Um die zweite Morgenstunde war Ulenspiegel ob des schweren Getränkes längst entschlafen; mit offenen Augen bat Soetkin wie jedwede Nacht Unsere liebe Frau, ihr Schlaf zu geben, aber Unsere Frau erhörte sie nicht.

Plötzlich hörte sie den Schrei eines Fischadlers und aus der Küche einen ähnlichen Schrei, der ihm antwortete; dann ertönten von fern aus den Feldern andere Rufe, und immer wollte es sie bedünken, daß von der Küche aus darauf geantwortet würde.

Gedenkend, daß es Nachtvögel seien, hatte sie des nicht Acht. Sie hörte Pferdegewieher und Klappern von Hufeisen auf der Straße, öffnete das Bodenfenster und sah leibhaftig zwei gesattelte Pferde, so den Boden stampften und das Gras des Wegrains abweideten. Alsdann vernahm sie die schreiende Stimme einer Frau und eine drohende Männerstimme; es fielen Schläge, neues Geschrei; eine Tür ward mit Getöse geschlossen und angstvolle Schritte kamen die Stufen der Stiege herauf.

Ulenspiegel schnarchte und hörte nichts. Die Bodentür öffnete sich und Nele trat ein, fast nackend, atemlos und schluchzend. Hastig stellte sie einen Tisch, Stühle, ein altes Kohlenbecken, alles was sie an Hausrat finden konnte, gegen die Tür. Die letzten Sterne waren am Erlöschen, die Hähne krähten.

Ulenspiegel hatte sich beim Geräusch, das Nele machte, im Bett umgedreht, aber er schlief weiter.

Da warf sich Nele an Soetkins Hals. „Soetkin,“ sagte sie, „ich habe Furcht, zünde das Licht an.“

Soetkin tat es und immer noch stöhnte Nele.

Als das Licht angezündet war und Soetkin Nele anschaute, sah sie, daß des Mägdleins Hemd an der Schulter zerrissen war, und auf Stirn, Wangen und Hals erblickte sie blutige Schrammen gleich Kratzwunden.

„Nele,“ sprach Soetkin und umschlang sie, „woher kommst Du also verwundet?“

Das Mädchen zitterte und stöhnte beständig und sagte: „Bring uns nicht auf den Scheiterhaufen, Soetkin.“