Den achten August. Wiewohl ich nur mit Gefühlen von Bewunderung auf der Majestät und Gewalt dieses mächtigen Flusses weilen kann, so fängt mich doch seine Endlosigkeit zu langweilen an, und ich sehne mich nach einem nähern Anblick des Ufers; denn vor der Hand sehen wir in südlicher Richtung nichts als lange Reihen mit Nadelholz bedeckter Hügel und hier und da ein weißes Fleckchen, wie man mir sagt, Ansiedlungen und Dörfer; während hohe Berge, von allem Grün entblößt, auf der Nordseite des Flusses die Aussicht beschränken. Meine Vorliebe für bergige Gegenden zieht mein Auge gewaltsam nach letztrer Seite, und ich beobachte mit wahrem Vergnügen die Cultur-Fortschritte dieser rauhen und unwirthbaren Gegenden.
Während der letzten zwei Tage haben wir uns ängstlich nach einem Lootsen umgesehen, der das Schiff nach Quebek geleiten soll. Es sind mehre Signal-Schüsse gethan worden, aber bisher ohne Erfolg; kein Lootse hat uns bis jetzt mit einem Besuche beehrt, und so befinden wir uns gleichsam auf einer Station, ohne Wagenlenker und blos mit einer der Führung der Zügel unkundigen Hand. Ich bemerke bereits einige Zeichen von Ungeduld unter uns, aber Niemand tadelt den Capitain, der sich sehr besorgt bei der Sache zeigt, da der Fluß mit Felsen und Untiefen gefüllt ist und demjenigen, der nicht genau mit der Fahrt in dieser Gegend vertraut ist, große Schwierigkeiten entgegengesetzt. Ueberdies ist er den Unternehmern für die Sicherheit des Schiffs verantwortlich, im Fall er einen Lootsen an Bord zu nehmen unterläßt.
Während ich obige Bemerkungen niederschrieb, wurde ich plötzlich durch einen Lärm auf dem Deck gestört, und als ich hinaufging, um die Ursache kennen zu lernen, erfuhr ich, daß ein Boot mit dem so lange ersehnten Lootsen vom Ufer abgestoßen sei; allein nach allem Lärm und Durcheinanderlaufen ergab sichs, daß es nur ein französischer Fischer nebst einem armseligen zerlumpten Jungen, seinem Gehülfen, war. Der Capitain bewog ohne große Schwierigkeit Monsieur Paul Breton, uns bis Grün-Eiland, eine Strecke von einigen hundert englischen Meilen den Fluß weiter aufwärts zu geleiten, wo wir, wenn nicht noch früher, seiner Versicherung nach, einen regelmäßigen Lootsen finden würden.
Es fällt mir etwas schwer, Monsieur Paul zu verstehen, da er einen besondern Dialect spricht; aber er scheint ein guter Mensch zu sein und zeigt sich sehr gefällig. Wie er uns erzählt, ist das Getraide zur Zeit noch grün und kaum in der Aehre, und die Sommerfrüchte sind noch nicht reif, indeß meint er, daß wir zu Quebek Aepfel und andre Früchte in Ueberfluß finden werden.
Je weiter wir den Fluß hinaufkommen, desto einladender und anmuthiger wird der Anblick des Landes auf beiden Seiten. Grüne Fleckchen mit weißen Hütten zeigen sich auf den Ufern und längs den Berg-Abhängen ausgestreut; während hier und da eine Dorfkirche mit ihrem Thurme hervorgukt, der mit seiner blitzenden Fahne und hellem Zinndache die umgebenden Gebäude überragt. Die südlichen Ufer sind besser bevölkert, aber nicht so malerisch als die nördlichen, indeß bieten beide Seiten dem Auge viel Erfreuliches dar.
Diesen Morgen ankerten wir im Angesicht der Insel Bic, einem niedlichen, niedrigen, mit Bäumen bedeckten und recht einladenden Eiland. Ich fühlte großes Verlangen, meinen Fuß auf canadischen Boden zu setzen, und muß gestehen, daß es mich etwas verdroß, als mir der Capitain rieth, an Bord zu bleiben, und die Gesellschaft, welche sich vorbereitete, ans Ufer zu gehen, nicht zu begleiten; mein Gatte unterstützte den Wunsch des Capitains, und ich begnügte mich damit, vom Schiffe aus meine Augen auf die reichen Laubmassen zu richten, welche ein leichtes Lüftchen hin und her bewegte. Indeß hatte ich bald Ursache, dankbar zu sein, daß ich meinem eigensinnigen Wunsch nicht gewillfahrtet, denn Nachmittags wurde es trübe und neblich, und bei der Rückkehr des Bootes erfuhr ich, daß der Boden gerade da, wo die Gesellschaft gelandet, morastig sei, und daß sie bis über die Fußknöchel ins Wasser eingesunken. Sie hatten die Insel kniehoch mit üppigem rothen Klee, schlanken Bäumen, niedrigem Strauchwerk und einem Ueberfluß von wilden Blumen bedeckt gefunden.
Um mich einigermaßen dafür zu entschädigen, daß ich ihn nicht hatte begleiten dürfen, überreichte mir mein Gatte bei seiner Rückkehr ein prächtiges Bouquet, das er für mich gesammelt. Unter den Blumen befanden sich süß duftende rothe Rosen, derjenigen nicht unähnlich, welche wir in Schottland die pimpinellenblättrige Rose (burnet-leaved) nennen, mit glatten glänzenden Blättern und wenigen oder gar keinen Dornen; ferner das Lungenkraut (Pulmonaria) welches ich häufig in den Hochlanden gepflückt habe; eine Zucker-Erbse mit rothen Blüthen und blaßgrünen Blätter-Ranken; eine weiße Orchis, von entzückendem Geruch; und außer diesen verschiedne kleine, weiße und gelbe Blumen, die mir völlig unbekannt waren. Der Proviantmeister versah mich mit einem Porzelankruge und frischem Wasser, so daß ich während des Restes unsrer Reise den Genuß eines schönen Blumen-Straußes haben werde. Die Matrosen hatten nicht vergessen, ein oder zwei buschige Aeste zur Schmückung des Schiffs mitzubringen, und der Vogelkäfig war bald in eine kleine Laube umgestaltet.
Obgleich das Wetter jetzt sehr schön ist, so machen wir doch nur langsame Fortschritte; der Wind bläst von allen Seiten, nur nicht von der rechten. Wir schwimmen mit der Fluth vorwärts, werfen, wenn diese uns verläßt, die Anker aus und warten dann so geduldig als möglich, bis es wieder Zeit ist, dieselben zu lichten. Zu meiner Unterhaltung mustre ich bald die Dörfer und Ansiedlungen durch das Fernglas des Capitains, bald belauere ich das Erscheinen der weißen, zwischen den Wogen schaukelnden Meerschweine (porpoises). Diese Thiere sind von milchweißer Farbe und haben nichts von dem ekelhaften Aeußern der schwarzen. Dann und wann steckt eine Robbe ihr drolliges Haupt dicht neben dem Schiffe aus dem Wasser hervor, ganz so aussehend wie Sindbad's kleiner Meer-Greis[3].
Es ist ein glücklicher Umstand für mich, daß meine Liebe zur Naturgeschichte mir mancherlei Gegenstände, die vielen der Beachtung unwerth erscheinen, zu Quellen der Unterhaltung und Belehrung macht. Das einfachste Kräutchen, das auf meinem Pfade wächst, die unscheinbare Mücke, welche um mich her summt, gewährt mir Stoff zum Nachsinnen und zur freudigen Bewunderung.