Ich fühlte bald, daß mein Reisegefährte richtig von einer Sache spreche, womit ihn eine dreizehnjährige Erfahrung vollkommen vertraut gemacht hatte. Ich fing an, zu fürchten, daß wir ebenfalls zu schmeichelhafte Ansichten von dem Leben eines Ansiedlers in den Urwäldern unterhalten. Die Zeit und unsre eigne persönliche Kenntniß wird der sicherste Prüfstein sein, und diesem müssen wir uns anvertrauen. Der Mensch ist stets geneigt, das zu glauben, was er wünscht.
Ungefähr mittelwegs zwischen Cobourg und dem Reis-See liegt zwischen zwei steilen Hügeln ein hübsches Thal. Hier findet man einen guten Theil gelichteten Landes und eine Schenke: der Ort heißt die »Kalte Quelle« (Cold Springs). Wer weiß, ob derselbe nicht vielleicht schon nach einem oder zwei Jahrhunderten in einen Trink- und Bade-Ort für die feine Welt umgestaltet sein wird. Ein canadisches Bath oder Cheltenham[16] dürfte mit der Zeit hier entstehen, wo gegenwärtig die Natur in ihrer Wildniß schwelgt.
Wir fuhren jetzt die geneigten Ebnen bergan, eine schöne strecke aufsteigenden Landes, mehre englische Meilen weit spärlich mit Eichen und hier und da mit buschigen, weitspreizigen Tannen nebst andern Bäumen und Sträuchern bekleidet. Der Boden ist an einigen Orten sandig, überdies aber, wie man mir sagte, in verschiednen Theilen von sehr verschiedner Beschaffenheit und in großen Strecken mit reicher Weide bedeckt, welche den Viehheerden einen Ueberfluß an trefflichem Futter darbietet. Eine Menge vorzüglich schöner Blumen und Sträucher schmücken diese Ebnen, welche sich während der Frühlings- und Sommer-Monate jedem Garten in der Welt an die Seite stellen können. Manche von jenen Gewächsen gehören den Ebnen ausschließlich an und kommen selten in andern Lagen vor. Auch die Bäume, obwohl nicht so groß und gewaltig, wie die in den Forsten, sind malerisch; sie stehen in Gruppen oder einzeln, durch große Zwischenräume von einander abgesondert, und geben dem in Rede stehenden Theil des Landes ein parkartiges Ansehn. Die vorherrschende Meinung scheint zu sein, daß die Ebnen, zu Schweizereien und Viehzüchtereien angelegt, den Zwecken der Ansiedler vorzüglich entsprechen würden, indem es nicht an Land zur Erbauung von Weizen und Korn fehlt, der Boden mit geringen Kosten veredelt werden kann, und außerdem Ueberfluß an natürlichen Vieh-Triften herrscht.
Ein großer Vortheil scheint zu sein, daß der Pflug unmittelbar eingeführt werden kann, und die Vorbereitung des Bodens nothwendiger Weise weit weniger Arbeit erfordert, als da, wo derselbe über und über mit Wald bedeckt ist.
Man trifft auf diesen Ebnen verschiedne Ansiedler, welche beträchtliche Meiereien besitzen. Die Lage, sollte ich meinen, muß gesund und angenehm sein, Ersteres wegen der Erhabenheit und Trockenheit des Bodens; Letzteres wegen der schönen Aussicht, die sie auf das unter ihnen sich ausbreitende Land, besonders wo der Reis-See mit seinen mannigfaltigen Inseln und malerischen Ufern sichtbar ist, — darbieten. Hügel und Thäler wechseln auf eine angenehme Weise mit einander ab, und der Boden ist bald sanft geneigt, bald schroff, ja fast abschüssig.
Ein amerikanischer Pachter, der an unserm Frühstück am folgenden Morgen Theil nahm, erzählte mir, daß diese Ebnen vormals ein berühmtes Jagdrevier der Indianer gewesen, die, um das Wachsthum der Waldbäume zu verhindern, dieselben von Jahr zu Jahr weggebrannt; hierdurch wurden im Verlauf der Zeit die jungen Bäume vernichtet und konnten sich mithin nicht wieder in derselben Ausdehnung anhäufen wie früher. Es blieb nur so viel stehen, als zur Bildung von Dickichten hinreichte; denn in diesen wählt das Wild heerdenweise seinen Aufenthalt, angelockt durch eine eigenthümliche hohe Grasart, womit die in Rede stehenden Ebnen bedeckt sind, es heißt Reh-Gras (deer-grass), und die davon fressenden Thiere werden zu gewissen Jahreszeiten außerordentlich fett davon.