Der Abend brach herein, ehe mir unser nächstes Nachtquartier, die Schenke an den Ufern des Reis-Sees, erreichten, so daß ich etwas von der schönen Scenerei einbüßte, welche diese artige Wasserfläche dem Auge darbietet, wenn man die Ebnen nach ihren Ufern zu hinabsteigt. Die flüchtigen Blicke, die mir dann und wann davon zu Theil wurden, hatte ich dem schwachen aber häufigen Wetterleuchten zu verdanken, welches den Horizont gegen Norden erhellte und gerade genug enthüllte, um mich bedauern zu machen, daß ich wegen der Dunkelheit an diesem Abend nicht mehr davon sehen konnte. Der Reis-See ist auf eine recht anmuthige Weise durch kleine bewaldete Inseln unterbrochen; das nördliche Ufer steigt vom Wasserrande sanft aufwärts. Im Angesicht von Sully, der Schenke, von wo aus das Dampfboot abgeht, welches den Otanabee hinaufsteuert, erblickt man verschiedne hübsche Niederlassungen; und jenseits des Indianer-Dorfes unterhalten die Missionaire eine Schule zur Erziehung und Unterrichtung der Indianer-Kinder. Manche von diesen können geläufig lesen und schreiben und haben in ihrer sittlichen und religiösen Bildung sichtbare Fortschritte gemacht. Sie sind gut und bequem gekleidet und wohnen in besonders für sie erbauten Häusern. Allein sie hängen immer noch zu sehr an ihrer wandernden Lebensweise, um gute und betriebsame Ansiedler abzugeben. Zu gewissen Zeiten im Jahre verlassen sie das Dorf und lagern sich in den Wäldern längs den Ufern jener Seen und Flüsse, wo sie auf Ueberfluß an Wild und Fischen rechnen können[17].

Die Reis-See und Schlamm-See-Indianer gehören, wie man mir sagt, zu den Tschippewas, allein die Züge von Schlauheit und kriegerischem Trotz, die früher dieses merkwürdige Volk charakterisirten, scheinen unter dem milderen Einfluß des Christenthums verschwunden zu sein.

Gewiß ist, daß die Einführung der christlichen Religion der größte Fortschrit zu Civilisirung und Verbesserung ist; ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, die Schranken des Vorurtheils und der Unwissenheit niederzubrechen und die Menschen zu einer allgemeinen Brüderschaft zu verbinden. Man hat mir gesagt, daß eine Zeitlang das Laster der Völlerei diesen neu bekehrten Wilden unbekannt gewesen, ja daß sie sich sogar des mäßigen Gebrauchs geistiger Getränke gewissenhaft enthalten. Diese Enthaltsamkeit wird von einigen Familien noch jetzt beobachtet; aber neuerdings hat sich die Trunkenheit wieder unter ihnen eingeschlichen, die allerdings ihren Glauben in Miscredit bringt. Man darf sich in der That kaum darüber wundern, daß der Indianer, wenn er diejenigen seiner Umgebung, welche sich Christen nennen, welche besser erzogen sind und den Vortheil einer civilisirten Gesellschaft genießen, dem erwähnten Laster bis zum Uebermaß fröhnen sieht, sich von seinem natürlichen Hange besiegen läßt und die Pflichten des Christenthums, das bei einigen wohl eben nicht tiefe Wurzel geschlagen haben mag, entgegenhandelt. Ich habe mich über die, diese lasterhafte Neigung der armen Indianer betreffenden Urtheile von Leuten, welche die ersten an der Tafel und bei Trinkgelagen waren, sowohl gewundert als geärgert; es schien mir, als halte man Leute von Erziehung und Bildung der Völlerei für weniger zurechnungsfähig als den halbcultivirten Wilden.

Man findet einige hübsche Ansiedlungen am Reis-See, indeß sollen seine Ufer der Gesundheit nicht zuträglich sein, und die Colonisten vorzüglich da, wo der Boden niedrig und morastig ist, häufig an Sumpf-Fiebern und Flüssen leiden. Einige schreiben die Ursache der eben genannten Uebel den umfangsreichen Reisbeeten zu, welche das Wasser stocken machen. Die Verdünstung von einer Wasserfläche, die fortwährend auf eine Masse faulender Pflanzen wirkt, muß allerdings die Constitution derjenigen schwächen, welche ihrem verderblichen Einfluß unmittelbar ausgesetzt sind.

Außer zahlreichen kleinen Wasserströmen, die hier zu Lande Creeks heißen, ergießen sich zwei beträchtliche Flüsse, der Otanabee und der Trent in den Reis-See. Diese Flüsse sind durch eine Kette kleiner Seen mit einander verbunden, welche man auf einer guten Charte von der in Rede stehenden Provinz finden kann. Ich füge meinem Briefe einen Abriß bei, der zu Cobourg erschienen ist und Sie mit der Geographie dieser Abtheilung des Landes bekannt machen wird. Auf einem der kleinen Seen gedenken wir uns anzukaufen; denn sollten diese Gewässer schiffbar gemacht werden, wie man beabsichtigt, so dürften die Ländereien an ihren Ufern sehr einträglich für die Colonisten ausfallen; gegenwärtig sind sie durch große Granit- und Kalkstein-Blöcke, Stromschnellen und Catarakte unterbrochen, welche kein Fahrzeug außer Nachen und Böten mit flachem Kiel, zulassen und selbst diese sind wegen der vielen angedeuteten Hindernisse auf gewisse Strecken beschränkt. Durch Vertiefung des Fluß-Bettes und des Bodens der Seen, durch Bildung von Wehren in einigen Theilen, und durch Anlegung von Kanälen, würde dieser ganze Wasser-Bereich, bis zur Bay von Quinte, der Schifffahrt geöffnet werden können. Der Kostenbetrag würde natürlicher Weise bedeutend sein, und bevor nicht die Städte dieses Theils des Distriktes vollkommen organisirt sein werden, ist an die Ausführung eines solchen Riesen-Plans nicht zu denken, wie wünschenswerth sie auch sein mag.

Wir verließen nach einer ungewöhnlichen Verzögerung um neun Uhr das Wirthshaus am Reis-See. Der Morgen war feucht und neblich, und ein kalter Wind blies über die Wasserfläche, die sich durch den feinen Sprühregen nicht eben vortheilhaft ausnahm; ich hüllte mein Gesicht zum Schutz dagegen gern in den Ueberschlagkragen meines warmen Mantels ein; denn das kleine Dampfboot hatte außer einer unwirksamen Zelt-Decke weder eine Kajüte noch einen andern Zufluchtsort. Das armselige Schifflein stach leider gegen die trefflich eingerichteten Fahrzeuge, worauf wir erst vor Kurzem den Ontario und St. Laurence durchsegelt, gewaltig ab. Dennoch nahm uns das Vorhandensein eines Dampfboots auf dem Otanabee nicht wenig Wunder, und war für die ersten Ansiedler längs den Ufern dieses Flusses ein Gegenstand großer Freude, da sie sich noch vor wenigen Jahren zum Transport sowohl ihrer selbst als auch ihrer Markt-Erzeugnisse mit schlechten Nachen oder Wagen und Schlitten, auf höchst erbärmlichen Straßen, begnügen mußten.

Der Otanabee ist ein schöner, breiter, heller Strom, welchen bei seinem Eintritt in den Reis-See eine schmale, wegen ihrer morastigen Beschaffenheit des Anbaues unfähige Landzunge in zwei Mündungen scheidet. Dieser schöne Fluß, (denn als solchen betrachte ich ihn) schlängelt sich zwischen dick bewaldeten Ufern hin, die sich, in demselben Verhältniß, als man weiter landeinwärts kommt, mehr und mehr erheben.

Gegen Mittag zertheilte sich der Nebel, und die Sonne kam in ihrem vollen Septemberglanze zum Vorschein. Die Nadelholz-Wälder zu beiden Seiten des Flusses bildeten eine so dichte Schutz-Mauer, daß wir nicht die geringste Unannehmlichkeit von dem rauhen Luftzuge fühlten, der mich am Morgen, als wir durch den See schifften, ganz durchkältet hatte.