Gerne möchten wir zu Gunsten der DARWIN’schen Theorie und zur Erklärung, warum nicht viele Arten durch Zwischenglieder in einander verfliessen, noch irgend ein inneres oder äusseres Prinzip entdecken, welches die Abänderungen jeder Art nur in einer Richtung weiter drängte, statt sie in allen Richtungen bloss zu gestatten. Das Problem wurde dann ein einfachres werden; aber immer müssten wir wieder erwarten, auch in dieser einfachen Reihe die Kette der Zwischenglieder aufzufinden, und diese sind weder vorhanden, noch ist uns ein innres derartiges Prinzip irgendwo bekannt.
Freilich liegen äussre solche Prinzipien vor. Es sind die Existenz-Bedingungen, welchen sich die Organismen anpassen müssen, und welche eine so grosse Rolle in diesem Buche spielen. Sie sind theils organische und theils unorganische, und die ersten nach Hrn. DARWIN weitaus die zahlreichsten und wichtigsten und daher auch an und für sich geeignet, die manchfaltigsten Folgen zu veranlassen. Doch eben diese organischen Prinzipien haben für DARWIN wieder den grossen Vortheil, dass, indem er sich auf ihre Manchfaltigkeit und auf den Kampf ums Daseyn überhaupt beruft, er der Nothwendigkeit überhoben ist, Rechenschaft von ihrer Wirkungs-Weise im Einzelnen zu geben und nachzuweisen, welche spezielle Folgen diese oder jene spezielle organische Bedingungen auf die Struktur und Entwickelung der ihrem Einfluss unterliegenden Organismen überhaupt, oder auf einzelne insbesondere ausübt. Hr. DARWIN beruft sich auf jeder Seite darauf, dass nur solche Abänderungen Aussicht auf Erhaltung haben, welche dem Individuum und somit der künftigen Spezies nützlich sind; und theoretisch muss man zugestehen, dass, woferne es eine Natürliche Züchtung gebe, die Sache sich nicht anders verhalten könne. Aber wir müssen gestehen, doch in fast allen unseren aus angeblich innern Ursachen hervorgegangenen Varietäten gar nicht finden zu können, worin denn der Nutzen ihrer Abänderung bestehe; und wenn Hr. DARWIN sich auf die Erfahrung beruft, dass ein grosser Theil der Britischen Flora der Neuseeländischen gegenüber so vervollkommnet sey, dass er sie verdränge, so hätten wir gehofft, doch auch nur in einzelnen Fällen nachgewiesen zu sehen, worin denn diese Überlegenheit beruhe. Hr. DARWIN entzieht sich auch hier jeder Rechenschaft. Warum bekommt z. B. in diesem Kampfe ums Daseyn eine Pflanzen-Art ovale statt lanzettlicher und die andre lanzettliche statt ovaler Blätter? warum die eine einen Dolden-artigen und die andre einen Rispen-förmigen Blüthenstand? warum die eine fünf und die andre vier Staubgefässe, die eine eine geschlossne und die andre eine weit geöffnete Blüthe? Wozu nützt der einen Diess und der andern das Gegentheil? Warum bewirken die organischen Bedingungen Diess? Mit welchen Mitteln fangen sie es an? und wie müssen sie beschaffen seyn, um es zu können? Und wie kann die eine Art der andern dadurch überlegen werden? Wir gestehen, keinen Zusammenhang zwischen diesen Erscheinungen zu erkennen, und Hr. DARWIN würde uns antworten, dass es möglicher Weise so oder so zugehen könne. Wir gestehen ferner, uns vergeblich um positive Beweise oder auch nur Belege in dieser Beziehung umgesehen zu haben, manche spezielle Fälle eigenthümlicher Art etwa ausgenommen; denn wir sind weit entfernt davon, allen solchen Einfluss überhaupt läugnen zu wollen. Wir wollen sogar ein spezielles Beispiel anführen. BREHM hat die meisten unsrer anerkannten deutschen Vögel-Arten nach den Proportionen des Kopfes, des Schnabels, der Füsse, der Flügel und zuweilen mit Zuhilfenahme der Färbung in je zwei bis vier Formen unterschieden und als wirkliche Arten bezeichnet, weil sie sich in der Regel nur je unter sich paaren, als solche fortpflanzen, gewöhnlich einen abweichenden Aufenthalts-Ort, oft andres Futter, demgemäss auch eine andre Lebens-Weise, zuweilen einen andern Gesang haben; doch ist es uns noch nicht gelungen, eine feste Beziehung bestimmter Körper-Proportionen zu bestimmten äussren Ursachen überhaupt zu erkennen; dieselben Beziehungen scheinen bei jeder Spezies von andrer Wirkung zu seyn. Und in der That hätte Hr. DARWIN hier vielleicht die besten Belege für seine „beginnenden Spezies“ finden können!
Dagegen lässt sich ein Einfluss unorganischer äussrer Lebens-Bedingungen und zwar ein spezieller Einfluss spezieller Bedingungen in bestimmter Richtung nachweisen, wie wir ihn bei den organischen Bedingungen nachgewiesen zu sehen gewünscht hätten. Hr. DARWIN gibt diesen Einfluss zu; er führt einige Beispiele davon an, erklärt aber wiederholt, dass er ein vergleichungsweise nur geringer seye. Anfangs möchte es scheinen, als ob Hr. DARWIN diesen Einfluss unterschätze, indem sich eine grosse Menge von Erscheinungen aus ihm nachweisen lassen. Wir kennen Bedingungen, welche auf die Grösse der Pflanzen, auf ihre ein- oder mehr-jährige Dauer, auf ihren Strauch- oder Baum-Wuchs, auf ihre Blüthen-Bildung und Fruchtbarkeit, auf die Farbe ihrer Blüthen, auf ihre glatte oder behaarte Oberfläche, auf die häutige oder fleischige Beschaffenheit ihrer Blätter (wie Hr. DARWIN selber anführt), zuweilen auch auf Monöcismus und Diöcismus, auf die aromatischen u. a. Absonderungen wirken; wir vermögen selbst diese Erscheinungen hervorzubringen. Und wir sehen, dass bei diesen Abänderungen die Übergänge nicht mangeln, indem wir im Stande sind fortwährend deren ganze Kette darzulegen und gerade desshalb wenig versucht sind in diesen Abweichungen neue Arten zu erblicken! Warum also fehlen die Übergänge bei den andern Abartungen, welche aus der innern Neigung zur Variation hervorgehen? Allerdings gibt es auch manche ganz plötzlich auftretende Abänderungen ohne Übergänge zumal bei den schon vielfach abgeänderten Kultur-Pflanzen, wie z. B. die hängenden oder Trauer-Varietäten vieler Bäume, viele unsrer Obst-Sorten, wovon manche nicht das Erzeugniss langsamer Züchtung, sondern eines einzelnen ohne nachweisbaren Grund abändernden Saamen-Kornes sind, die sich aber eben desshalb auch in der Regel nicht beständig aus Saamen fortpflanzen.
Auch von den Thieren wissen wir, dass Menge und Art des Futters und Beschaffenheit des Klimas auf Grösse und Farbe des Körpers, ja sogar (wie Hr. DARWIN selbst vom Amerikanischen Wolf erwähnt) auf deren Gestalt und Sitten wirken können. Auch des Einflusses des Klimas auf das Gefieder der Vögel gedenkt er, doch ohne sich der Umfang-reichen Nachweisungen zu erinnern, welche GLOGER in dieser Beziehung geliefert hat. Dass viele Säugthier-Arten in kalten Gegenden weiss werden und andre, welche solche nie verlassen, stets weiss bleiben, ist bekannt. Die Farbe der Schmetterlinge ändert oft mit dem Futter und die der Käfer u. a. Insekten je nach ihrem Aufenthalte in verschiedenen Gebirgs-Höhen ab. Die Grösse vieler Wasser-Konchylien steht mit dem Salz-Gehalt des Wassers in Zusammenhang; ihre Farbe mit dem Lichte, ihre glatte oder stachelige Beschaffenheit mit der schlammigen und felsigen Natur des See-Grundes; die Dichte des Pelzes mancher Säugthiere wechselt mit dem Klima und der Erhebung ihres Wohnortes über den Meeres-Spiegel, und die Instinkte einer Art ändern ausserordentlich unter neuen Lebens-Bedingungen ab. Es lässt sich nicht nur die Ursache, sondern auch der Zweck und die Nützlichkeit dieser Abänderung ermitteln, wir können in der Regel die Zwischenstufen nachweisen, die oft vom Grade und der Intensität der äussern Ursachen abhängen; wir können diese Abänderungen beliebig hervorbringen und sie durch entgegengesetzte Existenz-Bedingungen wieder in die Urform zurückführen. Aber vielleicht der wichtigste aller Belege für den Einfluss äussrer Existenz-Bedingungen ist in der Beobachtung zu finden, dass Kröten an feuchten und doch des stehenden Wassers ganz entbehrenden Orten im Stande sind, sich aus dem Ei unmittelbar zur reifen Form zu entwickeln, ohne dazwischen-fallende Kiemen-Bildung und also auch nothwendig ohne denjenigen übrigen Theil der Metamorphose und Lebens-Weise, welcher einen Aufenthalt im Wasser voraussetzt[66]. Um den möglichen Übergang von den Fischen zu den Reptilien zu erläutern, zitirt Hr. DARWIN den Lepidosiren; in jenen Kröten liegt er aber weit unmittelbarer vor in einer Weise, dass wohl jedermann zugeben wird, dass, wenn diese Bedingungen sich in allen Generationen der Kröte lange Zeit wiederholten, das Ausfallen der Metamorphose endlich zur Regel auch unter andern Verhältnissen werden könne.
Aber bei der Leichtigkeit und Schnelligkeit, womit alle diese Abänderungen in Folge der äusseren Existenz-Bedingungen eintreten, muss man sich allerdings fragen, ob die aus dieser äussern Ursache entstandenen Abweichungen jemals ganz bleibend werden und sich fest vererben können? Diess ist nicht der Fall. Denn so leicht und schnell sie sogar an ganz alten Arten aus bekannten Ursachen entstehen, eben so leicht und sicher sind sie, im Gegensatz zu den aus innren aber freilich unbekannten (nach DARWIN wahrscheinlich im Genital-Systeme zu suchenden) Ursachen entstandenen, durch eine der ersten entgegengesetzte Behandlung auch wieder auf die Urform zurückzuführen, woferne nicht etwa die Natürliche Züchtung sich ihrer bemächtigt und mit den äusseren Ursachen in gleicher Richtung thätig ist, um eine der Abänderungen rascher zur selbstständigen Form zu entwickeln. So lange Diess aber nicht der Fall, wird man wohl meistens darauf verzichten müssen, durch äussre Ursachen bleibende Abänderungen und „beginnende Arten“ entstehen zu sehen und wer nur die Wirkung äussrer Ursachen im Auge hat, mag allerdings mit Recht Hrn. DARWIN entgegenhalten, dass aus Abänderungen keine festen Arten werden. Da nun überdiess die Zwischenstufen zwischen den Extremen solcher Abänderungen nur Bindeglieder zwischen nebeneinander bestehenden, und nicht zwischen auseinander entstehenden Formen sind, und da jede der ersten für ihr eignes Daseyn gewöhnlich keine andren Abstufungen voraussetzt, während diese letzten ohne andre Abstufungen meistens nicht vorhanden seyn würden, so herrscht allerdings zwischen den durch äussre Ursachen und den durch Züchtung entstandenen Abänderungen ein solch wesentlicher Unterschied, dass wir uns daraus erklären zu müssen glauben, wesshalb Hr. DARWIN auf die Abänderungen dieser Art so wenige Rücksicht nimmt, obwohl er selbst uns keine derartige bestimmte Rechenschaft darüber gibt?
Wenn uns daher zur Zeit weder die äusseren Lebens-Bedingungen, noch der Prozess der Natürlichen Züchtung genügend erscheinen, um die Theorie Hrn. DARWIN’S, so wie sie vorliegt, zu begründen, so wollen wir dagegen gerne zugestehen, dass alle bisherigen Beobachtungen ohne Ausnahme von dem Gesichtspunkte feststehender unabänderlicher Arten aus gemacht worden sind, und dass eine unbefangene Beurtheilung seiner Theorie vielleicht erst möglich seyn wird, wenn einige Menschen-Alter weiter unter fortwährender Prüfung der Frage von der Abänderung der Arten aus den zwei entgegengesetzten Gesichtspunkten verflossen seyn werden.
Je mehr ein Naturforscher sich mit Detail-Studien über den Bau der natürlichen Wesen und über dessen wunderbare Zweckmässigkeit, über das Zusammenstimmen aller Einzelnheiten zu einem Organismus, wovon kein Theilchen willkürlich geändert werden kann, ohne das Ganze zu gefährden, — über die Wiederholung derselben planmässigen Einrichtung in jedesmaliger andrer Weise bei 250,000 bekannten Organismen-Arten der jetzigen Schöpfung, — über die kulminirende Vollendung des Ganzen bei dem vollkommensten dieser Organismen, — über die Entwickelung aller dieser Einrichtungen in einem Embryo der ihrer noch nicht bedarf, zu künftigen Zwecken, beschäftigt hat, um so schwerer wird es ihm anfangs werden, darin nichts weiter als die Folgen eines fortschreitenden Verbesserungs-Prozesses zu sehen, worin jeder neue weitre Fortschritt nach des Vfs. Theorie selbst jedesmal nur ein Zufall ist und erst durch Vererbung festgehalten werden kann. Doch darf man darin noch kein unbedingtes Hinderniss für diese Theorie erblicken!
Eine andre Erscheinung, hinsichtlich welcher uns und Andre Hrn. DARWINS Erklärungen nicht ganz befriedigt haben, bietet der Umstand dar, dass trotz der unausgesetzten Thätigkeit der Natürlichen Züchtung und der fortdauernden Verbesserung der Organismen durch dieselbe, noch immer die unvollkommensten aller unvollkommenen Organismen in so unermesslicher Menge vorhanden sind. Doch hat ein daraus zu entnehmender Einwand kein solches Gewicht, dass er für die Annahme oder Nichtannahme der neuen Theorie entscheidend wäre, und wir würden in dessen Folge nur etwa genöthigt seyn, eine noch fortwährende Entstehung neuer Urformen anzunehmen, welche sich mit dieser Theorie als verträglich oder sogar als nothwendige Folge derselben ergibt, obwohl Hr. DARWIN die Generatio originaria nirgends in Anspruch nimmt. Endlich würde, wenn wir alle Organismen nur von einer Urform ableiten wollten, Diess jedenfalls von einer sehr niedren zelligen Form als Grundlage weitrer Entwickelung geschehen müssen, und es dürfte dann sehr schwer seyn zu begreifen, wodurch in einer von zwei äusserlich von einander nicht unterscheidbaren Zellen sich Empfindung und willkürliche Bewegung ausbilde und vererbe, und in der andern nicht?
Indem Hr. DARWIN alle jetzt lebenden und früher vorhanden gewesenen Lebenformen durch Abstammung mit fortwährenden leichten Abänderungen und Divergenz des Charakters von immer früheren und früheren Formen ableitet, glaubt er in einer Zeit, die wenigstens eben so weit vor der silurischen, wie diese vor der jetzigen Periode zurückliegt, nur noch acht bis zehn Stamm-Arten zu bedürfen, welchen der Schöpfer unmittelbar das Leben eingehaucht hätte. Wahrscheinlich hatte sich Herr DARWIN eine Stamm-Art zur Ableitung aller Arten eines jeden der Unterreiche oder Kreise unsrer Systeme gedacht, und wahrscheinlich wird diese Stamm-Art einer der tiefsten Stufen in jedem dieser Kreise entsprochen haben; doch drückt er sich nicht näher darüber aus. Die Entwickelung eines jeden so vielverzweigten Kreises aus einer Stamm-Art wäre dann vergleichbar der Entwickelung eines vielästigen Baumes aus einem Stamme: eine Annahme, welche wenigstens den Bildungs-Verhältnissen in der ganzen organischen Natur parallel liefe. Hr. DARWIN fragt die Anhänger der alten Schöpfungs-Theorie, welche Millionen von Pflanzen- und Thier-Spezies zum Gegenstande von Millionen verschiedener Schöpfungs-Akte eines persönlichen Schöpfers machen, der durch seine spätren Schöpfungen die an den frühern Formen begangenen Fehler verbessere: welche Vorstellung sie sich denn eigentlich von der Erschaffung der einzelnen Geschöpfe machen? ([S. 517]) — ob jede Art in einem oder in vielen Individuen, im Ei- oder im ausgewachsenen Zustande, ob die ersten Säugthiere mit oder ohne Nabel geschaffen worden seyen? Sie könnten Hrn. DARWIN seine Frage zurückgeben, wenn er nach seiner Theorie auch nur 8–10 erschaffene Arten bedarf ([S. 517]); ja sie könnten noch weiter fragen, ob der ersten Flechte, dem ersten Farnen, der ersten Palme und dem ersten Veilchen, mit dem ersten Infusorium, dem ersten Seeigel, der ersten Raupe und dem ersten Frosch gleichzeitig oder nacheinander auf einem Fleck beisammen oder auf eben so vielen Punkten der ganzen Erd-Oberfläche zerstreut das Leben eingeblasen worden seye, und ob sie sogleich angefangen sich — so ferne sie sich gegenseitig erreichbar — in Ermanglung andrer Nahrung wechselseitig aufzufressen, oder mit welcher Nahrung sie bis zu ihrer Vervielfältigung ihr Leben gefristet haben? Offenbar muss entweder ein ganzes Natur-System von Wesen auf einmal geschaffen worden seyn, oder sie müssen sich von einem tiefen Punkte an aufwärts ganz allmählich aber massenhaft entwickelt haben. Hr. DARWIN hat es jedoch sogleich gefühlt, dass jene seine Annahme noch misslicher als die einer gleichzeitigen Erschaffung aller Wesen ist, die er bekämpft; daher er etwas später sich mit einer Ur-Pflanze und einem Ur-Thiere, ja sogar mit einem einzigen Ur-Organismus begnügen will, welchem der Schöpfer das Leben eingehaucht habe ([S. 518]). Die Bedürfnisse dieses einzigen erschaffenen Individuums, von welchem die ganze lebende Natur abstammt, müssen dann freilich sehr klein gewesen seyn; — es war zweifelsohne nur eine Fadenalge oder etwas der Art, die sich ihre Nahrung aus unorganischen Elementen selbst bereiten und sich selbst befruchten musste? Aus ihr und ihren Nachkommen konnten lange Zeit nur vegetabilische Formen entstehen, bis genug organische Materie vorhanden war, um auch Thiere selbst der unvollkommensten Stufe zu ernähren.
Aber immer ist noch ein persönlicher Schöpfungs-Akt für dieses eine organische Wesen nöthig, und wenn derselbe einmal erforderlich, so scheint es uns ganz gleichgültig, ob der erste Schöpfungs-Akt sich nur mit einer oder mit 10 oder mit 100,000 Arten befasst, und ob er Diess nur ein- für allemal gethan oder von Zeit zu Zeit wiederholt hat. Es fragt sich nicht, wie viele Organismen-Arten derselbe ins Leben gerufen, sondern ob es überhaupt jemals nöthig seyn kann, dass dieser eingreife in die wundervollen Getriebe der Natur und statt eines bewegenden Natur-Gesetzes aushelfend wirke? Wenn Hr. DARWIN die organische Schöpfung überhaupt angreift, so muss er nach unsrer Überzeugung auch auf die Erschaffung einer ersten Alge verzichten! Und in dieser Thatsache, dass die neue Theorie noch die unmittelbare Erschaffung wenn auch nur eines Dutzends, ja wenn auch nur einer einzigen Organismen-Art erheischt, erblicken wir einen zweiten wesentlichen Einwand gegen dieselbe; weil, Diess einmal zugestanden, nicht der entfernteste Grund mehr vorliegt, ihr die ungeheure und so schwer zu erfassende Ausdehnung anzueignen, die ihr Hr. DARWIN gibt. — Wer eine organische Zelle oder Zellen-Reihe, einen Algen-Faden u. dgl. betrachtet und damit den wunderbaren Bau eines höheren Säugethieres vergleicht mit allen seinen Gliedern, Organen und Organen-Systemen, seinen unbewussten und willkürlichen Verrichtungen, der wird freilich anfangs zu lächeln geneigt seyn über eine Theorie, welche aus einer Algen-Zelle wenn auch erst nach Verlauf von wenigstens 20[67] Millionen Jahren einen Affen durch Natürliche Züchtung hervorgehen lässt. Und doch, erlässt man uns jenen einen Schöpfungs-Akt an der Algen-Zelle, was wäre dann so gänzlich befremdend an der neuen Theorie? Sehen wir denn nicht diesen Prozess tausendfältig und unausgesetzt bei Organismen aller Art binnen wenigen Wochen durch gewöhnliche Zeugung sich vollenden, ohne eine andre Auskunft darüber geben zu können, als dass es durch „Vererbung“ geschehe, ein ganz dunkles Prinzip, das ebenfalls erst durch die DARWIN’sche Theorie einige nähere Begründung wenigstens hinsichtlich seiner spezifischen Verschiedenheiten erlangt? daher an und für sich uns der Gedanke der Entstehung des Säugethieres aus einer ursprünglichen Protophyten- oder Protozoen-Zelle doch nicht so ganz und gar abenteuerlich erscheint. Und so läge auch für alle anderen Verheissungen dieser Theorie die Schwierigkeit nur etwa in der Länge der zur Lösung der einzelnen Aufgaben nöthigen Zeit, und daran ist wahrlich kein Mangel, sondern Überfluss, wo es sich darum handelt die Ewigkeit auszufüllen!