„Ich erkenne Dich,“ sprach Nele zu Lamm. „Du wohntest in der Reiherstraße. Du suchtest Deine Frau; ich habe sie in Brügge gesehen, allwo sie in aller Frömmigkeit und Andacht lebt. Da ich sie gefragt hatte, warum sie ihren Mann so grausam verlassen habe, antwortete sie mir:

„Solches war der heilige Wille Gottes und das Gebot der heiligen Buße; aber ich kann fürder nicht mit ihm leben.“

Lamm ward bei dieser Rede traurig und blickte die Bohnen mit Essig an. Und die Lerchen stiegen trillernd zum Himmel empor und die erschlaffte Natur ließ sich von der Sonne liebkosen. Und Katheline stach mit ihrem Löffel rund um den Topf nach den weißen Bohnen, den grünen Schoten und der Tunke.


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Zur selbigen Zeit ging ein fünfzehnjähriges Mägdlein allein bei hellem Tage durch die Dünen von Heyst nach Knokke. Niemand sorgte sich um sie, denn man wußte, daß die Werwölfe und die bösen, verdammten Seelen nur bei Nacht beißen. In einem Beutel trug sie achtundvierzig Silbersous, die vier Karolusgülden wert waren, welche ihre Mutter, Toria Pieterson, zu Heyst wohnhaft, ihrem Ohm, Jan Rapen zu Knokke, von einem Verkauf her schuldete. Das Mägdlein, Betkin genannt, ging, mit ihren schönsten Kleidern angetan, frohgemut von dannen.

Am Abend besorgte sich ihre Mutter, da sie nicht heim kam. Doch sie gedachte, daß sie bei ihrem Oheim genächtigt hätte, und beruhigte sich.

Am folgenden Tag zogen Fischer, die mit vollen Netzen vom Meere zurückkamen, ihr Boot auf den Strand und luden ihre Fische auf Wagen, um sie wagenweise nach dem Stadtrecht von Heyst zu verganten. Sie stiegen den mit Muscheln besäeten Pfad hinan und fanden auf der Düne ein nacktes ausgeplündertes Mädchen, selbst des Hemdes entblößt; um sie her war Blut. Da sie nahe kamen, sahen sie an ihrem armen, gebrochenen Halse die Spuren langer, spitzer Zähne. Sie lag auf dem Rücken, und ihre Augen waren offen und blickten gen Himmel, und der Mund war gleicherweise offen, als ob sie in Todesangst schreien wollte!

Sie bedeckten des Mägdleins Leichnam mit einem Oberkleid und trugen ihn nach Heyst ins Rathaus. Alsobald versammelten sich die Schöffen und der Wundarzt, welcher erklärte, das diese langen Zähne nicht Wolfszähne wären, wie die Natur sie macht, sondern die eines schlimmen und höllischen Werwolfs, und daß man Gott bitten müsse, das Land Flandern zu erlösen.