Mit einiger Theilnahme habe ich die Erzählungen von den Beschwerden und Mühseligkeiten angehört, die einige der ersten Ansiedler in der Nachbarschaft, als Peterborough nur erst zwei Wohnhäuser enthielt, erduldet haben. Damals gab es hier weder durch die Waldung gehauene Straßen noch Boote zur Communication mit den entlegnen, bereits angebauten Theilen des Distriktes; daher denn die Schwierigkeiten, sich die nöthigen Mund-Vorräthe und andre Bedürfnisse zu verschaffen, weit größer waren, als sich irgend einer von den spätern Ankömmlingen vorstellen kann.
Als ich von einer ganzen Familie hörte, die keinen bessern Mehlvorrath hatte, als was täglich auf einer kleinen Handmühle gemahlen werden konnte, und vier Wochen hindurch fast von allen nöthigen Lebensbedürfnissen, selbst Brod nicht ausgenommen, entblößt war, konnte ich unmöglich meine Verwunderung verheimlichen, daß ich in den über Auswanderung erschienenen Büchern von dergleichen Uebeln auch nicht ein Wort gelesen, das den künftigen Ansiedler darauf hätte vorbereiten können.
»Diese besondern Prüfungen,« bemerkte mein verständiger Freund, »beschränken sich hauptsächlich auf die ersten Ankömmlinge, welche sich in den noch völlig unangebauten Theilen des Landes niederlassen, wie dies unser Fall war. Fragen Sie nur genau einige von den Familien der niedern Klasse, die sich weit von den Städten angesiedelt haben und die wenige oder keine Mittel zu ihrem Unterhalt während der ersten zwölf Monate besaßen, bis sie eine Ernte von ihrem Boden erhielten, so werden sie manche traurige Erzählung von Leiden und Mühseligkeiten vernehmen.«
Schriftsteller über Auswanderung geben sich nicht die Mühe, nach diesen Dingen zu forschen, auch entspricht die Mittheillung unangenehmer Thatsachen ihrem Zweck nicht. Nur wenige haben ausschließlich über den »Busch« geschrieben. Reisende durcheilen in der Regel die seit langer Zeit angesiedelten in gutem Gedeihen begriffnen Theile des Landes, sie sehen einen Strich fruchtbaren angebauten Bodens, das Resultat vieljähriger Arbeit und Thätigkeit; sie sehen bequeme Wohnhäuser, reichlich ausgestattet mit allen wesentlichen Lebens-Bedürfnissen; die Frau des Meierei-Besitzers macht ihre Seife, ihre Lichte und ihren Zucker selbst, die Familie ist in Zeuge gekleidet, die sie mit eigner Hand gesponnen und gewebt hat, sie trägt Strümpfe von eigner Fabrik. Brod, Bier, Butter, Käse, Fleisch, Federvieh u. s. w. sind insgesammt Erzeugnisse des eignen Bodens. Sie schließen daraus, daß Canada ein zweites Canaan sei, und schreiben ein Buch, worin sie diese Vortheile auseinandersetzen, mit der Hinzufügung, daß man daselbst Grund und Boden für einen wahren Spottpreis erhalte; und rathen jedem, der unabhängig und gegen Mangel gesichert zu sein wünscht, zur Auswanderung.
»Man vergißt, daß diese Vortheile das Resultat vieljähriger unablässiger Anstrengungen, daß sie der Kranz nicht die ersten Früchte der mühevollen Arbeit des Ansiedlers sind; und daß fast jede Klasse von Auswandrern in der Zwischenzeit sich manchen und großen Entbehrungen unterwerfen muß.
»Viele lassen sich bei ihrer ersten Ankunft, vorzüglich in den noch unangebauten Gemeinde-Bezirken (townships), durch den wenig versprechenden Anblick der Gegenstände um sie her entmuthigen. Sie finden keine von jenen Vortheilen und Bequemlichkeiten, wovon sie gehört und gelesen haben; und sie sind auf die gegenwärtigen Schwierigkeiten unvorbereitet; einige verzagen, andre verlassen den Ort, in ihren Erwartungen getäuscht und voll Unwillen.
»Ein wenig Ueberlegung würde ihnen gezeigt haben, daß jede Route Land von der dichten Waldung, womit sie bedeckt ist, befreit werden muß, ehe man eine Weizenpflanze erziehen kann; daß, nachdem die gefällten Bäume zerschnitten, geklaftert (logged) und verbrannt worden sind, das Feld eingefriedigt, die Saat gesäet, geerntet und ausgedroschen werden muß, ehe an einen Gewinn zu denken ist; daß alles dies viel Zeit und Arbeit, und wenn man letztere bezahlen muß, eine beträchtliche Auslage an barem Gelde nöthig ist, und daß, eine Familie mittlerweile essen und trinken will; daß im Fall einer größeren Entfernung von den Vorrathsplätzen, jeder Artikel auf schlechten Straßen entweder durch Menschenhände oder auf der Axe zugeführt werden muß, wobei zu bemerken, daß in Verhältniß zu der Weg-Länge und den Schwierigkeiten rücksichtlich des Transports das Fuhr- und Träger-Lohn mehr oder weniger kostspielig ist. Gewiß ist es besser, alle diese Dinge im Voraus zu kennen, weil man alsdann weiß, welchen Hindernissen man zu begegnen hat.
»Selbst ein Arbeiter, wenn er auch sein eignes Land hat, ist oft, ja ich möchte behaupten, im Allgemeinen genöthigt, sich für das erste Jahr oder die beiden ersten Jahre als Tagelöhner zu vermiethen (hire out) um den für sich und seine Familie erforderlichen Lebensunterhalt zu erwerben; und viele der in Rede stehenden Klasse müssen manche Entbehrungen dulden, ehe sie die Früchte ihrer Unabhängigkeit ernten können. Hätten sie nicht die Hoffnung, ja die bestimmte Aussicht, ihren Zustand mit der Zeit zu verbessern, sie würden unter der Last, die sie zu tragen haben, erliegen; aber diese Hoffnung erhält sie aufrecht. Sie haben kein von Armuth und Mangel getrübtes Alter zu fürchten; die gegenwärtigen Uebel müssen der Betriebsamkeit und Ausdauer weichen; sie denken auch auf ihre Kinder, und die Prüfungen der Gegenwart werden durch die Ahnung einer glücklichen Zukunft erleichtert.«
»Jedenfalls,« sagte ich, »kann man Kühe, Schweine und Federvieh halten; und Sie wissen, daß, wo es an Milch, Butter, Käse und Eiern, an Schweinfleisch und Geflügel nicht fehlt, man sich eben nicht schlecht befindet.«
»Sehr wahr,« erwiederte mein Freund, »allein ich muß Ihnen sagen, es ist leichter, im Anfange von dergleichen Thieren zu sprechen als sie zu halten, ausgenommen auf gelichtetem oder theilweise gelichtetem Boden; hier aber ist die Rede von einer ersten Ansiedelung in den Urwäldern, Kühe, Schweine und Federvieh wollen fressen, allein wenn man ihnen nichts geben kann, als was man kauft und vielleicht aus der Ferne herbeiholen muß, so ist es besser, man belastet sich nicht damit, da die Beschwerde gewiß, der Vortheil aber zweifelhaft ist. Eine Kuh findet allenfalls während der warmen Monate im Busch ihr Futter, allein bisweilen verläuft sie sich, so daß man sie Tage lang vermißt, und dann keinen Nutzen von ihr hat, und möglicher Weise viel Zeit mit Suchen verliert; dann aber muß man sie, außer Laub und Zweigsprossen, die sie den Winter hindurch erhält, auch noch mit anderm Futter versorgen[29], oder, ich wette zehn gegen eins, sie wird im Frühjahr sterben; und da Kühe, wofern sie nicht sehr gut gehalten werden, in der kalten Jahreszeit ihre Milch verlieren, so ist es am besten, sie im Herbst zu verkaufen, und im Frühjahr andre anzuschaffen, man müßte denn Ueberfluß an Futter für sie haben, was in dem ersten Winter nicht oft der Fall ist. Was die Schweine anlangt, so sind sie für eine neu angelegte Meierei eine große Plage, wofern man sie nicht aus der Hand mästen kann, allein dies geht nicht, ohne daß man Futter für sie kauft, und dies würde anfänglich nicht vortheilhaft sein. Läßt man sie frei umherlaufen, so fügen sie sowohl den eignen Feldern als denen der Nachbarn, im Bereich einer halben (englischen) Meile, beträchtlichen Schaden zu; andres Vieh kann man allenfalls durch Umzäunung in der angegebnen Hinsicht unschädlich machen, aber nicht so Schweine; auch Federvieh bedarf, wenn es einigen Nutzen bringen soll, etwas mehr, als was es um das Haus herum aufpickt, wozu noch kommt, daß Adler, Igel, Füchse und Marder darauf erfolgreiche Jagd machen, bis man es hinreichend sichern kann.«