Noch eine Bemerkung über das, in geologischem Sinne, gleichzeitige Erscheinen und Verschwinden identischer Lebenformen auf der ganzen Erd-Oberfläche. Die DARWIN’sche Theorie leistet viel in dieser Beziehung! Sie zeigt uns, wie die Lebenwesen der gemässigten oder kalten Zone in Folge einer Eis-Zeit sogar den Äquator zu überschreiten vermochten! Aber welchen Grund haben wir zu glauben, dass es viele solcher Eiszeiten, dass es deren in allen Erd-Perioden gegeben, und insbesondere dass die die Verbreitung bewirkenden Ursachen in allen Perioden eine universelle Verbreitung der herrschenden Formen bis in den letzten Winkel der Erde vermittelt haben, ehe wieder irgendwo neue Formen entstanden, und dass nie ein Theil der Erde in dieser Hinsicht auf seine unabhängige Weise rascher oder langsamer als der andre fortgeschritten seye? Diese Erscheinung ist so befremdend, dass sie, so lange sie nicht als eine nothwendige nachgewiesen ist, trotz DARWIN’S Erklärungs-Versuch die ganze Theorie bedroht.

Aussicht auf Erfolg.) Unsre innigste Überzeugung ist, dass alle Bewegungen auch in der organischen Natur einem grossen Gesetze unterliegen, dass dieses Gesetz, allen organischen Erscheinungen entsprechend, ein Entwickelungs- und Fortbildungs-Gesetz seye, und dass dasselbe Gesetz, welches die heutige Lebenwelt beherrscht, auch ihr Entstehen bedingt und ihre ganze geologische Entwickelung geleitet habe.

Wir haben bisher organische Wesen entstehen und vergehen sehen; wir haben die bestehenden Arten sich erhalten und fortpflanzen, aber keine neuen Arten erscheinen sehen und keine Natur-Kraft gekannt, welche neue Arten in’s Daseyn ruft. Alle unsere Bemühungen sie zu finden, um von dem ersten Auftreten neuer Arten mit deren Hilfe Rechenschaft zu geben, waren vergeblich.

Hilft aber die DARWIN’sche Theorie diesem Mangel ab? Wir haben oben einige Einreden gegen sie vorgebracht, und unser persönliches Vermögen sie uns so, wie sie ist, anzueignen ist noch weit geringer als jene Einreden vermuthen lassen. Aber sie leitet uns auf den einzigen möglichen Weg! Es ist vielleicht das befruchtete Ei, woraus sich die Wahrheit allmählich entwickeln wird; es ist vielleicht die Puppe, aus der sich das längst gesuchte Natur-Gesetz entfalten wird, nachdem es einen Theil der seinem unvollkommenen Zustande angehörigen Anhänge abgestreift und andere seiner Bestandtheile vollständiger ausgebildet haben wird. Oder wir haben das gesuchte Gesetz vielleicht bereits vor Augen, aber sehen es nur durch ein Kaleidoskop, dessen Facettirung wir erst studiren oder abschleifen müssen, um das Objekt nach seiner wahren Beschaffenheit beurtheilen zu können?

Die Möglichkeit nach dieser Theorie alle Erscheinungen in der organischen Natur durch einen einzigen Gedanken zu verbinden, aus einem einzigen Gesichtspunkt zu betrachten, aus einer einzigen Ursache abzuleiten, eine Menge bisher vereinzelt gestandener Thatsachen den übrigen auf’s innigste anzuschliessen und als nothwendige Ergänzungen derselben darzulegen, die meisten Probleme auf’s Schlagendste zu erklären, ohne sie in Bezug auf die andern als unmöglich zu erweisen, geben ihr einen Stempel der Wahrheit und berechtigen zur Erwartung auch die für diese Theorie noch vorhandenen grossen Schwierigkeiten endlich zu überwinden. Diese glänzenden Leistungen der Theorie (ihre Wahrheit einmal zugestanden) sind es, die uns so mächtig zu ihr hinziehen, wie sehr wir auch des Wankens ihrer Grundlage uns bewusst sind. Denn die grösste Schwierigkeit für die Anerkennung dieser Theorie scheint allerdings zunächst im Grundgedanken selbst zu liegen, wenigstens nach seiner jetzigen Fassung: in der Vorstellung einer fortwährenden Bildung von Varietäten, die sich von den Stamm-Arten abzweigen und endlich ablösen, ohne durch Mittelglieder unter einander verkettet zu bleiben, wie wir auch nach allen aus der Theorie geschöpften Erläuterungen doch noch erwarten zu müssen glauben, wenn diese Theorie richtig wäre. Möglich, dass fortgesetzte Forschung und Prüfung darüber noch Auskunft und Aufklärung gibt!

Unser zweiter Einwand ist gegen die Annahme einiger oder auch nur einer ursprünglich erschaffenen Organismen-Spezies. Mit der Schöpfung müsste auch die eine wegfallen. So lange wir sie aber nicht entbehren können, so lange müssen wir daran zweifeln, in der DARWIN’schen Theorie bereits den wahren Schlüssel der Erscheinungen gefunden zu haben.

Auf welche Weise auch die eine erschaffene Spezies entbehrlich gemacht werden könne, darüber haben wir keine Vermuthung. Könnte durch unorganische chemische Prozesse aus unorganischer Materie organische werden, — könnte die organische Materie für sich die Form und Textur organischer Kern-Zellen annehmen, — könnten diese Zellen sich weiter entwickeln und zu wachsen beginnen —: doch hier stehen wir auf der letzten, der alleräussersten Grenze zwischen unorganischer und organischer Welt. Organische Mischungen könnten aus unorganischen durch gewisse chemische Prozesse vielleicht entstehen; dass organisch gebildete Zellen und gar belebte Zellen sich aus solcher Mischung gestalten können, hat man früher geglaubt, aber neuere Forschungen haben diese Ansicht mehr und mehr unmöglich gemacht; doch sollen jetzt auf Veranlassung der Französischen Akademie fernere Versuche mit die Frage verlässig entscheidender Beweiskraft angestellt werden!

Die DARWIN’sche Theorie wird wohl nicht mehr ganz untergehen! Aber ungeachtet der ausgezeichneten Leistungen derselben stehen ihr noch so wesentliche Gründe entgegen, dass wir vorerst nicht vermögen sie anzunehmen, obwohl uns eingewendet werden kann, auch die gewöhnliche Schöpfungs-Theorie lasse Einreden und zwar noch gewichtigere aber freilich von ganz andrer Beschaffenheit zu. Denn, unnatürlich an sich, braucht die Theorie der Schöpfung nicht mit natürlichen Erklärungen zu antworten. Sie kennt nur Wunder! Daher scheint es uns wenigstens konsequenter, auf dem alten naturwissenschaftlich haltlosen Standpunkte zu verharren in der Erwartung, dass eben in Folge des Streites der Meinungen sich eine haltbare Theorie entwickele, kläre und reife; — obwohl wir voraussehen, dass ein Theil unserer Naturforscher (und eine noch grössere Anzahl Nichtnaturforscher) der DARWIN’schen Theorie, auch so wie sie ist, alsbald zufallen werden. Nur aus dem Widerstreite der Meinungen wird die Wahrheit hervorgehen und der Urheber dieser Theorie selbst zweifelsohne noch die grosse Befriedigung erleben, der Naturforschung einen neuen Weg geöffnet zu haben!

Fußnoten:

[1] Ich habe die obige Angabe der ersten Veröffentlichung LAMARCK’S aus ISID. GEOFFROY ST.-HILAIRE’S vortrefflicher Histoire naturelle générale 1859, II, 405 entnommen, wo auch ein vollständiger Bericht von BUFFON’S schwankenden Urtheilen über denselben Gegenstand zu finden ist. — Nach ISID. GEOFFROY SAINT-HILAIRE wäre auch GÖTHE einer der eifrigsten Partheigänger für solche Ansichten gewesen, wie aus seiner Einleitung zu einem 1794–1795 geschriebenen, aber erst viel später veröffentlichten Werke hervorgehe. Er hat sich nämlich ganz bestimmt dahin ausgesprochen, dass für den Naturforscher in Zukunft die Frage Beispiels-weise nicht mehr die seye, wozu das Rind seine Hörner habe, sondern wie es zu seinen Hörnern gekommen seye (K. MEDING über GÖTHE als Naturforscher S. 34). — Es ist ein eigenthümliches Zusammentreffen, dass GÖTHE in Deutschland, Dr. DARWIN in England und ET. GEOFFROY ST.-HILAIRE in Frankreich gleichzeitig zu gleichen Ansichten über die Entstehung der Arten gelangt sind.