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Die Luft war heiß, kein Windhauch kam von dem ruhigen Meer. Die Bäume am Kanal von Damm rauschten kaum, die Grillen blieben in den Wiesen, dieweil die Dienstleute der Kirchen und Abteien auf die Felder kamen, um für die Pfarrer und Äbte den Dreizehnten von der Ernte zu holen. Vom blauen, glühenden und tiefen Himmel sandte die Sonne Glut herab, und die Natur schlief unter ihren Strahlen wie ein schönes, nacktes Mädchen, das unter den Liebkosungen seines Geliebten erschlafft ist. Die Karpfen machten Luftsprünge auf dem Wasser des Kanals, um nach den Fliegen zu schnappen, die wie ein Wasserkessel summten, derweil die Schwalben mit langem Leib und großen Flügeln ihnen ihre Beute streitig machten. Vom Boden stieg ein warmer Dunst auf, der im Licht glänzte und schillerte. Hoch vom Turm verkündete der Glöckner von Damm durch eine gesprungene Glocke, die wie ein Kessel dröhnte, die Mittagsstunde und die Essenszeit für die Bauern, die bei der Heuernte waren. Die Frauen schlossen ihre Hände trichterförmig und riefen ihre Brüder oder Männer mit Namen: „Hans, Pieter, Joos“ und man sah ihre roten Kappen über den Heuhaufen. In der Ferne ragte vor Lamms und Ulenspiegels Augen der Turm der Frauenkirche hoch, viereckig und schwerfällig, und Lamm sprach:
„Da, mein Sohn, sind Deine Schmerzen und Liebesfreuden.“
Aber Ulenspiegel antwortete nicht.
„Bald“, sprach Lamm, „werde ich meine alte Wohnung und vielleicht mein Weib wiedersehen.“
Aber Ulenspiegel antwortete nicht.
„Du Holzpuppe,“ sagte Lamm, „Du steinernes Herz, kann nichts Dich ergreifen, nicht die Nähe der Orte, wo Du Deine Kindheit verbrachtest, noch die teuren Schatten des armen Klas und der armen Soetkin, der beiden Märtyrer? Was! Du bist nicht traurig noch fröhlich; was hat Dir also das Herz ausgedörrt? Sieh mich an, wie bang und unruhig ich bin, und wie ich trotz meines Wanstes hüpfe; sieh mich....“
Lamm schaute Ulenspiegel an und sah sein Haupt gebeugt und das Angesicht fahl; seine Lippen bebten und er weinte stumm.