Peterborough; Newcastle Distrikt;
den 9. Septbr. 1832.
Wir verließen Cobourg, am Nachmittag des ersten Septembers in einem leichten, recht bequem für die Passagiere mit Büffelfellen ausgekleideten Wagen. Unsre Reise-Genossen waren drei Herrn und eine junge Dame, insgesammt recht angenehme Gesellschafter, und bereit, uns jede Auskunft über die Gegend zu geben, durch welche unser Weg führte; der Nachmittag war einer von jenen ruhigen und heitern, dergleichen man in der ersten Hälfte des Septembers häufig zu erfahren pflegt. Die glühenden Herbst-Farben zeigten sich bereits an den Waldbäumen, sprachen aber mehr von Reife als Verfall. Die Gegend um Cobourg her ist gut angebaut, ein großer Theil der Waldung ist gelichtet, und an seine Stelle sind offne Felder, angenehme Meiereien und schöne, gut gedeihende Obstpflanzungen mit grünen, von feistem Vieh wimmelnden Weide-Plätzen getreten.
Das Gefängniß nebst dem Gerichtshof zu Amherst, etwa anderthalbe englische Meile von Cobourg, ist ein hübsches steinernes Gebäude, und auf einer Anhöhe gelegen, welche eine prächtige Aussicht auf den See Ontario und die umgebende Scenerei beherrscht. In demselben Verhältniß als man weiter landeinwärts kommt, in der Richtung der Hamilton- oder Reis-See-Ebnen, erhebt und senkt sich das Land zu kühnen langgedehnten Hügeln und Thälern.
Die Umrisse der Gegend erinnerten mich an den bergigen Theil von Gloucestershire; indeß vermißt man den Reiz, womit die Civilisirung diese schöne Landschaft in so vorzüglichem Grade geschmückt hat, man vermißt ihre romantischen Dörfer, blühenden Städte, weit gedehnten, mit Rinder- und Schafheerden bedeckten Auen. Hier strotzen die Berge von Eichen-, Buchen- und Ahorn-Wäldern, mit hier und da eingestreuten dunkeln Fichten-Hainen, nur selten durch eine Ansiedelung mit ihren Log-Häusern und zickzackartigen, von Holzscheiten gezimmerten Einfriedigungen unterbrochen und belebt: diese Einfriedigungen sind, beiläufig gesagt, sehr beleidigend für mein Auge. Ich sehe mich vergebens nach den reichen Laubhecken meines Vaterlandes um. Selbst die steinernen Einfriedigungen im Norden und Westen von England, so kalt und dunkel sie sind, erzeugen keinen so unangenehmen Eindruck auf den Beschauer. Die Ansiedler machen indeß unabänderlich von demjenigen Plan Gebrauch, wobei sie am meisten an Zeit, Arbeit und Geld ersparen. Das wichtige, durch Nothwendigkeit bedingte Gesetz, den kürzesten Weg zur Erreichung des beabsichtigten Zwecks einzuschlagen, wird streng befolgt. Geschmackssachen scheinen wenig berücksichtigt zu werden, oder müssen wenigstens vor der Hand in den Hintergrund treten.
Ich sah ein Lächeln um den Mund meiner Reisegefährten spielen, als sie unsre Projecte zur Verschönerung unsrer künftigen Wohnstätte vernahmen.
»Wenn Sie gesonnen sind, Ihre Wohnung in den Urwäldern aufzuschlagen,« sagte ein ältlicher Herr, der sich vor mehren Jahren im Lande angesiedelt, »so muß Ihr Haus nothwendiger Weise ein aus Baumstämmen roh zusammengezimmertes Haus (log-house) sein, denn eine Sägemühle dürften Sie schwerlich in der Nähe finden und außerdem werden Sie in den ersten zwei oder drei Jahren so viel zu thun haben, und so vielen Hindernissen begegnen müssen, daß Sie schwerlich Gelegenheit haben werden, diese Verschönerungen ins Werk zu setzen.« »Es giebt,« fügte er mit einer Mischung von Ernst und guter Laune in seinem Gesicht hinzu, »ein Sprichwort, das ich als Knabe oft gehört habe; es lautet: erst kriechen, und dann gehen«[15]. »Es läßt sich hier zu Lande nicht alles so leicht bewerkstelligen als zu Hause, wovon Sie eine mehrwöchentliche Bekanntschaft mit dem Busch, wie wir jedes nicht gelichtete Waldland nennen, bald überzeugen wird. Nach Verlauf von fünf Jahren dürften Sie schon eher an dergleichen Verschönerungen und Bequemlichkeiten denken und leichter beurtheilen können, was Sie vor sich haben.«
»Ich glaubte,« war meine Erwiederung, »daß in diesem Lande alles sehr schnell und leicht von Statten gehe, ich erinnere mich genau, von Häusern gehört zu haben, die in einem Tage erbaut worden.« Der alte Herr lachte.
»Ja, ja,« sprach er, »Reisende finden es nicht schwer, ein Haus binnen zwölf oder vierundzwanzig Stunden aufzubauen, und allerdings lassen sich die Wände in dieser, ja in noch weniger Zeit aufführen; allein das Haus ist, wenn auch die Außenwände stehen, noch nicht fertig, wie dies Ihr Gemahl auf seine Kosten erfahren wird.«
»Aber sämmtliche Werke über Auswanderung, die ich gelesen,« erwiederte ich, »geben ein so schönes und schmeichelndes Gemälde von dem Leben eines Ansiedlers; denn, ihren Angaben gemäß, lassen sich alle Schwierigkeiten leicht beseitigen.«
»Weg mit den Büchern!« sagte mein Opponent »der eigne Verstand muß hier entscheiden. Richten Sie Ihren Blick auf jene endlosen Waldungen, in die das Auge nur einige Schritte tief eindringen kann, und sagen Sie mir, ob Sie glauben, daß sich diese gewaltigen Baumstämme ohne Schwierigkeit wegräumen, gänzlich ausrotten, ja, ich möchte sagen, vom Angesicht der Erde entfernen lassen; daß das Lichten und Reinigen des Bodens durch Feuer, die Anlage und Einfriedigung von Feldern, die Erbauung eines Obdachs keine Mühe, Kosten und große Arbeit verursachen werde? Sprechen Sie nur nicht von dem, was in Büchern steht, die häufig von Stuben-Reisenden (tarry at home-travellers) geschrieben sind. Ich verlange Thatsachen. Die Erfahrungen eines einzigen aufrichtigen Emigranten sind mehr werth, als alles, was über den fraglichen Gegenstand zusammen geschrieben worden ist. Uebrigens darf man die einem Theil des Landes entsprechende Schilderung nicht auf alle anwenden. Die von Boden, Klima, Lage und Fortschritten in der Civilisirung abhängigen Umstände sind in verschiednen Distrikten sehr verschieden; selbst die Preise der Güter und Producte, die Mieth-Preise und Arbeits-Löhne u. s. w. weichen, je nachdem man sich den Städten und Märkten nähert oder davon entfernt, beträchtlich von einander ab.«