»Wir brachten eine Kuh mit, die uns während des Frühlings und Sommers mit Milch versorgte; aber wegen des wilden Knoblauchs (ein in unsern Wäldern sehr häufiges Unkraut), welchen sie fraß, war ihre Milch kaum genießbar, sie starb im folgenden Winter, zu unserm nicht geringen Kummer; wir lernten, daß Erfahrung in dieser so wie in vielen andern Angelegenheiten, hoch zu stehen kommt, jetzt aber genießen wir den Vortheil davon.«

»Bestimmten sie die Schwierigkeiten, worauf sie damals stießen, nicht bisweilen zu Mißmuth und zur Reue über die freiwillige Wahl einer von ihrer frühern so verschiednen Lebensweise?« fragte ich.

»Sie dürften diese Wirkung wohl herbeigeführt haben, hätte nicht ein höherer Beweggrund, als bloser weltlicher Vortheil mich veranlaßt, meiner Heimath Lebwohl zu sagen und hierher zu kommen. Sehen Sie, die Sache verhielt sich so: ich war mehre Jahre Prediger eines kleinen Dörfchens in den Gruben-Distrikten von Cumberland gewesen. Ich war den Herzen meiner Gemeinde theuer, sie war meine Freude und meine Krone. Eine Anzahl meiner Kirchgänger, durch Armuth und schlechte Zeiten gedrückt, beschloß, nach Canada auszuwandern.

»Getrieben von dem natürlichen und nicht ungesetzmäßigen Verlangen, ihre Lage zu verbessern, erschien ihnen eine Reise über das atlantische Meer das beste Mittel dazu, und überdies ermuthigte sie das Versprechen, daß ihnen ein beträchtlicher Flächenraum wilden Bodens bewilligt werden sollte; denn damals war die Regierung in dergleichen Schenkungen an Leute, welche Colonisten werden wollten, sehr freigebig.

»Allein vor Ausführung dieses Unternehmens kamen mehre der achtbarsten von ihnen zu mir und setzten mich von ihrem Plan und ihren Gründen zu einem so wichtigen Schritt, den sie im Begriff zu thun waren, in Kenntniß; und zu gleicher Zeit baten sie mich in den rührendsten Ausdrücken, im Namen der ganzen Gesellschaft, die sich zur Auswanderung bestimmt hatte, sie in die Wildnisse des Westens zu begleiten, damit sie nicht Gefahr liefen, ihren Herrn und Erlöser zu vergessen, wenn sie sich von ihrem geistigen Führer und Beistand verlassen sähen.

»Anfangs verursachte mir der Vorschlag keine geringe Bestürzung; es schien mir ein wildes und abentheuerliches Unternehmen; allein nach und nach begann ich, mit Vergnügen bei der Sache zu verweilen. Ich hatte, außer in meinem Geburts-Dorfe, wenige Bekannte, die mich an das Heimathsland fesselten; das Einkommen von meiner Predigerstelle war so gering, das es kein großes Hinderniß abgeben konnte; gleich Goldsmith's Pastor galt ich »für reich, mit vierzig Pfund das Jahr.« Mein Herz hing mit inniger Liebe an meiner kleinen Heerde; zehn Jahr hindurch war ich ihr Führer und Seelsorger gewesen; ich war der Freund der Alten und der Lehrer der Jugend. Meine Marie hatte ich aus ihrer Mitte gewählt; sie hatte keine fremden Banden, um sie in weiter Ferne mit Reue und Bedauern auf die Bewohner der Heimath blicken zu machen, ihre Jugend und ihre Reife hatte sie unter ihnen erlebt, so daß sie mir, als ich ihr den Vorschlag meiner Pfarrkinder mitgetheilt und zugleich meine Wünsche zu erkennen gegeben hatte, nach Unterdrückung eines bangen schmerzlichen Gefühls in ihrer Brust, mit Ruth's Worten erwiederte —

»Dein Land soll mein Land, dein Volk das meinige sein; wo du stirbst, will auch ich sterben und begraben sein; der Herr thue mir so und so, wenn mich etwas anderes als der Tod trennen sollte.«

»Eine liebreiche zärtliche Lebensgefährtin bist Du mir immer gewesen, meine Marie,« schaltete der gute Mann hier ein, indem er seine Augen voll Zärtlichkeit auf das milde Antlitz der würdigen Matrone richtete, deren ausdrucksvolle Miene besser als Worte die Gefühle ausdrückten, welche ihre Brust bewegten. Sie erwiederte nicht mit Worten, aber ich sah die dicken glänzenden Thränen auf die Arbeit in ihrer Hand fallen. Sie entsprangen von Bewegungen, die zu heilig waren, um durch neugierige Augen gestört zu werden, und ich wendete eilig meinen Blick von ihrem Gesicht; während der Prediger in Erzählung der Umstände, die sein Scheiden von der Heimath, seine Reise und endlich seine Ankunft in dem Lande begleitet, welches der kleinen Colonie in dem noch ungelichteten Theile des Gemeinde-Bezirks bewilligt worden war, fortfuhr.

»Wir hatten vor unsrer Ankunft in diesem Distrikte viele nützliche Rathschläge und allen nützlichen Beistand von den Regierungs-Agenten erhalten, und auch einige Holzspeller gegen hohe Löhne gemiethet, um uns in der Kunst, Bäume zu fällen, aufzuschichten, zu verbrennen und den Boden zu reinigen, zu unterrichten; da es unser Hauptziel war, irgend eine Feldfrucht zu erbauen und einzuernten, so legten wir ohne weitern Aufschub, als den die Errichtung eines einstweiligen Obdachs für Weib und Kind erheischte, sogleich Hand ans Werk, und bereiteten den Boden zur Aufnahme von Frühlings-Saat vor, wobei wir einer dem andern mit Zugvieh und Arbeit beistanden. Und hier muß ich bemerken, daß mir jede Aufmerksamkeit und Unterstützung von meinen Freunden zu Theil ward. Meine Mittel waren gering, und meine Familie war zu jung, um mir einige Dienste leisten zu können. Indeß fehlte es mir nicht an Hülfe, und bald hatte ich die Freude, ein kleines Fleckchen zur Erbauung von Kartoffeln und Korn gelichtet und gereinigt zu sehen, ein Resultat, das ich durch meine alleinigen Anstrengungen nimmermehr herbeigeführt haben würde.