Bleich wie der Tod und mit Thränen hub sie wieder an:
„Zwei Kindlein sind geboren, eins in Hispanien, das ist das Kind Philipp, das andre im Lande Flandern, das ist des Klas Sohn, so dereinst Ulenspiegel genannt wird. Philipp wird ein Henker werden, denn er ist erzeugt von Kaiser Karl, dem Mörder unsres Landes. Ulenspiegel wird ein großer Meister in lustigen Reden und Bubenstreichen sein, aber er wird ein gutes Herz haben, denn er hat Klas zum Vater gehabt, einen wackeren Arbeitsmann, der in Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und Leutseligkeit sein Brot zu verdienen weiß. Karl der Kaiser und Philipp der König werden hoch zu Roß durchs Leben reiten und mit Schlachten, Erpressungen und andrem Verbrechen Unheil stiften. Klas, der die ganze Woche arbeitet, nach Recht und Gesetz lebt und lacht, statt bei seiner harten Arbeit zu weinen, wird das Vorbild der guten Flandrischen Arbeiter sein.
„Ulenspiegel wird den Tod nicht sehen und allzeit jung sein; er wird die Welt durchwandern und an keinem Orte sich festsetzen. Er wird Bauer, Edelmann, Maler und Bildhauer sein / alles mit einander. Und also wird er die Welt durchwandern, gute und schöne Dinge loben, und der Dummheit aus voller Kehle spotten. Klas ist Dein Mut, edles flämisches Volk, Soetkin Deine tapfre Mutter, Ulenspiegel Dein Witz, ein artig und lieblich Mägdlein, des Ulenspiegel Genossin und gleich ihm unsterblich, wird Dein Herz sein, und ein dicker Bauch, Lamm Goedzak, Dein Magen. Oben werden die Menschenvertilger sein, unten die Opfer; oben diebische Drohnen, unten emsige Bienen, und im Himmel werden Christi Wunden bluten.“
Nach solchen Worten entschlief Katheline, die gute Zauberin.
6
Ulenspiegel ward zur Taufe getragen; plötzlich fiel ein Platzregen, der ihn schier durchnäßte. Also ward er zum ersten Male getauft.
Da er in die Kirche kam, hieß der Küster und Schulmeister Eltern und Paten sich um das Taufbecken stellen, welches geschah.
Doch im Gewölbe über dem Taufbecken hatte ein Maurer ein Loch gemacht, um allda eine Lampe an einem Stern von vergüldetem Holz aufzuhängen. Da er von oben die Paten stocksteif um das Taufbecken stehen sah, auf welchem der Deckel noch ruhte, goß er durch das Loch in der Wölbung voller Tücke einen Kübel Wassers, also daß dieses auf den Deckel stürzte und ein gewaltig Spritzen geschah. Ulenspiegel bekam das größte Teil davon. Und also ward er zum andern Male getauft.