„Mägdlein,“ sprach Lamm, „es ist bös von Dir, daß Du Ulenspiegel unterwegs aufhalten willst; er soll die Sieben suchen, und mir helfen, mein Weib wiederzufinden.“

„Noch nicht“, erwiderte Nele und weinte und lachte, zärtlich unter Tränen, ihrem Freund Ulenspiegel zu.

Da Ulenspiegel dies sah, antwortete er:

„Dein Weib findest Du immer noch zeitig genug, wenn Dich nach neuem Leide gelüstet.“

„Thyl,“ sagte Lamm, „willst Du mich also in meinem Wagen allein lassen dieses Mägdleins halber? Du antwortest mir nicht und gedenkst an den Wald, worinnen die Sieben nicht sind, noch auch mein Weib. Laß sie uns lieber auf diesem Fahrdamm suchen, auf dem die Wagen so trefflich rollen.“

„Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „Du hast eine volle Weidtasche im Wagen, somit wirst Du nicht Hungers sterben, wenn Du ohne mich nach Koelkerke gehst, allwo ich Dich einholen werde. Du mußt dort allein sein, denn da wirst Du erfahren, nach welchem Punkt Du Dich wenden mußt, um Dein Weib wiederzufinden. Vernimm denn und höre. In diesem Schritte wirst Du drei Meilen von hier mit Deinem Wagen nach Koelkerke fahren, der kühlen Kirche, also genannt, weil sie von den vier Winden zumal bestrichen wird, wie viele andere. Auf dem Glockenturm ist eine Wetterfahne in Gestalt eines Hahnes, die dreht sich auf ihren verrosteten Angeln nach allen Seiten. Das Kreischen dieser Angeln zeigt den armen Männern, so ihre Liebste verloren haben, den Weg an, den sie einschlagen müssen, um sie wiederzufinden. Aber zuvor muß jegliche Seite der Mauer siebenmal mit einer Haselrute geschlagen werden. Kreischen die Angeln, wenn der Wind von Norden kommt, so mußt Du nach jener Seite gehen; aber fürsichtig, denn Nordwind ist Kriegswind; wenn von Süden, geh frohgemut dorthin, das ist der Wind der Liebe. Kommt der Wind von Osten, so lauf in Trab, denn der bedeutet Frohsinn und Licht; von Westen / dann geh sacht, das ist der Wind des Regens und der Tränen. Geh, Lamm, geh nach Koelkerke und harre dort mein.“

„Ich gehe hin,“ sagte Lamm.

Und er fuhr im Wagen von dannen.

Dieweil Lamm gen Koelkerke fuhr, jagte der starke, warme Wind die grauen Wolken gleich einer Schafherde über den Himmel hin. Die Bäume rauschten wie die Wogen eines brandenden Meeres. Ulenspiegel und Nele waren seit geraumer Zeit allein im Walde. Ulenspiegel hatte Hunger und Nele suchte wohlschmeckende Wurzeln und fand nur Küsse, die ihr Freund ihr gab, und Eicheln. Nachdem Ulenspiegel Schlingen aufgestellt hatte, pfiff er, um die Vögel zu locken, auf daß er die, welche hineingingen, briete. Eine Nachtigall setzte sich auf die Blätter nahe zu Nele; sie wollte sie singen lassen und fing sie nicht. Eine Grasmücke kam, und sie hatte Mitleid mit ihr, weil sie so stolz war. Alsdann kam eine Lerche, aber Nele sprach zu ihr, daß sie besser täte, in Himmelshöhen der Natur ein Loblied zu singen, denn sich ungeschickt über der mörderischen Spitze eines Spießes abzuzappeln. Und sie redete wahr, maßen Ulenspiegel in der Zwischenzeit ein helles Feuer entzündet und einen Spieß geschnitzt hatte, der seiner Opfer harrte.

Aber die Vögel kamen nicht mehr, es sei denn etliche bösen Raben, die sehr hoch ob ihren Häuptern krächzten.