So arm an Ereignissen war diese ganze Zeit, daß die Erscheinung einer Anzahl Flaschennasen, einiger Robben und eines Meerschweins[2], — wahrscheinlich auf ihrem Wege zu einer Mittags- oder Thee-Gesellschaft am Nordpol, — als eine Begebenheit von großer Wichtigkeit betrachtet wurde. Jeder griff nach seinem Fernglase, als sie sich zeigten, und man stierte sie an, als wollte man sie in Verlegenheit setzen.
Den fünften August, also gerade einen Monat, nachdem wir die brittischen Inseln völlig aus den Augen verloren, bekamen wir die Küste von Neufundland zu Gesicht, und ob sie gleich braun, rauh und öde erschien, so begrüßte ich doch ihren Anblick mit Entzücken. Nie ist mir etwas so erfrischend und köstlich vorgekommen, als die kühle Landluft, welche uns entgegen wehete und uns, wie mich täuchte, Gesundheit und Freude auf ihren Schwingen zuführte.
Nicht ohne einiges Befremden gewahrte ich die rastlose Thätigkeit des oben erwähnten Goldfinken, einige Stunden bevor der Ausruf »Land!« vom Mastkorbe erscholl. Er sang in einem fort, und seine Töne waren länger, heller und durchdringender als früher; das kleine Geschöpf, versicherte mir der Capitain, fühlte die Umänderung in der Luft, als wir uns dem Lande näherten. »Ich verlasse mich,« sagte er, »fast eben so sehr auf meinen Vogel als auf mein Fernglas, und bin bis jetzt nie getäuscht worden.«
Unsre Fortschritte, nachdem wir in den Golf hineingesteuert, waren etwas langsam und langweilig. Die Strecke durch denselben bis zum Eingang in den majestätischen Laurence-Fluß beträgt neunzig englische Meilen, er scheint an und für sich allein ein Ocean zu sein. Die Hälfte unsrer Zeit bringen wir über der großen Karte in der Kajüte zu, die mein Gatte unaufhörlich auf- und zurollt, um sich mit den Namen der fernen Ufer und Inseln, an denen wir vorbeifahren, bekannt zu machen.
Wir sind bis jetzt ohne Lootsen, und der Capitain, ein vorsichtiger Seemann, will das Schiff nicht gern an diese gefährliche Fahrt wagen, daher unsre Reise nur langsam von statten geht.
Den siebenten August. — Wir erhielten diesen Morgen Besuch von einem schönen kleinen Vogel, der nicht viel größer war, als ein Zaunkönig. Ich pries ihn als einen Vogel guter Vorbedeutung — einen kleinen Boten, abgesendet, uns in der neuen Welt willkommen zu heißen; gewiß ich fühlte eine fast kindische Freude bei Erblickung des kleinen Fremdlings. Es giebt glückliche Momente in unserm Leben, wo wir aus den unbedeutendsten Dingen große Freude schöpfen, wie Kinder, denen das einfachste Spielwerk Vergnügen macht.
Gleich nachdem wir in den Meerbusen hineingesteuert waren, äußerte sich bei allen an Bord eine sichtbare Veränderung. Der Capitain, ein ernster schweigsamer Mann, wurde ganz gesprächig. Mein Gatte zeigte sich mehr als gewöhnlich lebhaft und aufgeregt, ja selbst der gedankenvolle junge Schotte thauete auf und wurde im buchstäblichen Sinne des Wortes unterhaltend. Die Schiffsmannschaft entfaltete den regsten Eifer in Erfüllung ihrer Pflicht, und der Goldfinke sang lustig von Morgen bis Abend. Was mich betrifft, so war mein Herz voller Hoffnung, die jedes Gefühl von Zweifel oder Bedauern, welches die Gegenwart hätte verdüstern oder die Zukunft bewölken können, verdrängte.
Ich kann jetzt deutlich die Umrisse der Küste auf der Südseite des Flusses mit meinen Augen verfolgen. Bisweilen hüllen sich die Hochlande plötzlich in dichte Nebelwolken, die in beständiger Bewegung sind und in dunkeln Wogen dahin rollen, bald von rosigem Licht gefärbt, bald weiß und flockig, oder glänzend wie Silber, wenn die Strahlen der Sonne darauf fallen. So schnell sind die Veränderungen, welche in diesen Nebelmassen vor sich gehen, daß man, bei dem nächsten Blick darauf, die Scene wie durch Zauber umgewandelt findet. Der Nebelschleier wird wie von unsichtbaren Händen emporgehoben, und die wilden bewaldeten Berge enthüllen sich nebst den kühnen felsigen Ufern und langgedehnten Buchten zum Theil dem überraschten Auge. Ein andermal zertheilt sich die Dunstschicht und schwebt gleich hohen Rauchsäulen in den Thälern und Schluchten hin oder hängt gleich schneeweißen Vorhängen zwischen den dunkeln Waldkiefern.
Ich kann mich an diesen seltsam gestalteten Wolken nicht satt sehen; sie erinnern mich an die schöne Zeit, die ich in den Hochlanden (schottische) zwischen nebelgekrönten Hügeln des Nordens verlebte.
Gegenwärtig ist die Luft kalt, und wir haben häufige Windstöße und Hagelschauer mit gelegentlichem Donnerwetter, gleich darauf ist alles wieder hell und heiter, und die Luft füllt sich mit Wohlgerüchen, und Mücken, Bienen und Vögel schwärmen vom Ufer aus hinter uns her.