen, theils durch eine lebhafte Phantasie verführt, welche die Täuschung vollendet und in ihm den Glauben erzeugt hatte, daß er seine Zeit hauptsächlich mit den bezaubernden Vergnügungen und Abentheuern, welche die Jagd auf Rehe und andres Wild, das Schießen nach Tauben und Enten, das Erlegen des Fuchses mit dem Speer, bei Fackellicht, das Umhersteuern auf den Seen in einem Canoe von Birkenrinde während des Sommers, das Schlittschuhlaufen oder Schlittenfahren, nach Art der Lappländer, über den gefrornen Schnee, mit einer Schnelligkeit von zwölf (englischen) Meilen, und unter dem muntern Geläute von Glöckchen und Schellen u. s. w. darbieten, zubringen werde. Welch anmuthiges Leben, um einen Knaben von vierzehn Jahren für sich einzunehmen, der eben erst den lästigen Beschränkungen einer Pensions-Anstalt entflohen ist.

Wie wenig mochte ihn von den Plackerein und Mühseligkeiten träumen, welche von den Pflichten eines Burschen seines Alters in einem Lande, wo Alt und Jung, Herr und Diener in gleichem Grade, und ohne Rücksicht auf frühere Lage und Rang, Hand ans Werk legen müssen, unzertrennlich sind.