Ich hatte eine Zeit lang gehofft den Beweis zu finden, dass irgendwo auf der Erde die Tropen-Gegenden von den Frost-Wirkungen der Eis-Periode verschont geblieben seyen und den leidenden Tropen-Bewohnern einen sicheren Zufluchtsort dargeboten hätten. Wir können diesen Zufluchtsort nicht auf der Ostindischen Halbinsel oder auf Ceylon suchen, da Formen gemässigter Klimate fast alle ihre einzeln gelegenen Berg-Höhen erreicht haben; wir vermögen sie nicht im Malayischen Archipel zu finden, denn auf den Vulkanen-Kegeln Javas sehen wir Europäische Formen und auf den Höhen von Borneo Erzeugnisse des gemässigten Theiles von Neuholland auftreten. In Afrika haben nicht nur einige gemässigt-Europäische Formen Abyssinien auf der West-Seite bis zu dessen südlichem Ende durchwandert, sondern auch Formen gemässigter Klimate von dort aus den Kontinent bis Fernando-Po an der West-Seite durchschritten mit Hilfe vielleicht von Gebirgsketten, welche nach einigen Anzeichen das Festland von Osten nach Westen durchstreichen. Wenn man aber auch annähme, dass irgend eine ausgedehnte Tropen-Gegend während der Eis-Zeit ihre volle Wärme bewahrt hätte, so würde uns diese Unterstellung nicht viel helfen, weil die darin erhalten gebliebenen tropischen Formen in einer so kurzen Zeitfrist nicht wohl von einer dieser grossen Tropen-Gegenden gewandert seyn könnten. Auch haben die tropischen Formen der ganzen Erd-Oberfläche gegen einander gehalten keinesweges ein so einförmiges Aussehen, als ob sie von einem gemeinsamen Sicherheits-Hafen ausgelaufen wären.

Die östlichen Ebenen im tropischen Süd-Amerika haben offenbar am wenigsten von der Eis-Periode gelitten; und doch sind auch hier einige wenige Formen gemässigter Gegenden in den Brasilischen Bergen gefunden worden, welche den Kontinent von den Cordilleren aus gekreuzt haben müssen; und eben so scheint während derselben Zeit eine Wanderung von den Cordilleren bis gegen Caraccas stattgefunden zu haben. Nun aber hat BATES, welcher mit grossem Eifer die Insekten-Fauna des Guiana-Amazonas-Gebietes studirt, kürzlich mit grosser Lebhaftigkeit gegen jede Annahme einer in neuerer Zeit stattgefundenen Abkühlung dieses grossen Gebietes geeifert, indem er zeigte, dass es reich ist an ganz eigenthümlichen einheimischen Schmetterlings-Formen, welche offenbar der Unterstellung eines neuerlich stattgefundenen Erlöschens in der Nähe des Äquators widersprechen. Ich will mich jedoch nicht vermessen zu sagen, in wie ferne diese Erscheinung etwa durch die Annahme einer fast gänzlichen Austilgung einer pleistocänen Fauna in der Eis-Zeit und der Bildung der jetzigen Äquatorial-Fauna durch die Vereinigung der zwei vorigen subtropischen Faunen erklärbar seyn möge.

So sind, glaube ich, während der Eis-Periode beträchtlich viele Pflanzen, einige Landthiere und verschiedene Meeres-Bewohner von beiden gemässigten Zonen aus in die Tropen-Gegenden eingedrungen und haben manche sogar den Äquator überschritten. Als die Wärme zurückkehrte, stiegen die den gemässigten Klimaten entstammten Formen natürlich an den Bergen hinan und verschwanden aus den Tiefebenen; diejenigen, welche den Äquator nicht erreicht hatten, kehrten nord- und süd-wärts in ihre frühere Heimath zurück; jene hauptsächlich nordischen Formen aber, welche den Äquator schon überschritten, wanderten weiter in die gemässigten Breiten der entgegengesetzten Hemisphäre. Obwohl sich aus geologischen Forschungen ergibt, dass die ganze Masse der arktischen Konchylien auf ihrer langen Wanderung nach Süden und ihrer Rückwanderung nach Norden kaum irgend eine wesentliche Modification erfahren habe, so ist das Verhältniss doch ein ganz andres hinsichtlich der eingedrungenen Formen, welche sich auf den tropischen Gebirgen und in der südlichen Hemisphäre festsetzten. Von Fremdlingen umgeben geriethen sie mit vielen neuen Lebenformen in Mitbewerbung; und es ist wahrscheinlich, dass Abänderungen in Struktur, organischer Thätigkeit und Lebensweise davon die Folge waren und durch Natürliche Züchtung fortgebildet wurden. So leben nun viele von diesen Wanderern, wenn auch offenbar noch verwandt mit ihren Brüdern in der andern Hemisphäre, in ihrer neuen Heimath als ausgezeichnete Varietäten oder eigene Spezies fort.

Es ist eine merkwürdige Thatsache, worauf HOOKER hinsichtlich Amerikas und ALPHONS DECANDOLLE hinsichtlich Australiens bestehen, dass offenbar viel mehr identische und verwandte Pflanzen von Norden nach Süden als in umgekehrter Richtung gewandert sind. Wir sehen daher nur wenige südlichen Pflanzen-Formen auf den Bergen von Borneo und Abyssinien. Ich vermuthe, dass diese überwiegende Wanderung von Norden nach Süden der grösseren Ausdehnung des Landes im Norden und der zahlreichen Existenz der nordischen Formen in ihrer Heimath zuzuschreiben ist, in deren Folge sie durch Natürliche Züchtung und manchfaltigere Mitbewerbung bereits zu höherer Vollkommenheit und Herrschafts-Fähigkeit als die südlicheren Formen gelangt waren. Und als nun beide während der Eis-Periode sich durcheinander mengten, waren die nördlichen Formen besser geeignet die südlichen zu überwinden, — so wie wir heutzutage noch die Europäischen Einwanderer den Boden von La-Plata und seit 30–40 Jahren auch von Neuholland bedecken sehen. Die Neil-gherrie-Berge in Ostindien bieten jedoch eine theilweise Ausnahme dar, indem, wie mir Dr. HOOKER sagt, Australische Formen sich dort rasch naturalisiren und durch Saamen verbreiten. Vor der Eis-Zeit waren diese tropischen Gebirge ohne Zweifel mit einheimischen Alpen-Pflanzen bevölkert. Auf vielen Inseln sind die eingeborenen Erzeugnisse durch die naturalisirten bereits an Menge erreicht oder überboten; und wenn jene ersten jetzt auch noch nicht verdrängt sind, so hat ihre Anzahl doch schon sehr abgenommen, und Diess ist der erste Schritt zum Untergang. Ein Gebirge ist eine Insel auf dem Lande, und die tropischen Gebirge vor der Eis-Zeit müssen vollständig isolirt gewesen seyn. Ich glaube, dass die Erzeugnisse dieser Inseln auf dem Lande vor denen der grösseren nordischen Länder-Strecken ganz in derselben Weise zurückgewichen sind, wie die Erzeugnisse der Inseln im Meer zuletzt überall von den durch den Menschen daselbst naturalisirten verdrängt wurden.

Ich bin weit entfernt zu glauben, dass durch die hier aufgestellte Ansicht über die Ausbreitung und die Beziehungen der verwandten Arten, welche in der nördlichen und der südlichen gemässigten Zone und auf den Gebirgen der Tropen-Gegenden wohnen, bereits alle Schwierigkeiten ausgeglichen sind. Es ist sehr schwer zu begreifen, wie eine so grosse Anzahl eigenthümlicher auf die Tropen beschränkter Formen den kältesten Theil der Eis-Zeit zu überdauern im Stande war. Die Anzahl der Formen in Neuholland, welche mit Formen des gemässigten Europas verwandt aber dennoch so abweichend von ihnen sind, dass man unmöglich an eine Abänderung derselben erst seit der Glazial-Zeit glauben kann, zeigt vielleicht eine noch ältre Kälte-Periode an, welche mit den Spekulationen einiger neueren Geologen in Beziehung steht. — Die genauen Richtungen und die Mittel der Wanderungen oder die Ursachen, warum die einen und nicht die andern Arten gewandert sind, oder warum gewisse Spezies Abänderung erfahren haben und zur Bildung neuer Formen-Gruppen verwendet worden, während andre unverändert geblieben sind, lassen sich nicht nachweisen. Wir können nicht hoffen, solche Verhältnisse zu erklären, so lange wir nicht zu sagen vermögen, warum eine Art und nicht die andre durch menschliche Thätigkeit in fremden Landen naturalisirt werden kann, oder warum die eine zwei oder drei mal so weit verbreitet, zwei oder drei mal so gemein als die andre Art in der gemeinsamen Heimath ist.

Ich habe gesagt, dass viele Schwierigkeiten noch zu überwinden bleiben. Einige der merkwürdigsten hat Dr. HOOKER in seinen botanischen Werken über die antarktischen Regionen mit bewundernswerther Klarheit auseinandergesetzt. Diese können hier nicht erörtert werden. Nur Das will ich bemerken, dass, wenn es sich um das Vorkommen einer Spezies an so ungeheuer von einander entfernten Punkten handelt, wie Kerguelen-Land, Neuseeland und Feuerland sind, nach meiner Meinung (wie auch LYELL annimmt) Eisberge gegen das Ende der Eis-Zeit hin sich reichlich an deren Verbreitung betheiligt haben dürften. Aber das Vorkommen einiger verschiedenen Arten aus ganz südlichen Sippen an diesem oder jenem entlegenen Punkte der südlichen Halbinsel ist nach meiner Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung ein weit merkwürdigeres schwieriges Beispiel. Denn einige dieser Arten sind so abweichend, dass sich nicht annehmen lässt, die Zeit von Anbeginn der Eis-Periode bis jetzt könne zu ihrer Wanderung und nachherigen Abänderung bis zur erforderlichen Stufe hingereicht haben. Diese Thatsachen scheinen mir anzuzeigen, dass sehr verschiedene eigenthümliche Arten in strahlenförmiger Richtung von irgend einem gemeinsamen Zentrum ausgegangen; und ich bin geneigt, mich auch in der südlichen so wie in der nördlichen Halbkugel um eine wärmere Periode vor der Eis-Zeit umzusehen, wo die jetzt mit Eis bedeckten antarktischen Länder eine ganz eigenthümliche und abgesonderte Flora besessen haben. Ich vermuthe, dass schon vor der Vertilgung dieser Flora durch die Eis-Periode sich einige wenige Formen derselben durch gelegentliche Transport-Mittel bis zu verschiedenen weit entlegenen Punkten der südlichen Halbkugel verbreitet hatten. Dabei mögen ihnen einige entweder noch vorhandene oder bereits versunkene Inseln als Ruheplätze gedient haben. Und so, glaube ich, haben die südlichen Küsten von Amerika, Neuholland und Neuseeland eine ähnliche Färbung durch gleiche eigenthümliche Formen des Pflanzen-Lebens erhalten.

Sir CH. LYELL hat sich in einer der meinen fast ähnlichen Weise in Vermuthungen ergangen über die Einflüsse grosser Schwankungen des Klimas auf die geographische Verbreitung der Lebenformen. Ich glaube also, dass die Erd-Oberfläche noch unlängst einen von diesen grossen Kreisläufen erfahren hat, und dass durch diese Unterstellung in Verbindung mit der Annahme der Abänderung durch Natürliche Züchtung eine Menge von Thatsachen in der gegenwärtigen Vertheilung von identischen sowohl als verwandten Lebenformen sich erklären lässt. Man könnte sagen, die Ströme des Lebens seyen eine kurze Zeit von Norden und von Süden her geflossen und hätten den Äquator gekreuzt; aber die von Norden her seyen so viel stärker gewesen, dass sie den Süden überschwemmt hätten. Wie die Gezeiten ihren Beitrieb in wagrechten Linien abgesetzt am Strande zurücklassen, jedoch an verschiedenen Küsten zu verschiedenen Höhen ansteigen, so haben auch verschiedene Lebens-Ströme ihr lebendiges Drift auf unsern Berg-Höhen hinterlassen in einer von den arktischen Tiefländern bis zu grossen Äquatorial-Höhen langsam ansteigenden Linie. Die verschiedenen auf dem Strande zurückgelassenen Lebenwesen kann man mit wilden Menschen-Rassen vergleichen, die fast allerwärts zurückgedrängt sich noch in Bergfesten erhalten als interessante Überreste der ehemaligen Bevölkerungen umgebender Flachländer.

Zwölftes Kapitel.
Geographische Verbreitung.
(Fortsetzung.)

Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. — Die Bewohner der ozeanischen Inseln. — Abwesenheit von Batrachiern und Land-Säugethieren. — Beziehungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten Festländer. — Über Ansiedelung aus den nächsten Quellen und nachherige Abänderung. — Zusammenfassung der Folgerungen aus dem letzten und dem gegenwärtigen Kapitel.

Da See’n und Fluss-Systeme durch Schranken von Trockenland von einander getrennt werden, so möchte man glauben, dass Süsswasser-Bewohner nicht im Stande seyen sich aus einer Gegend in weite Ferne zu verbreiten. Und doch verhält sich die Sache gerade entgegengesetzt. Nicht allein haben viele Süsswasser-Bewohner aus ganz verschiedenen Klassen selbst eine ungeheure Verbreitung, sondern einander nahe verwandte Formen herrschen auch in auffallender Weise über die ganze Erd-Oberfläche vor. Ich besinne mich noch wohl der Überraschung, die ich fühlte, als ich zum ersten Male in Brasilien Süsswasser-Erzeugnisse sammelte und die Süsswasser-Schaaler und -Kerbthiere mitten in einer ganz verschiedenen Bevölkerung des Trockenlandes den Britischen so ähnlich fand.