Wir müssen jedoch zu unsrer unmittelbaren Aufgabe zurückkehren, nämlich zur Eis-Zeit. Ich bin überzeugt, dass EDW. FORBES’ Theorie einer grossen Erweiterung fähig ist. In Europa haben wir die deutlichsten Beweise einer Kälte-Periode von den West-Küsten Britanniens ostwärts bis zur Ural-Kette und südwärts bis zu den Pyrenäen. Aus den im Eise eingefrorenen Säugthieren und der Beschaffenheit der Gebirgs-Vegetation zu schliessen, war Sibirien auf ähnliche Weise betroffen gewesen. Längs dem Himalaya haben Gletscher an 900 Engl. Meilen von einander entlegenen Punkten Spuren ihrer ehemaligen weiten Erstreckung nach der Tiefe hinterlassen; und in Sikkim sah Dr. HOOKER Mays wachsen auf alten Riesen-Moränen. Im Süden des Äquators haben wir einige unmittelbare Beweise früherer Eis-Thätigkeit in Neuseeland, und das Wiedererscheinen derselben Pflanzen-Arten auf weit von einander getrennten Bergen dieser Insel spricht für die gleiche Geschichte. Nach den von dem unermüdlichen Geologen W. B. CLARKE mir gewordenen Mittheilungen scheinen deutliche Spuren von einer früheren Gletscher-Thätigkeit auch in der süd-östlichen Spitze Neu-Hollands vorzukommen.

Sehen wir uns in Amerika um. In der nördlichen Hälfte sind von Eis transportirte Fels-Trümmer beobachtet worden an der Ost-Seite abwärts bis zum 36° und an der Küste des stillen Meeres, wo das Klima jetzt so verschieden ist, bis zum 46° nördlicher Breite; auch in den Rocky Mountains sind erratische Blöcke gesehen worden. In den Cordilleren des äquatorialen Süd-Amerika’s haben sich Gletscher ehedem weit über ihre jetzige Grenze herabbewegt. In Central-Chili habe ich ein ungeheures Detritus-Haufwerk untersucht, welches das Portillo-Thal queer durchsetzt, und, wie ich jetzt überzeugt bin, eine riesige Moräne tief unter jedem noch jetzt dort vorkommenden Gletscher. D. FORBES hat mir die folgende nun genauere Auskunft darüber mitgetheilt: dass er in der Cordillere vom 13° bis 30° SBr. in der ungefähren Höhe von 12000′ starkgefurchte Felsen gefunden ganz wie jene, die er in Norwegen gesehen, sowie grosse Detritus-Massen mit gefurchten Geschieben; längs dieser ganzen Cordilleren-Strecke gibt es selbst in viel beträchtlicheren Höhen gar keine wirklichen Gletscher. — Weiter südwärts an beiden Seiten des Kontinents, von 41° Br. bis zur südlichen Spitze finden wir die klarsten Beweise früherer Gletscher-Thätigkeit in mächtigen von ihrer Geburtsstätte weit entführten Blöcken.

Wir wissen nicht, ob die Eis-Zeit an allen diesen Punkten auf ganz entgegengesetzten Seiten der Erde genau gleichzeitig gewesen seye; doch fiel sie, in fast allen Fällen wohl erweislich, in die letzte geologische Periode. Eben so haben wir vortreffliche Beweise, dass sie überall, in Jahren ausgedrückt, von ungeheurer Dauer gewesen. Sie kann an einer Stelle der Erde früher begonnen oder früher aufgehört haben, als an der andern; da sie aber überall lange gewährt hat und wenigstens in geologischem Sinne überall gleichzeitig war, so ist es mir wahrscheinlich, dass jedenfalls ein Theil der Glazial-Ereignisse an allen diesen Orten über die ganze Erde hin der Zeit nach genau zusammenfiel. So lange wir nicht irgend einen bestimmten Beweis für das Gegentheil haben, dürfen wir daher unterstellen, dass die Glazial-Thätigkeit eine gleichzeitige gewesen ist an der Ost- und West-Seite Nord-Amerika’s, in den äquatorialen Cordilleren der tropischen wie der wärmer-gemässigten Zone, und zu beiden Seiten des südlichen Endes dieses Welttheiles. Ist Diess anzunehmen erlaubt, so wird man auch annehmen müssen, dass die Temperatur der ganzen Erde in dieser Periode gleichzeitig kühler gewesen ist; doch wird es für meinen Zweck genügen, wenn die Temperatur nur auf gewissen breiten von Norden nach Süden ziehenden Strecken der Erde gleichzeitig niedriger war.

Von dieser Voraussetzung ausgehend, dass die Erde oder wenigstens breite Meridianal-Streifen derselben von einem Pol zum andern gleichzeitig kälter geworden sind, lässt sich viel Licht über die jetzige Vertheilung identischer und verwandter Arten verbreiten. Dr. HOOKER hat gezeigt, dass in Amerika 40–50 Blüthen-Pflanzen des Feuerlandes, welche keinen unbeträchtlichen Theil der dortigen kleinen Flora bilden, trotz der ungeheuren Entfernung beider Punkte, mit Europäischen Arten übereinstimmen; ausserdem gibt es viele nahe verwandte Arten. Auf den hoch-ragenden Gebirgen des tropischen Amerika’s kommt eine Menge besondrer Arten aus Europäischen Sippen vor. Auf den höchsten Bergen Brasiliens sind einige wenige Europäische Sippen von GARDENER gefunden worden, welche in den weit-gedehnten warmen Zwischenländern nicht fortkommen. An der Silla von Caraccas fand AL. VON HUMBOLDT schon vor langer Zeit Sippen, welche für die Cordilleren bezeichnend sind. Auf den Abyssinischen Gebirgen kommen verschiedene Europäische Formen und einige wenige stellvertretende Arten der eigenthümlichen Flora des Caps der guten Hoffnung vor. Am Cap sind einige wenige Europäische Arten, die man nicht für eingeführt hält, und auf den Bergen verschiedene stellvertretende Formen Europäischer Arten gefunden worden, dergleichen man in den tropischen Ländern Afrika’s noch nicht entdeckt hat. Dr. HOOKER hat unlängst gezeigt, dass mehre der auf der Insel Fernando Po im Golfe von Guinea wachsenden Pflanzen mit denen der Abyssinischen Gebirge an der andren Seite des Afrikanischen Kontinents und mit solchen des gemässigten Europa’s nahe verwandt sind; Diess ist eine der überraschendsten Thatsachen in der Pflanzen-Geographie. — Am Himalaya und auf den vereinzelten Berg-Ketten der Indischen Halbinsel, auf den Höhen von Ceylon und den vulkanischen Kegeln Javas treten viele Pflanzen auf, welche entweder der Art nach mit einander übereinstimmen, oder sich wechselseitig vertreten und zugleich für Europäische Formen vikariiren, aber in den dazwischen gelegenen warmen Tiefländern nicht gefunden werden. Ein Verzeichniss der auf den luftigen Berg-Spitzen Javas gesammelten Sippen liefert ein Bild wie von einer auf Europäischen Gebirgen gemachten Sammlung. Noch viel schlagender ist die Thatsache, dass die Süd-Australischen Formen offenbar durch Pflanzen repräsentirt werden, welche auf den Berg-Höhen von Borneo wachsen. Einige dieser Australischen (Neuholländischen) Formen erstrecken sich nach Dr. HOOKER längs der Höhen der Halbinsel Malakka und sind dünne zerstreut einerseits über Indien und andrerseits nordwärts bis Japan.

Auf den südlichen Gebirgen Neuhollands hat Dr. F. MÜLLER mehre Europäische Arten entdeckt; andre nicht von Menschen eingeführte Spezies kommen in den Niederungen vor, und, wie mir Dr. HOOKER sagt, könnte noch eine lange Liste von Europäischen Sippen aufgestellt werden, die sich in Neuholland, aber nicht in den heissen Zwischenländern finden. In der vortrefflichen Einleitung zur Flora Neuseelands liefert Dr. HOOKER noch andre analoge und schlagende Beispiele hinsichtlich der Pflanzen dieser grossen Insel. Wir sehen daher, dass über der ganzen Erd-Oberfläche einestheils die auf den höheren Bergen wachsenden Pflanzen, wie anderntheils die in den gemässigten Tiefländern der nördlichen und der südlichen Hemisphäre verbreiteten zuweilen von gleicher Art sind; noch öfter aber erscheinen sie spezifisch verschieden, obwohl in merkwürdiger Weise mit einander verwandt.

Dieser kurze Umriss bezieht sich nur auf Pflanzen allein; aber genau analoge Thatsachen lassen sich auch über die Vertheilung der Landthiere anführen. Auch bei den Seethieren kommen ähnliche Fälle vor. Ich will als Beleg die Bemerkung eines der besten Gewährsmänner, nämlich des Professors DANA anführen, „dass es gewiss eine wunderbare Thatsache ist, dass Neuseeland hinsichtlich seiner Kruster eine grössre Verwandtschaft mit seinem Antipoden Grossbritannien als mit irgend einem andern Theile der Welt zeigt“. Eben so spricht Sir J. RICHARDSON von dem Wiedererscheinen nordischer Fisch-Formen an den Küsten von Neuseeland, Tasmania u. s. w. Dr. HOOKER sagt mir, dass Neuseeland 25 Algen-Arten mit Europa gemein hat, die in den tropischen Zwischenmeeren noch nicht gefunden worden sind.

Es ist zu bemerken, dass die in den südlichen Theilen der südlichen Halbkugel und auf den tropischen Hochgebirgen gefundenen nördlichen Arten und Formen keine arktischen sind, sondern dem nördlichen Theile der gemässigten Zone entsprechen. Hr. H. C. WATSON hat neulich bemerkt, „je weiter man von den polaren gegen die tropischen Breiten voranschreitet, desto weniger arktisch werden die alpinen oder gebirglichen Formen der Organismen.“ Viele der auf den Gebirgen wärmerer Gegenden der Erde und in der südlichen Hemisphäre lebenden Arten sind von so zweifelhaftem Werthe, dass sie von einigen Naturforschern als wesentlich verschieden von Europäischen Arten und von andern als blosse Varietäten bezeichnet werden. Doch einige darunter sind gewiss identisch und viele müssen, wenn auch mit nordischen Formen nahe verwandt, als eigne Arten anerkannt werden.

Wir wollen nun zusehen, welche Aufschlüsse die vorangehenden Thatsachen über die durch eine Menge geologischer Beweise unterstützte Annahme gewähren können, dass die ganze Erd-Oberfläche oder wenigstens ein grosser Theil derselben während der Eis-Periode gleichzeitig viel kälter als jetzt gewesen seye. Die Eis-Periode muss, in Jahren ausgedrückt, sehr lang gewesen seyn; und wenn wir berücksichtigen, über welch’ weite Flächen einige naturalisirte Pflanzen und Thiere in wenigen Jahrhunderten sich ausgebreitet haben, so hat diese Periode für jede noch so weite Wanderung ausreichen können. Da die Kälte nur langsam zunahm, so werden alle tropischen Pflanzen und Thiere sich von beiden Seiten her gegen den Äquator zurückgezogen haben, gefolgt von den Bewohnern gemässigter Gegenden, welchen die der Polar-Zonen nachrückten; doch haben wir es mit den letzten in diesem Augenblicke nicht zu thun. Die Aufgabe ist eine äusserst verwickelte. Selbst die wahrscheinlich vor der Eis-Periode vorhanden gewesene pleistocäne Äquatorial-Flora, die einem noch mehr als tropischen Klima entsprochen hätte, darf nicht ganz ausser Acht gelassen werden. Diese alte Äquatorial-Flora würde während der Eis-Zeit, und die zwei pleistocänen subtropischen Floren nun mit einander vermengt und an Zahl zusammengeschmolzen, von der jetzigen Äquatorial-Flora verdrängt worden sein. Eben so mussten während der Eis-Zeit sehr grosse Veränderungen in den Feuchtigkeits- u. a. klimatischen Verhältnissen eingetreten seyn, in deren Folge manche Thiere und Pflanzen in verschiedenen Menge-Verhältnissen ausgewandert wären. Alle Lebens-Bedingungen wären also während der Eis-Periode in den Tropen gleichzeitigem und bedeutendem Wechsel unterlegen. Viele der tropischen Organismen erloschen dabei ohne Zweifel; wie viele, kann niemand sagen. Vielleicht waren vordem die Tropen-Gegenden eben so reich an Arten, wie jetzt das Kap der guten Hoffnung und einige gemässigte Theile Neuhollands.

Da wir wissen, dass viele tropische Pflanzen und Thiere einen ziemlichen Grad von Kälte aushalten können, so mögen manche derselben der Zerstörung durch eine mässige Temperatur-Abnahme entgangen seyn, zumal wenn sie in die tiefsten geschütztesten und wärmsten Bezirke zu entkommen vermochten. Aber was man hauptsächlich nicht vergessen darf, das ist, dass doch alle Tropen-Erzeugnisse mehr oder weniger gelitten haben müssen. Am schwierigsten ist es zu sagen, auf welche Weise sie gänzlicher Vertilgung entgangen sind; wobei die Möglichkeit einiger Akklimatisation während des sehr langsamen Heranrückens der Kälte-Periode nicht ganz übersehen werden darf. Anderseits wurden auch die Bewohner gemässigter Gegenden, welche näher an den Äquator heranziehen konnten, in einigermaassen neue Verhältnisse versetzt, litten aber weniger. Auch ist es gewiss, dass viele Pflanzen gemässigter Gegenden, wenn sie gegen Mitbewerbung geschützt sind, ein viel wärmeres als ihr eigentliches Klima ertragen können. Daher erscheint es mir möglich, dass, da die Tropen-Erzeugnisse in leidendem Zustande waren und den Eindringlingen keinen ernsten Widerstand zu leisten vermochten, eine gewisse Anzahl der kräftigsten und herrschendsten Formen der gemässigten Zone in die Reihen der Eingebornen eingedrungen sind und den Äquator erreicht und selbst noch überschritten haben. Der Einfall wurde in der Regel durch Hochländer und vielleicht ein trocknes Klima noch begünstigt; denn Dr. FALCONER sagt mir, dass es die mit der Hitze der Tropenländer verbundene Feuchtigkeit ist, welche den perennirenden Gewächsen aus gemässigteren Gegenden so verderblich wird. Dagegen werden die feuchtesten und wärmsten Bezirke den Eingebornen der Tropen als Zufluchtsstätte gedient haben. Die Gebirgs-Ketten im Nordwesten des Himalaya und die lange Cordilleren-Reihe scheinen zwei grosse Invasions-Linien gebildet zu haben; und es ist eine schlagende Thatsache, dass nach Dr. HOOKER’S letzter Mittheilung die 46 Blüthen-Pflanzen, welche Feuerland mit Europa gemein hat, alle auch in Nord-Amerika vorkommen, das auf ihrer Marsch-Route gelegen haben muss. Wollte man daraus schliessen, dass das Land in manchen Tropen-Gegenden damals als die aus gemässigten Gegenden kommenden Organismen es durchwanderten, höher als jetzt gewesen seye, so fehlen uns wenigstens alle Beweise dafür. Daher ich zu unterstellen genöthigt bin, dass auch einige Bewohner der gemässigten Zonen sogar in die Tiefländer der Tropen und namentlich Ostindiens eingedrungen und diese überschritten, als zur Zeit der grössten Kälte arktische Formen von ihrer Heimath aus 25 Breiten-Grade südwärts wanderten und das Land am Fusse der Pyrenäen bedeckten. In dieser Zeit der grössten Kälte dürfte dann das Klima unter dem Äquator im Niveau des Meeres-Spiegels ungefähr das nämliche gewesen seyn, wie es jetzt dort in 5000′–6000′ Seehöhe herrscht. In dieser Zeit der grössten Kälte waren meiner Meinung nach weite Räume in den tropischen Tiefländern mit einer Vegetation bedeckt aus Formen tropischer und gemässigter Gegenden zusammengesetzt und derjenigen vergleichbar, welche sich nach HOOKER’S lebendiger Beschreibung jetzt in wunderbarer Üppigkeit am Fusse des Himalaya in 4000′–5000′ Seehöhe entfaltet.

Als MANN auf der Insel Fernando-Po botanisirte, sah er von 5000′ Höhe an einzelne Pflanzen-Formen aus dem gemässigten Europa auftreten, und Dr. SEEMANN fand in den Bergen von Panama bei 2000′ eine Vegetation wie in Mexico mit Formen der heissesten Zone und solche der gemässigten einträchtig durchmengt; woraus sich mithin die Möglichkeit ergibt, dass unter gewissen klimatischen Bedingungen wirkliche Tropen-Gewächse eine unbegrenzte Zeit lang mit Formen gemässigter Klimate zusammen leben können.