»Wie aber sollen wir unter solchen Umständen unsre eigne Wolle spinnen, unsre eigne Seife und Lichte bereiten?« fragte ich. »Sobald sie Ihre eignen Schafe, Schweine und Rinder schlachten, oder Wolle und Talg werden kaufen können.« — Als er mich hierüber etwas niedergeschlagen sah, fügte er tröstend hinzu: — »Nur nicht verzagt! Sie werden mit der Zeit alle diese Dinge haben und noch mehr als diese, aber gedulden müssen Sie sich und die Mittel zu ihrer Erlangung benutzen. Mittlerweile suchen Sie sich auf Entbehrungen vorzubereiten, denen Sie jetzt noch fremd sind; und wünschen Sie, Ihren Gatten glücklich und in seinen Unternehmungen begünstigt zu sehen, so machen Sie sich kluge Sparsamkeit und heitre Laune zur Regel. Nach einigen Jahren wird Sie Ihre Meierei mit allen Lebensbedürfnissen versorgen, und nach und nach werden Sie sich auch mancher Luxus-Artikel erfreuen können. Dann erst beginnt der Ansiedler, die wirklichen und sichern Vortheile seiner Auswanderung zu ernten; dann wird er den Segen eines Landes inne, wo es weder Zölle noch Zehnten noch Armensteuern giebt; dann genießt er die Wohlthaten der Unabhängigkeit. Diese glückliche Erfüllung seiner Wünsche im Auge, ebnet er den rauhen Pfad und erleichtert er sich die auf ihm lastenden Uebel. Er sieht in Gedanken eine zahlreiche Familie um sich her, ohne jene angstvollen Sorgen, die einen Vater von geringem Vermögen in der alten Heimath drücken; denn er weiß ja, daß er sie einst nicht entblößt von rechtlichen Unterhalts-Mitteln verläßt.«

Trotz allen überstandnen Mühseligkeiten und Prüfungen fand ich diesen Mann so sehr für das Ansiedlerleben eingenommen, daß er erklärte, er würde um keinen Preis in sein Vaterland zurückkehren, um dort eine längere Zeit zu bleiben; auch ist er nicht der Einzige, den ich auf diese Weise sich habe äußern hören; vielmehr scheint dieselbe Vorliebe für ihre neue Heimath unter der niedern Emigranten-Klasse allgemein zu sein. Sie fühlen sich durch das Beispiel Andrer, die sie in Genuß von Bequemlichkeiten sehen, woran zu Hause selbst bei der größten Anstrengung und mühevollsten Arbeit nicht zu denken war, ermuthigt; denn sie bedenken weislich, daß sie, wären sie in ihrer Heimath geblieben, endloses Elend und harte Entbehrungen (sehr viele nämlich hat Mangel hierher getrieben) würden haben ertragen müssen, ohne die entfernteste Aussicht, ihren Zustand zu verbessern oder unumschränkte Landeigenthümer zu werden.

»Was sind uns ein, zwei, drei, ja selbst vier mühevolle Jahre im Vergleich mit einem ganzen Leben von Plack und Armuth,« war die Bemerkung eines armen Arbeiters, der uns am andern Tage von den Mühseligkeiten erzählte, womit er in diesem Lande zu kämpfen gehabt. »Ich wußte,« sagte er, »daß sie nur kurze Zeit dauern und durch Fleiß und Ausdauer bald zu besiegen sein würden.«

Ich habe bereits zwei unsrer armen Nachbarn gesehen, die den Kirchsprengel zwölf Monate vor uns verlassen hatten; sie haben sich in Canada niedergelassen und bearbeiten gemeinschaftlich die ihnen zugetheilten Land-Parcellen; sie kommen in der That sichtlich vorwärts. Einige Morgen Landes haben sie bereits gelichtet, bestellt und abgeerntet, sind aber zur Zeit noch genöthigt, sich zu vermiethen, um ihre Familien erhalten zu können; ihr eignes Land bearbeiten sie, wenn es Zeit und Umstände erlauben. Die Männer sind guten Muthes und hoffen, nach wenigen Jahren im Besitz von manchen Lebensgenuß, mancher Bequemlichkeit zu sein, worauf sie in der Heimath, wenn sie auch vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht gearbeitet, hätten verzichten müssen; dabei klagen sie aber, daß ihre Weiber beständig nach dem Vaterlande verlangen und ihre Reise übers Meer verwünschen. Dies scheint die allgemeine Klage unter allen Klassen zu sein; die Weiber sind unzufrieden und unglücklich. Nur wenige söhnen sich ganz mit dem Ansiedlerleben aus. Sie vermissen die kleinen häuslichen Bequemlichkeiten, deren sie sich zu Hause erfreuten, sie sehnen sich nach ihren Freunden und Verwandten, die sie haben verlassen müssen; die Einsamkeit der Urwälder ist ihnen zuwider.

Diese Aussicht entmuthigt mich nicht; ich weiß, daß ich im Hause zu thun genug finden werde, und während meiner Ausflüge ins Freie dürfte es mir nicht an Unterhaltungs-Quellen fehlen, die jede üble Laune verscheuchen. Habe ich überdies nicht guten Grund, meines Gatten wegen heiter und zufrieden zu sein? Er hat nicht mehr zu erwarten als ich; und sollte ich ihn, nachdem ich seinetwegen freiwillig meine Familie, meine Freunde, mein Vaterland verlassen, durch ewige Klagelieder verstimmen und traurig machen? Ich fühle mich stets geneigt, den Worten meines Lieblingdichters Goldsmith: —

Auf uns allein noch überall beschränkt,
Sind wir allein die Schöpfer unsers Glücks.

beizustimmen. Nun ich werde ja bald die Prüfung zu bestehen haben, da wir Morgen um zehn Uhr diese Stadt zu verlassen gedenken; der Kauf der See-Parcelle ist abgeschlossen, drei Morgen sind von Bäumen befreit, und eine Hütte (Shanty) ist ebenfalls fertig, indeß kann letztre eben nicht für ein wohnliches Obdach gelten, die Holzfäller haben sie blos als einstweiligen Zufluchtsort errichtet; und ein Haus wird bald erbaut sein. Spät genug sind wir eingetroffen, zu spät, um eine volle Ernte zu erzielen, da die Bäume blos gefällt sind, der Boden aber noch nicht gelichtet und völlig rein ist, auch ist es bereits zu spät, das gefällte Holz zu klaftern und zu verbrennen und den Weizen in den Boden zu bringen, aber für die Frühlingssaat wird er bereit sein. Wir haben unser Besitzthum den Acker mit sechstehalb Dollars bezahlt; ein ziemlich hoher Preis für wildes Land, so weit von jeder Stadt, und in einem so dürftig angebauten Theile des Bezirks; allein die Lage ist gut und hat den Vorzug, daß wir Wasser in der Nähe haben, wofür mein Gatte gern etwas mehr bezahlte, als für eine weiter landeinwärts gelegne Parcelle.

Höchst wahrscheinlich werde ich nicht sobald Zeit und Muße haben, wieder zur Feder zu greifen. Wir logiren einstweilen bei S—, bis unser Haus in wohnlichem Zustande sein wird, was ungefähr gegen Weihnachten der Fall sein dürfte.