Ferner Seite 364: In Nordamerika, wo man bemüht ist, die ländlichen Vergnügungen eines kurzen Sommers so sehr als möglich zu vermehren, sucht man mehr als eine Species durch alle nur mögliche Mittel zum Nisten in der Nähe der Häuser zu bewegen. Unter den halb zahmen Vögeln sind der Haus-Zaunkönig, der blaue Vogel und die Purpur-Schwalbe die bekanntesten. Die zuletzt erwähnte (Hirundo purpurea, Latham) ist gleich unsrer Fensterschwalbe ein Zugvogel, und sie wählt ihren Sommeraufenthalt stets mitten unter den Wohnungen des Menschen, welcher, da ihm ihre Gesellschaft großen Vortheil und zugleich Vergnügen schafft, in der Regel ihr Freund und Beschützer ist. Daher ist sie ziemlich gewiß, bei ihrer Ankunft eine gastliche, zu ihrer Bequemlichkeit und zur Aufnahme ihrer Familie gehörig eingerichtete Wohnstätte, entweder in der vorspringenden hölzernen Kranzleiste, auf dem Dachgiebel oder auf der Grenzsäule, oder, wenn diese fehlen sollten, auf dem Taubenschlage mitten unter den Tauben zu finden; und wenn sie einen besondern Winkel auf dem letzteren wählt, so darf es keine Taube wagen, einen Fuß in ihr Gebieht zu setzen. Einige unter den Anglo-Amerikanern haben für diese Vögel große Anstalten einrichten lassen, welche in zahlreichen Gemächern bestehen, die zum größten Theil jedes Frühjahr in Besitz genommen werden; man hat die Beobachtung gemacht, daß in solchen Schwalbenansiedlungen einzelne Vögel mehre Jahre nach einander immer wieder von der nämlichen Schachtel Gebrauch gemacht haben.
Das eben erwähnte Verfahren, die Purpurschwalbe zu hegen und zu beschützen, scheint nicht aus Europa zu stammen, da die Eingebornen von Amerika seit undenklichen Zeiten eine ähnliche Methode befolgt haben. Die Chactaw und Chickasaw Indianer z. B. stutzen sämmtliche Gipfeläste eines jungen Bäumchens in der Nähe ihrer Hütten ab und lassen die Zinken ein oder zwei Fuß lang, an deren jedem sie einen hohlen Kürbis oder eine Calabasse aufhängen, die gehörig ausgehöhlt ist, so daß die Vögel bequem darin nisten können. In gleicher Absicht steckt man an den Ufern des Mississippi lange Stöcke in den Boden, an deren Spitze ebenfalls Calabassen befestigt werden, und worin die Purpurschwalben in der Regel ihre Eier ausbrüten. »Ueberall, wo mich meine Reisen in diesem Lande hinführten,« sagt Wilson, »habe ich mit Vergnügen die Gastfreundschaft beobachtet, womit die Einwohner diesen Lieblingsvogel empfangen.« Folgenden kleinen Zug aus der Oekonomie der Purpurschwalbe hat Mr. Henry, Mitglied des obersten Gerichtshofes in Pensylvanien, erzählt.
»Im Jahr 1800,« sagt derselbe, »zog ich mich von Lancaster nach einer Meierei einige englische Meilen über Harrisburgh zurück. Da ich wohl mit den Vortheilen bekannt war, welche der Pachter oder Landmann von der Nachbarschaft der Purpurschwalbe zieht, indem sie die Räubereien des weißköpfigen Adlers, der Habichte und selbst der Krähen verhindert, so erhielt ein für mich arbeitender Zimmermann den Auftrag, einen großen Kasten mit mehren Fächern für diese Vögel zu machen. Der Kasten wurde im Herbste aufgestellt. In der Nähe des Hauses und um dasselbe standen eine Anzahl schön gewachsener Aepfelbäume und vieles Strauchwerk, ein sehr bequemer Aufenthalt für Vögel. Gegen die Mitte des Februar kamen die blauen Vögel an; diese wurden in kurzer Zeit sehr zutraulich und nahmen Besitz von dem Kasten: es waren zwei bis drei Pärchen. Mit dem funfzehnten Mai hatten die blauen Vögel Eier, wo nicht gar Junge. Nun aber trafen die Purpurschwalben in Schaaren ein, begaben sich in den Kasten, und es erfolgte ein heftiger Kampf. Die blauen Vögel, wie es scheint, durch ihr Eigenthumsrecht ermuthigt, oder, weil es der Beschützung ihrer Jungen galt, blieben Sieger.
Die Schwalben kamen während der acht folgenden Jahre regelmäßig in der Mitte des Mai an, untersuchten die Gemächer des Kastens in Abwesenheit der blauen Vögel, wurden aber durch die Rückkehr der letzteren jedesmal zur Flucht genöthigt. Die Mühe, welche Ihnen die Durchlesung dieser Bemerkungen verursachen dürfte, müssen sie auf Rechnung der Schwalben setzen. Ein Kasten, mit diesen schönen Wandrern angefüllt, befindet sich jetzt zum Haupte meines Bettes. Ihre Töne scheinen unharmonisch wegen ihrer großen Anzahl; indeß sind sie mir angenehm. Der betriebsame Pachter und Handwerker würde wohl thun, einen Kasten mit diesen Vögeln in der Nähe der Schlafgemächer seiner trägen Leute anzubringen. Gleich mit Anbruch des Tages beginnt die Purpurschwalbe ihr Gezwitscher, welches eine halbe Minute oder auch etwas länger dauert; worauf es wieder still wird, bis die Dämmerung völlig vorüber ist. Nunmehr folgt ein lebhaftes und unaufhörliches Gezwitscher, hinreichend, selbst die schlaftrunkenste Person aus dem Schlummer zu wecken. Vielleicht übertrifft sie nicht einmal der Haushahn in dieser guten Eigenschaft; auch steht er in dem Vermögen, Raubvögel abzuhalten, der Purpuerschwalbe bei weitem nach.«
»Gegen die Mitte des April oder ungefähr am zwanzigsten Tage dieses Monats,« fügt Wilson hinzu, »trifft die Purpurschwalbe die ersten Vorbereitungen zu ihrem Neste. Das letzte, welches ich untersucht habe, bestand aus den welken Blättern der Thränenweide, dünnen Strohhalmen, Heu und Federn in beträchtlicher Menge. Es lagen vier Eier darin, die im Verhältniß zum Vogel sehr klein, von Farbe rein weiß und ohne die geringsten Flecke waren. Die erste Brut erscheint im Mai, die zweite spät im Juni. Während der Periode, in welcher das Weibchen legt, und vor dem Brüten sind beide Vögel den größten Theil des Tages vom Neste entfernt. Während des Sitzens wird das Weibchen häufig vom Männchen besucht, welches letztere sich ebenfalls auf die Eier setzt, wenn das erstere zur Erholung ausfliegt. Oft bringt das Männchen auf eine Viertelstunde im Neste neben dem Weibchen zu, und wird während des Brütens ganz heimisch und zahm. Es sitzt an der Außenseite, putzt und ordnet sein Gefieder und begiebt sich gelegentlich an die Thür des Gemachs, gleichsam, als ob es sich nach dem Befinden der Gattin erkundigen wollte. Seine Töne scheinen in dieser Zeit eine besondere Sanftheit anzunehmen, und seine Glückwünsche drücken einen hohen Grad von Zärtlichkeit aus. Eheliche Treue, selbst wenn viele Pärchen zusammen wohnen, scheint gewissenhaft von diesen Vögeln beobachtet zu werden. Am 25. Mai nahm ein Purpurschwalben-Pärchen von einem Kasten in Mr. Bartram's Garten Besitz. Einen oder zwei Tage darauf erschien ein zweites Weibchen und verweilte mehre Tage; allein, wegen der kalten Aufnahme, die es fand, indem es häufig vom Männchen vertrieben wurde, verließ es endlich diesen Ort und machte sich auf den Weg, wahrscheinlich um einen geselligeren Gefährten aufzusuchen.«
[14] »Key to the lakes.«
Fünfter Brief.
Reise von Cobourg nach Amherst. — Schwierigkeiten, denen man bei seiner ersten Ansiedelung in den Urwäldern zu begegnen hat. — Erscheinung des Landes. — Reis-See. — Indianische Lebensweise und Gebräuche. — Fahrt den Otanabee hinauf. — Log-Haus (Log-house) und seine Inhaber. — Passagier-Boot. — Fußreise nach Peterborough.