Auf diese Weise ausgerüstet kann ein Werk nicht verfehlen die grösste Aufmerksamkeit zu erregen, das sich zur Aufgabe gesetzt, die dunkelsten Tiefen der Natur zu beleuchten, das bisher unlösbar geschienene Problem, das grösste Räthsel für die Naturforschung zu lösen und einen Gedanken, ein Grund-Gesetz in Werden und Seyn der ganzen Organismen-Welt nachzuweisen, das dieselbe in Zeit und Raum eben so beherrscht, wie die Schwerkraft in den Himmelskörpern und die Wahlverwandtschaft in aller Materie waltet, und auf welches alle andern Gesetze zurückführbar sind, die man bisher für sie aufgestellt hat. Es ist das Entwickelungs-Gesetz durch Natürliche Züchtung, das in der ganzen organischen Natur eben so wie im Systeme und im Individuum durch Zeit und Raum herrscht.

Die bisherigen Versuche, jenes Problem ganz oder theilweise zu lösen, waren Einfälle ohne alle Begründung und nicht fähig, eine Prüfung nach dem heutigen Stand der Wissenschaft auszuhalten, ja nur zu veranlassen[53]. Gleichwohl hat jeder Naturforscher gefühlt, dass die Annahme einer jedesmaligen persönlichen Thätigkeit des Schöpfers, um die unzähligen Pflanzen- und Thier-Arten in’s Daseyn zu rufen und ihren Existenz-Bedingungen anzupassen, im Widerspruch ist mit allen Erscheinungen in der unorganischen Natur, welche durch einige wenige unabänderliche Gesetze geregelt werden[54], durch Kräfte, die der Materie selbst eingeprägt sind. Da wir es auf Hrn. DARWIN’S Wunsch übernommen haben, sein Werk in’s Deutsche zu übertragen, so glauben wir dem Leser einige Rechenschaft von unsrer eigenen bisherigen Ansicht über mehre der durch den Verf. erörterten Fragen im Einzelnen und über seine Theorie im Ganzen, so wie von dem Einflusse schuldig zu seyn, welchen dieselbe auf unsre eigene Vorstellungs-Weise hinterlassen hat. Wir leisten diese Rechenschaft um so lieber, als, was wir auch immer gegen diese neue Theorie einzuwenden haben mögen, Diess unsre hohe Achtung und Bewunderung für ihren Begründer, unsere Dankbarkeit für seine zahlreichen Belehrungen und unsre zuversichtliche Hoffnung auf glänzende Erfolge seiner Bestrebungen nicht schmälern kann[55].

Wir haben an CUVIER’S Definition festhaltend die Art als Inbegriff aller Individuen von einerlei Abkunft und derjenigen, welche ihnen eben so ähnlich als sie unter sich sind, betrachtet[56]. Wir haben die Arten im Ganzen für beständig in ihren Charakteren, doch der Abartung in Folge äusserer oder unbekannter Einflüsse für fähig gehalten[57], die Abarten oder Varietäten aber für fähig unter angemessenen Verhältnissen wieder zu dem älterlichen Typus zurückzukehren; doch werde Diess der bestehenden Erfahrung gemäss um so schwerer halten, je länger die Abart unter fortwährendem Einflusse derselben äusseren Bedingungen, denen sie ihre Entstehung verdankte, schon als solche fortgepflanzt worden seye[58]. Das Maass der möglichen Abänderung einer Art wurde als ein beschränktes vorausgesetzt und nach den vorhandenen Erfahrungen in der geschichtlichen Zeit taxirt, ohne jedoch das mögliche Maximum dieser Grenzen zu bestimmen. Successiv auftretende Arten-Formen nahmen wir daher als selbstständig an[59]. Eine Generatio aequivoca der Arten haben wir nach den bisher bestehenden Erfahrungen nicht anerkannt[60]; und daher in Ermangelung einer andern Arten-bildenden Natur-Kraft (da Bastarde keine neue Arten gründen) nöthig gefunden, uns einstweilen noch auf eine Schöpfung zu berufen[61], jedoch mit der ausdrücklichen Bemerkung, dass solche Annahme einer persönlichen Thätigkeit des Schöpfers mit dem übrigen Walten in der Natur im Widerspruch stehe[62]. Wir haben die Leistungen dieser Schöpfungs-Kraft, welcher Art sie nun seyn möge[63], näher charakterisirt und darauf hingewiesen, dass sie neben den unvollkommenen auch immer höher vervollkommnete Organismen hervorgebracht habe, wovon die neu auftretenden Formen immer in festen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den untergegangenen und zu den jedesmaligen äusseren Lebens-Bedingungen gestanden, was auf ein nahes Verhältniss der schaffenden Kraft zu der erhaltenden und zu diesen äusseren Verhältnissen hinweise.

DARWIN’S Theorie lässt sich nun in folgender Weise zusammenfassen. Der Schöpfer hat einigen wenigen erschaffenen Pflanzen- und Thier-Formen, vielleicht auch nur einer einzigen, Leben eingeblasen[64], in Folge dessen diese Organismen im Stande waren zu wachsen und sich fortzupflanzen, aber auch bei jeder Fortpflanzung in verschiedener Richtung um ein Minimum zu variiren („Fortpflanzung mit Abänderung“). Die Ursachen solchen Abändern’s sind zumal in Affektionen der Generations-Organe und nur geringentheils in unmittelbaren Einflüssen der äusseren Lebens-Bedingungen zu suchen. Solche kleine Abweichungen vom älterlichen Typus können schädliche, gleichgültige und nützliche seyn. Waren sie es in noch so geringem Grade, so hatten die Individuen mit den ersten am wenigsten und die mit den letzten am meisten Aussicht die andern zu überleben und sich fortzupflanzen. Die überlebenden Individuen werden die ihnen nützlich gewordene Abweichung oft wieder auf ihre Nachkommen „vererbt“ haben, und wenn diese nur nach 10 Generationen wieder einmal in gleicher Richtung und Stärke variirten, so war das Maass der Abänderung und somit ihre Aussicht die anderen Individuen zu überleben auf’s Neue vermehrt. Die Natur begünstigt also vorzugsweise die Fortpflanzung der mit jener nützlichen Abweichung versehenen Individuen auf Kosten der andern und häuft dieselbe bei späteren Nachkommen zu immer höherem Betrage an, etwa wie ein Viehzüchter bei Veredlung seiner Rassen verfährt („Natürliche Züchtung“), um deren ihm selbst willkommene Eigenschaften zu steigern. So kann nach tausend, zehntausend oder hunderttausend Generationen in einzelnen Nachkommen der ersten Urform jene Abweichung eine 100-, 1000-, 10,000fach gehäufte, es kann aus der anfänglich ganz unbemerkbaren Abänderung eine wirkliche Abart, eine eigene Art, eine andere Sippe, ja zuletzt nach 1,000,000 und mehr Generationen eine andere Ordnung oder Klasse von Organismen entstehen; denn es liegt keine natürliche Ursache und kein logischer Grund vor anzunehmen, dass das Maass der langsamen Abänderung irgendwo eine Grenze finde. Eine Abänderung aber, die in einer Gegend, Lage, Gesellschaft u. s. w. nützlich ist, kann in der andern schädlich seyn u. a. Es können mithin aus derselben Grundform unter verschiedenen äusseren Verhältnissen Abänderungen in ganz verschiedener Richtung entstehen, fortdauern und mit der Zeit allmählich ganz verschiedene Sippen, Familien und Klassen bilden („Divergenz des Charakters“). Da die Nützlichkeit jeder Art von Abänderung von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-Bedingungen abhängig ist, unter welchen sie nützlich erscheinen, und da die Abänderung selbst unter andern Bedingungen eine andere seyn muss, um dem Organismus zu nützen, so besteht diese Natürliche Züchtung in einer fortwährenden „Anpassung der vorhandenen Lebenformen an die äusseren Bedingungen“ und Angewöhnung an dieselben. Diese sind Wohn-Elemente, Boden, Klima, Licht, Nahrung, vor allem Andern aber die Wechselbeziehungen der beisammen wohnenden Organismen zu einander, ihr Leben von einander, die Nothwendigkeit sich gegenseitig zu verdrängen und zu vertilgen, weil bei Weitem nicht alle, die geboren werden, auch neben einander fortleben können; daher der „Kampf um’s Daseyn“ bei fortdauernder Vervielfältigung und Ausbreitung der vervollkommneten Sieger und fortwährende „Erlöschung“ der wegen minderer Vollkommenheit Besiegten. Je mehr Lebenformen entstehen, desto manchfaltiger werden mithin wieder die Lebens-Bedingungen. Daher auch eine fortwährende Veränderung, Vervollkommnung und Vervielfältigung eines Theiles der Lebenformen (obwohl andere verschwinden) nicht als Zufall, sondern als nothwendige gesetzliche Erscheinung! Manche Organe mögen sich wohl auch in Folge der Art ihres „Gebrauches“ weiter entwickeln und vervollkommnen, wie andere durch „Nichtgebrauch“ allmählich zurückgehen und verkümmern („rudimentäre Organe“), wenn sie etwa unter veränderten Lebens-Bedingungen nicht mehr nöthig und vielleicht sogar schädlich sind. Wie die Natürliche Züchtung die ganzen Lebenformen allmählich differenzirt, um sie verschiedenen Lebens-Bedingungen anzupassen, so verfährt sie oft auch mit gleichartigen Organen, die in grösserer Anzahl an einerlei Individuen vorkommen. Wenn jedoch erbliche Abänderungen nur in einem gewissen Lebens-Alter auftreten oder erworben werden, so vererben sie sich auch nur auf dieses Lebens-Alter der Nachkommenschaft; diese bekommt mit fortschreitendem Alter neue Formen, durchläuft vom Embryo-Zustande an eine „Metamorphose“, während es andere Lebenformen gibt, welche lebenslänglich fast gleiche („embryonische“) Gestalt beibehalten, daher die ursprüngliche Verwandtschaft der Wesen sich gewöhnlich durch Übereinstimmung im Embryo-Zustande am längsten verräth. Die allmähliche Entstehung so vieler immer manchfaltigerer und z. Th. immer vollkommenerer Lebenwesen durch Fortpflanzung mit Abänderung und unter gleichzeitigem Aussterben anderer lässt sich daher mit der Entwickelung eines Baumes vergleichen; die Urformen bilden den Stamm, die Ordnungen, Sippen und Arten, die Äste und Zweige, und ein natürliches System kann nicht anders als in Form eines Stammbaumes dargestellt werden. Dieser Baum erstreckt sich gleichsam durch alle Gebirgs-Formationen aus der Tiefe herauf; da er aber in der Silur-Zeit schon in viele Äste auseinander gelaufen, so muss der eigentliche Stamm in noch viel älteren und tieferen Schichten stecken, die man noch nicht entdeckt oder erkannt hat, entweder weil sie durch metamorphische Prozesse verändert und sammt ihren organischen Resten unkenntlich geworden sind, oder weil sie unter dem Ozean liegen. Denn es könnte möglich seyn, dass seit der silurischen Periode das Weltmeer im Ganzen genommen in Senkung, wie unsre jetzigen Kontinente im Ganzen genommen fortwährend in Hebung begriffen wären. Im Übrigen erklärt sich die geographische Verbreitungs-Weise der Organismen, von zufälligen und gelegentlichen Verbreitungs-Mitteln einzelner Individuen abgesehen, hauptsächlich aus grossen klimatischen und geographischen Veränderungen (wie die Eis-Zeit), welche der Reihe nach alle Theile der Erd-Oberfläche betroffen, ihre Bewohner in andere Gegenden gedrängt und ihnen die Wege bald hier und bald dort geebnet haben, so dass manche Bewohner gemässigter Zonen sogar den Äquator überschreiten und ihre Art in die andre Hemisphäre verpflanzen konnten.

Die neue Hypothese gibt Thatsachen und Urtheile, um zu zeigen, wie sich die Erscheinungen im Allgemeinen verhalten haben können oder noch verhalten können, und es gelingt ihr das oft in einem überraschenden Grade. Es sind ganze in langen Kapiteln abgehandelte Probleme, die sich mit deren Hülfe dann so einfach lösen, dass man fast keinen Augenblick darüber in Zweifel geräth, ob sich die Sache nicht auch anders verhalten könne, und man sich selbst aufrütteln muss, um sich zu erinnern, es handle sich vorerst nur um eine in ihren Grundbedingungen der Rechtfertigung noch durchaus bedürftigen Hypothese. Und in der That, wenn man dann über den Rand des Buches hinaus auf irgend ein andres Werk blickt, welches die Erscheinungen so schildert, wie sie in der Natur vorliegen, so fühlt man oft, dass die Anwendbarkeit der DARWIN’schen Theorie auf die Wirklichkeit nicht so einfach und nicht so unmittelbar ist, als es geschienen, so lange man sich mit dem Verfasser ganz in seine Ansichten versenkt hatte, weil (begreiflich) die Verhältnisse überall nicht so einfach oder so geartet sind, wie er sie Beispiels-weise unterstellt. Wie sehr man sich daher auch von des Verfs. Theorie angezogen fühlen mag, weil sie, ihrem Grundgedanken nach einmal zugestanden, eine Menge einzelner unerklärter Erscheinungen auf die überraschendste Weise verkettet und als nothwendige erklärt, so muss man wohl erwägen, in wie ferne sie wirklich annehmbar seye. In dieser Beziehung wollen wir hier zum Schlusse noch einige erläuternde Betrachtungen mit unseren wesentlichsten Einreden dagegen folgen lassen, weil uns Diess angemessener und schicklicher erscheint, als die Übersetzung selbst überall mit Einwürfen zu begleiten. Eine nicht unerhebliche Anzahl noch andrer Gegenreden könnte leicht aus unsren früheren Schriften beigebracht werden, die wir hier übergehen, ohne sie jedoch für entkräftet zu halten.

Zuerst haben wir keine weitre positive Kenntniss von den natürlichen Grenzen der Veränderlichkeit der Arten überhaupt, als dass Varietäten aus ihnen entstehen, die unter denselben äusseren Bedingungen, unter welchen sie entstanden sind, auch um so ständiger werden können, je länger sie sich unter demselben Einflusse gleichbleibend fortpflanzen. Darin liegt allerdings schon ein grosses Zugeständniss, indem wir, sehr lange Zeiträume unterstellend, meistens nicht die Hoffnung hegen dürfen, eine solche während 1000 Generationen ständig fortgepflanzte Varietät jemals wieder auf ihren Urtypus wirklich zurückzuführen. Ja wir dürfen uns dieser Hoffnung um so weniger hingeben, als wir sehr oft die wahre Ursache der Entstehung einer solchen Varietät nicht einmal kennen, und sogar dann, wenn wir sie kennen, meistens kaum im Stande seyn dürften, dasjenige Agens zu finden oder diejenige Reihe von Agentien zu enträthseln oder anzuwenden, welche dem ersten direkt entgegenwirken. Wir würden daher oft weder den positiven Beweis der Abstammung noch auch aus der Thatsache, dass sich eine Abart nicht mehr auf ihre Stamm-Form zurückbringen lässt, den Gegenbeweis liefern können, dass jene aus dieser nicht entstanden seye. Was daher auch immer für die Möglichkeit unbegrenzter Abänderung angeführt werden mag, so ist sie vorerst und wird sie wohl noch lange eine unerweisliche, aber allerdings auch unwiderlegliche Hypothese bleiben, eine Hypothese, gegen deren Annahme mithin aus diesem Gesichtspunkte logisch nichts einzuwenden ist, woferne sie sonst ihrer Bestimmung genügt.

Ganz anders aber verhält es sich mit einer andern Erscheinung, und diese bildet unsres Bedünkens den ersten und erheblichsten Einwand gegen die neue Theorie, da er sie in ihren Grundlagen berührt, wie Hr. DARWIN auch ganz wohl gefühlt hat und ihn daher gar vielfältig zu widerlegen sucht[65], dessen Bedeutung aber gerade darum um so schärfer hervortritt, weil aller auf diese Widerlegung verwendete Fleiss und Scharfsinn die beabsichtigte Wirkung bei Weitem nicht in genügendem Grade hervorzubringen im Stande ist. Diese Erscheinung ist folgende. Da die entstehenden Varietäten nach DARWIN in der Regel sich nicht durch äussre Einflüsse und nie in Folge eines eigenen innern in bestimmter Richtung beharrlich abweichenden Bildungs-Triebes entwickeln, sondern dadurch, dass von ganz zufälligen in allen möglichen Richtungen auseinanderlaufenden unmerkbar kleinen Abänderungen diejenigen, welche dem Organismus nützlich sind, am meisten Aussicht haben, die übrigen zu überleben und sich reichlicher als sie fortzupflanzen, — da eine jede dieser in verschiedenen Richtungen auseinander-laufenden kleinsten Abänderungen wieder in allen Richtungen um ein Minimum abändern kann, — da nach des Verfs. eigner Annahme nur in 4–8–10 Generationen wieder einmal eine genau in gleiche Richtung mit einer der vorigen fällt und sie steigert oder durch Häufung verstärkt; — und da unter so unmerkbar kleinen Abänderungen noch keine ein merkbar grosses Übergewicht über die andern im Rassen-Kampfe haben kann: — so werden die Abarten nicht als solche nett und fertig sich von der Stammform wie ein gestieltes Dikotyledonen-Blatt vom Stengel, sondern etwa wie der unregelmässig krause Lappen einer Blätterflechte von der übrigen Flechten-Masse ablösen, welcher sich auch im weitren Verlaufe nie zu einem scharf und regelmässig contourirten Blatt entwickelt, sondern stets seine unsichere Gestalt beibehält, indem, wie lang er endlich auch werden mag, er immer wieder in ähnlicher Weise wuchert. Und diese Unsicherheit der Begrenzung wird um so bedeutender werden, da die neuen Abarten nicht auf einzelnen Merkmalen, sondern auf 2–3–4 von den alten abweichenden Charakteren beruhen, deren aber jeder für sich allein auftreten oder sich in verschiedener Weise und in verschiedenen Graden mit jedem andern verbinden kann, und da nach des Verfs. eigener Theorie Varietäten unter sich vorzugsweise fruchtbar sind und kräftige Nachkommenschaft liefern. Es müssten Formen-Gewirre entstehen noch weil ärger, als wir sie z. Th. in Folge anderer Ursachen in der Pflanzen-Welt wirklich in einigen Fällen kennen, bei Rubus, Salix, Rosa, Saxifraga. So müssten sie, wenn auch nicht ausnahmslos, doch vorherrschend überall vorkommen, obwohl sie jetzt im Pflanzen-Reiche selbst nur als Ausnahmen erscheinen und im [lebenden] Thier-Reiche noch überhaupt kaum bekannt sind. Wählen wir daher zu bessrer Versinnlichung einige hypothetische Fälle aus diesem letzten aus. Wenn z. B. aus der Haus-Ratte (Mus rattus) eine Wander- oder Kanal-Ratte (Mus decumanus) werden sollte (wir wählen diess Beispiel, weil in der That noch vor unsern Augen diese letzte als die stärkere die erste allenthalben verdrängt), so müssten nicht nur alle Übergänge aus der minderen Grösse, aus der bläulich-grauen Farbe, aus den längeren Ohren und dem längeren Schwanze der ersten in die ansehnlichere Grösse, die oben braun-graue und unten weissliche Farbe, die kürzren Ohren und den kürzren Schwanz der letzten eintreten und, da sie sich nicht gegenseitig bedingen, wahrscheinlich alle sich mit allen andern Merkmalen und in allen mit allen Abstufungen (zum Theil sogar in überschüssigem Maasse) so lange verbinden, als nicht eine dieser Verbindungen ihrem Besitzer positiv schädlich oder entschieden nützlich würde. Da jede dieser vier Verschiedenheiten sich mit den drei andern verbinden kann, so entstehen hiedurch schon zehnerlei Verbindungen; und da jede derselben auf jeder Abstufung der Umänderung sich mit allen Abstufungen der Umänderung der drei andern zusammen-gesellen kann, so werden die Mittelformen zahllos seyn, und es ist in keiner Weise abzusehen, wie statt solcher zahlloser Abänderungen, Abstufungen und Kombinationen zuletzt gerade nur die einzige feste und bestimmte Form der Wander-Ratte entstehen solle, zumal wir nicht wahrzunehmen vermögen, dass alle Abweichungen derselben von der Organisation der andern Art wesentlich zu ihrer grösseren Vollkommenheit beitragen, sondern mitunter für das Thier ganz gleichgültig seyn mögen, und da beide Arten keineswegs sich genau um dieselben Aufenthalts-Orte streiten. Geben wir aber zu, dass (aus uns unbekannten Ursachen) gerade nur die eine Kombination der Charaktere, wie sie in der Wander-Ratte vorkommt, derjenigen in der Haus-Ratte so überlegen seye, dass die erste die letzte überall zu besiegen und zu verdrängen im Stande ist, wo sie mit ihr in Mitbewerbung tritt, so begreift man (trotz Allem, was Hr. DARWIN dafür anführt) doch nicht, warum die der Wander-Ratte näher-stehenden schon weniger oder mehr verbesserten und jedenfalls nur in viel unbedeutenderem Nachtheil befindlichen Abänderungen immer und fortwährend zuerst besiegt und verdrängt werden sollten, die blaugraue Ratte aber, welche am weitesten von dem verbesserten Vorbilde entfernt ist, zuletzt? Man begreift nicht, warum die neue Art zuerst zur vollständigen Ausbildung gelangen müsse, ehe sie die andre zu besiegen im Stande ist, da ja die überlegenere von ihnen doch fortwährend die begünstigteren und schon halb verbesserten Mittelformen verdrängen und in einer Weise vernichten soll, als ob ein Individuum das andre unausgesetzt mit positiven Waffen angriffe. Hr. DARWIN wird uns in dem von den zwei Ratten-Arten entnommenen Beispiele etwa antworten, dass (obwohl thatsächlich eine die andre verdrängt und besiegt) sie nicht eine aus der andern, sondern dass beide aus einer bereits untergegangenen dritten Art entstanden sind, oder etwa dass sie sich unter Umständen aus einander entwickelt haben, die wir nicht kennen, daher wir auch nicht zu sagen im Stande seyen, in wieferne ihnen eine jede einzelne Eigenschaft nützlich gewesen seye oder nicht. Dieselben Antworten etwa würde uns DARWIN ertheilen, wenn wir Hasen und Kaninchen zum Beispiele wählten; — und wenn wir fragten, warum wir die blinden Höhlen-Thiere nicht noch halb-blind im vordem Theile der Höhlen finden, durch welche sie in den hintern dunkelsten Theil eingedrungen, so würde er uns noch weiter sagen, dass diese durch spätre Mitbewerber dort ausgetilgt seyn können. Diese und ähnliche an und für sich unangreifbare allgemeine Antworten wird er jeder Einrede entgegenhalten; aber wenn sie auch in manchen einzelnen Fällen begründet sind und in keinem Falle als absolut unpassend beseitigt oder widerlegt werden können, so fühlt doch Jeder, dass die Sache im Ganzen genommen nach der DARWIN’schen Theorie selbst sich ganz anders gestaltet haben würde und noch gestalten müsste, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Er ist dadurch im Vortheil, dass er desshalb über gar keinen einzelnen Fall Rechenschaft zu geben braucht, weil man nicht über jeden einzelnen Fall Rechenschaft von ihm fordern kann!

Den Mangel der Zwischenformen der Arten in den Erd-Schichten erklärt Hr. DARWIN unter Anderem aus der unvollständigen Erhaltung der einst vorhanden gewesenen Organismen-Formen im Fossil-Zustande und aus der Länge der Ruhe-Perioden zwischen den verschiedenen Formationen. Wenn wir aber eine Menge von Arten in identischen Formationen (wie Hr. DARWIN selbst anerkennt) überall in zahlreichen und sogar in Tausenden von Exemplaren wieder finden, so können die Bedingungen der Erhaltung für die Zwischenformen unmöglich so ganz ungünstig gewesen seyn, dass gar nichts von ihnen übrig geblieben; Zwischenformen müssten sich um so eher finden, als im Fossil-Zustande eine Menge von Charakteren verloren gehen, mit deren Hülfe allein wir viele sonst ganz selbstständige lebende Arten von einander unterscheiden. Endlich, wie lange auch, in Jahren ausgedrückt, die Zwischenräume gewesen seyn mögen, welche zwischen der Absetzung verschiedener Formationen vergangen: geologisch oder relativ genommen sind sie nicht so unermesslich lang, als sie Hr. DARWIN darstellt, indem nämlich die Veränderungen, welche von einer Formation zur andern in der Organismen-Welt vor sich gegangen, meistens gar nicht viel grösser zu seyn pflegen als jene, die von einem Schichten-Stock zum andern oder von einer Schicht zur andern in derselben Formation stattfinden. So sind wenigstens von der Silur- bis zur Kohlen-Formation, und von der Trias- bis zur heutigen Periode selbst auf Europäischem Gebiete keine sehr grossen Lücken mehr vorhanden, und hier und da scheint sogar eine ununterbrochene Bildungs-Reihe von Schichten zwei Formationen zu verbinden!

Aber selbst wenn wir den einfachsten Fall annehmen, wenn wir uns unter denjenigen Abarten umsehen, welche sich heutzutage als solche in unsren Systemen aufgeführt finden, so ist auch da schon die Kette hinter ihnen abgeschnitten; auch da schon fehlen fast überall die Glieder, welche sie mit der Stamm-Art verbinden; denn wären diese noch vorhanden, so könnte keinen Augenblick mehr ein Streit darüber fortdauern, ob sie selbstständige Arten oder nur Abarten seyen, ein Streit, auf welchen sich DARWIN so oft beruft! Und wenn Art und Abart als solche noch reichlich neben einander bestehen, wie könnten die Zwischenglieder durch die Abart bereits ausgetilgt seyn? Hr. DARWIN gibt uns auch hier eine vortreffliche Erklärung, wie Diess in einigen Fällen möglich gewesen seyn könne, indem er die Varietäten und Arten zuerst auf Inseln u. a. ringsum abgeschlossenen Gebieten entstehen lässt, wo alle divergirenden Stämme einer Spezies sich immer wieder mit einander kreutzen können und durch Vererbung eine gemeinsame Mittelform herzustellen im Stande sind. Aber dürfte diese Erklärungs-Weise wirklich als Regel und ihre Nichtanwendbarkeit nur als seltene Ausnahme zu betrachten seyn?? Muss es in allen Fällen so gewesen seyn, weil es in einzelnen Fällen so gewesen seyn kann?

Doch verweilen wir bei dieser Erklärung; denn sie würde in der That vortrefflich seyn, wenn man annehmen dürfte, dass sich jede Art aus Individuen einer andern entwickelt habe, die auf beschränktem Raume gänzlich von allen ihren Art-Genossen abgeschlossen gewesen wären, so dass alle Nachkommen dieser Individuen unter neuen Existenz-Bedingungen sich jederzeit alle mit einander mischen, aber nie mehr mit ihren andern Verwandten in irgend eine Berührung kommen konnten, bis die neue Art vollendet war! Das treffendste thatsächliche Beispiel für einen solchen Fall liefert uns der Mensch selbst. Der Mensch war gewiss noch lange, nachdem er sich bereits über die ganze Erd-Oberfläche verbreitet hatte, nicht im Stande, sich in Masse von einem Welttheile zum andern zu bewegen. Beobachtungen in Neu-Orleans u. a. haben zur Berechnung geführt, dass schon etwa in der Diluvial-Zeit, vor 10,000–100,000 oder noch mehr Jahren, die jetzigen Menschen-Rassen vorhanden und in jetziger Weise vertheilt gewesen sind. Die Bewohner eines jeden Welttheils waren von den übrigen fast isolirt, aber unter sich mehr und weniger verbunden; sie erfüllten die oben geforderten Bedingungen so genügend, wie man es in keinem andern Falle zu finden und nachzuweisen erwarten darf, und so war eine ungestörte Divergenz des Charakters der Menschen-Spezies während einer Zeit-Periode möglich, welche anerkannter Maassen zur Bildung neuer Spezies, wenn auch noch nicht zur Umgestaltung der ganzen Flora und Fauna, genügend war. Und was ist die Folge jener Isolirung einzelner Menschen-Gruppen während eines so langen Zeitraumes gewesen? Es sind eben so viele Rassen als getrennte Welttheile und eine Anzahl Mischlinge entstanden, die zuletzt sehr verschieden im Aussehen und noch verschiedener in ihrer geistigen Befähigung doch einander so nahe verwandt geblieben und so fruchtbar miteinander sind, dass Niemand an ihrer Art-Verwandtschaft miteinander zweifelt, obschon der Kampf um’s Daseyn binnen der drei oder vier Jahrhunderte, seit welchen in den verschiedenen Gegenden allmählich entwickelten Rassen miteinander in Berührung gekommen sind, bereits genügt hat, um einige derselben (und zwar nicht die ausgeprägtesten) dem Erlöschen nahe zu bringen. Wir dürfen wohl nicht hoffen einen andern thatsächlichen Beleg über das Abändern der Arten und die Divergenz des Charakters zu finden, der sich in der erweislichen Länge der Zeitdauer und Vollkommenheit der Isolirung der Rassen der verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, welche diese Erde einer nämlichen Spezies darzubieten im Stande ist, mit diesem vergleichen liesse.