Alle kamen auf sein Geheiß.
Ulenspiegel stand vor dem zugezogenen Vorhang.
„Gnädigster Herr Landgraf,“ sprach er, „und Ihr, gnädigste Frau Landgräfin, und Eure Gnaden von Lüneburg und Ihr anderen schönen Damen und wackeren Hauptleute, ich habe Eure liebreizenden oder kriegerischen Angesichter hinter jenem Vorhang aufs beste abkonterfeit. Es wird Euch ein Leichtes sein, Euch männiglich darauf zu erkennen. Ihr seid neugierig, es zu sehen, das ist gerecht, aber geruhet Euch zu gedulden, und lasset mich ein Wort oder sechs reden. Schöne Damen und wackere Hauptleute, die Ihr adligen Blutes seid, Ihr könnet meine Malerei sehen und bewundern, so aber einer unter Euch ein Bürgerlicher ist, wird er nur die weiße Wand erblicken. Und nun geruhet Eure edlen Augen aufzutun.“
Ulenspiegel zog den Vorhang fort:
„Allein die adligen Herren, allein die adligen Damen sind sehend. Darum wird man in Bälde sagen: Für die Malerei blind wie ein Niedriggeborener, scharfsichtig wie ein Edelmann.“
Alle sperrten die Augen auf und stellten sich, als ob sie etwas sähen, zeigten sich einer dem andern, nannten Namen und erkannten sich, aber in Wahrheit erblickten sie nur die nackte Wand, welches sie verblüffte.
Plötzlich sprang der Narr, der zugegen war, drei Schuh hoch in die Luft und schüttelte seine Schellen:
„Scheltet mich einen Bürgerlichen, einen Niedrigen, der Niedrigkeit noch erniedrigt, aber ich sage und rufe mit Pauken und Trompeten, daß ich allda nur eine kahle Wand, eine weiße Wand, eine kahle Wand sehe. So mögen mir Gott und alle seine Heiligen beistehen.“
Ulenspiegel versetzte:
„Wenn Narren drein reden, so ist’s für die Weisen an der Zeit, zu gehen.“