Ulenspiegel sprach kein Wort, beugte den Kopf und trat, dem Dechanten folgend, in eine kleine Kapelle. Daselbst befand sich ein Grabmal ganz aus Marmelstein, bedeckt mit einer großen Tafel, die gleicherweise aus Marmelstein war. Zwischen dem Grabmal und der Wand der Kapelle war nicht die Weite einer großen, gespreizten Hand. Eine Menge buckliger Pilger gingen einer nach dem andern zwischen der Wand und der Grabtafel durch, an welcher sie stillschweigend ihre Buckel rieben. Und dergestalt hofften sie, ihrer ledig zu werden. Und die, so ihren Buckel rieben, wollten denen, die ihn noch nicht gerieben hatten, nicht Platz machen, und sie schlugen einander, doch ohne Lärm, denn der Heiligkeit des Ortes halber gaben sie sich nur heimliche Püffe nach Art der Buckligen.
Der Dechant hieß Ulenspiegel auf die Grabplatte steigen, auf daß alle Pilger ihn gut sehen könnten. Ulenspiegel erwiderte:
„Ich vermag es nicht allein.“
Der Dechant half ihm hinauf, stellte sich neben ihn und gebot ihm, niederzuknien. Ulenspiegel tat also und blieb gesenkten Hauptes in dieser Stellung.
Und alsobald, nachdem der Dechant sich gesammelt hatte, predigte er und sprach mit weit schallender Stimme:
„Söhne und Brüder in Jesu Christo! Ihr sehet zu meinen Füßen den größten Gottlosen, Taugenichts und Lästerer, den Sankt Remaclius je mit seinem Zorn geschlagen hat.“
Und Ulenspiegel schlug sich an die Brust und sagte: „Confiteor.“
„Ehedem,“ redete der Dechant weiter, „war er grade wie der Schaft einer Hellebarde und rühmt sich dessen. Sehet ihn jetzo bucklig und unter der Wucht des himmlischen Fluches gebeugt.“
„Confiteor, nimm mir den Buckel,“ sprach Ulenspiegel.
„Wohl,“ fuhr der Dechant fort, „wohl, großer Heiliger, heiliger Herr Remaclius, der Du seit Deinem glorreichen Tode neununddreißig Wunder vollbrachtest, nimm von seinen Schultern die Bürde, die darauf lastet. Und möchten wir um dessentwillen in Jahrhunderten von Jahrhunderten, in saecula saeculorum, Dein Loblied singen. Und Friede auf Erden für die guten Buckligen.“