Ein mürrischer düsterer Geist schien unter unsern Bootsleuten zu herrschen, der keineswegs abnahm, als der Abend einbrach, und — die Stromschnellen waren nahe.

Die Sonne war untergegangen, und Mond und Sterne stiegen glänzend über die stille Wasserfläche empor, welche das Bild dieser Himmels-Körper zurückspiegelte. Ein so überaus reizender Anblick schien das aufgeregteste, wildeste Gemüth zu Frieden und Ruhe stimmen zu müssen; wenigstens dachte ich so, als ich, in meinen Mantel gehüllt, mich in den Arm meines Gatten lehnte und mit Entzücken und Bewunderung bald vom Wasser zum Himmel, bald vom Himmel zum Wasser blickte. Meine angenehme Träumerei wurde indeß bald beendigt, indem unser Boot plötzlich das felsige Ufer berührte, und ich die Bootsleute unter manchen Flüchen und Betheuerungen versichern hörte, daß sie in dieser Nacht nicht weiter steuern würden. Wir befanden uns ungefähr drei englische Meilen unterhalb Peterborough; und wie ich, geschwächt durch die eben erst überstandne Krankheit und die Strapazen unsrer langen Reise, diesen Weg zurücklegen sollte, wußte ich nicht. Die Nacht in dem offnen Boote, dem starken vom Flusse aufsteigenden Nebeldunst ausgesetzt, zuzubringen, wäre gewisser Tod gewesen. Während wir überlegten, was zu thun sei, hatten die übrigen Passagiere ihren Entschluß gefaßt, sie nahmen ihren Weg durch den Wald, auf einem Pfade, den sie genau kannten. Auch waren sie uns bald aus den Augen entschwunden, bis auf einen Herrn, der einen der Bootsleute durch Geld und gute Worte dahin zu bestimmen suchte, daß er ihn nebst seinem Hunde an der Stelle, wo die Stromschnellen ihren Anfang nehmen, in einem Fischernachen über den Strom setzen sollte.

Denken sie sich unsre Lage, um zehn Uhr in der Nacht, mit keinem Schritt unsrer Marschroute bekannt, ans Ufer gesetzt, um, so gut wir könnten, den Weg nach einer fernen Stadt zu finden, oder die Nacht in dem finstern Walde zuzubringen.

Fast in Verzweiflung, beschworen wir den eben erwähnten Herrn, so weit, als sein Weg reiche, unser Führer zu sein. Aber so viele Hindernisse stellten sich in Gestalt längs den Ufern ausgestreuter, neuerdings gefällter Baumstämme und großer Stein-Blöcke unserm Vordringen entgegen, daß wir unsern Pfad nur mit der größten Schwierigkeit im Gesicht behalten konnten. Endlich langten wir mit unserm Führer an der Stelle an, wo der Nachen seiner wartete, und mit einer Hartnäckigkeit, die wir zu einer andern Zeit und unter andern Umständen, nie gezeigt haben würden, verlangten wir alle, in das elende Fahrzeug aufgenommen zu werden. Endlich willigt der mürrische Charon unter Grollen und Brummen ein, und wir stigen hastig in den zerbrechlichen Nachen, der kaum geeignet schien, uns sicher nach dem entgegengesetzten Ufer zu führen. Ich konnte mich, als ich die Fluth von Verwünschungen und Schimpfreden vernahm, die unaufhörlich dem Munde des Bootsmanns entströmte, eines Gefühls von unbeschreiblicher Furcht nicht erwehren. Ein- oder zweimal liefen wir Gefahr, durch die Tannen- und Cedern-Aeste, welche in der Nähe der Ufer ins Wasser gefallen waren, umgestürzt zu werden. Meine Freude, als wir das andre Ufer erreichten, können Sie sich denken; allein hier wartete unser eine neue Beunruhigung; wir hatten nämlich noch eine Strecke pfadlosen Waldes zu durchwandern, ehe wir den Nachen wieder erreichen konnten, welcher eine kleine Stromschnelle passiren mußte und am Anfange eines kleinen Sees, einer Erweiterung des Otanabee, etwas unter Peterborough auf uns warten sollte. Bis dahin hinderten umgestürzte Bäume, meistentheils Schierlings-Tannen, Pech-Tannen oder Cedern, deren Aeste und Zweige so dicht verflochten sind, daß man sie kaum von einander trennen oder sich Bahn durch ein davon gebildetes Dickicht brechen kann, bei jedem Schritt unsern Weg.

Hätten wir nicht den menschenfreundlichen Beistand unsers Führers gehabt, so weiß ich in der That nicht, wie ich diese Schwierigkeiten hätte überwinden sollen. Bisweilen war ich nahe daran, vor Müdigkeit und Ermattung nieder zu sinken. Endlich vernahm ich zu meiner unaussprechlichen Freude die mürrische Stimme unsers irischen Ruderers, und nach vielem Zanken und Brummen von seiner Seite, saßen wir abermals in dem Nachen.

Wie froh waren wir nicht, als wir nach einiger Zeit neben dem hellodernden Feuer eines ungeheuern Holzstoßes, das Haus unsers Freundes erblickten. Hier fanden wir auch einen Führer, der uns den Weg zur Stadt auf einer durch den Wald gehauenen Straße zu zeigen versprach. Eine Tasse Thee zur Erfrischung unsrer Lebensgeister von unserm freundlichen Wirth war uns sehr willkommen, und nachdem mir eine kurze Zeit ausgeruht und etwas Kraft gesammelt, brachen wir wieder auf, geführt von einem zerlumpten, aber höflichen irischen Jungen, dessen freies freundliches Wesen und gute Laune uns ganz für ihn einnahmen. Er erzählte uns, daß er eine von sieben Waisen sei, die Vater und Mutter durch die Cholera verloren. »Ach es ist traurig!« sagte er, »vater- und mutterlos in einem fremden Lande zu sein;« dabei wischte er sich die Thränen ab, die ihm über die Wangen rollten, indem er uns die traurigen Umstände seiner frühzeitigen Verwaisung mittheilte, indeß fügte er fröhlich hinzu, daß er einen gütigen Herrn gefunden, der einige seiner Brüder und Schwestern so wie ihn selbst in seine Dienste genommen.

Gerade als wir aus dem Dunkel des Waldes hervortraten, fanden wir unsre Fortschritte durch einen Wasserstrom gehindert, über welchen wir, sagte er uns, um die Stadt erreichen zu können, eine kleine Brücke (log-bridge) zu passiren hätten. Nun bestand die Baum-Brücke aus blos einem Stamme oder vielmehr einem umgefallenen Baume, den man quer über den Wasserstrom geworfen, und der durch die von dem morastigen Wasser aufsteigenden schweren Dünste sehr schlüpfrig war. Da er blos eine Person auf einmal zuließ, so konnte ich keinen Beistand von meinen Begleitern erhalten; und obgleich unser kleiner Führer, mit einer natürlichen, aus seinem wohlwollenden Charakter entspringenden Artigkeit die Laterne dicht an den Baumstamm hielt, um alles Licht darauf fallen zu lassen, so hatte ich doch das Mißgeschick, in Folge eines Schwindels, der mich gerade bei den letzten noch übrigen Schritten anwandelte, bis an die Knie ins Wasser zu fallen, und so war ich zugleich müde und naß. Zur Vermehrung unsres Unglücks sahen wir die Lichter im Dorfe, eins nach dem andern verschwinden, bis nur noch hier und da ein einsames Flämmchen aus den obersten Stuben von einem oder zwei Häusern flimmerte, die uns als Leuchtthürme dienten. Wir hatten uns noch nach einer Herberge umzuthun, und es war ziemlich Mitternacht, als wir die Thür des besten Wirthshauses erreichten, hier endlich dachte ich, werden unsre Leiden für diese Nacht ein Ende haben; aber wie groß war unser Verdruß, als man uns sagte, daß kein Bett im Hause mehr übrig sei, daß Emigranten, die auf ihrem Wege nach einer der neuen Ansiedlungen begriffen waren, sie sämmtlich in Beschlag genommen.

Ich vermochte nicht weiter zu gehen, und wir baten um einen Platz am Küchen-Feuer, um da, wenn auch nicht zu schlafen, doch ein wenig auszuruhen, und wo ich meine nassen Kleider trocknen könnte. Die Wirthin, als sie meinen Zustand sah, fühlte Mitleiden mit mir, führte mich an ein helloderndes Feuer, das ihre Mädchen schnell angefacht; eine brachte mir ein warmes Fußbad; eine andre versah uns mit warmem Getränk, das, so fremd und ungewöhnlich es meinem Lippen war, mir gute Dienste that; kurz es wurde uns alle mögliche Pflege und Aufmerksamkeit zu Theil, die wir von unsern Wirthsleuten nur immer erwarten konnten; ja sie traten uns sogar ihre eignen Betten ab, und begnügten sich mit einem Strohlager vor dem Küchenfeuer.

Ich kann jetzt über die Unfälle dieses Tages lächeln, aber während wir dieselben erduldeten, erschienen sie mir, wie Sie sich wohl vorstellen mögen, als keine Kleinigkeit.

Leben Sie wohl! meine theuerste Mutter.