Ulenspiegel zerschnitt die Stricke und Lamm sprang in weißen Leinenhosen ohne Wams aus dem Bett und begann, das Boot selbst hinunterzulassen.

„Sieh ihn an,“ sagte Nele zu Ulenspiegel. „Seine Hände zittern vor Ungeduld bei der Arbeit.“

Da das Boot flott war, stiegen Ulenspiegel, Nele und Lamm mit einem Ruderknecht hinein und steuerten auf das Vlieboot zu, das in der Ferne im Hafen vor Anker lag.

„Sieh, das schöne Vlieboot,“ sprach Lamm, dem Ruderknecht helfend.

Vom morgenfrischen Himmel, den die Strahlen der jungen Sonne wie vergüldetes Kristall färbten, hob das Vlieboot seinen Rumpf und seine schlanken Masten ab.

Derweil Lamm ruderte, fragte Ulenspiegel:

„Sag uns nunmehr, wie Du sie wiedergefunden hast?“

Lamm gab stoßweise Antwort.

„Ich schlief, es ging mir schon besser. Plötzlich dumpfes Geräusch. Etwas Hölzernes stößt ans Schiff. Schaluppe. Matrose läuft beim Geräusch herbei: Wer da? Eine sanfte Stimme, ihre Stimme, mein Sohn, ihre süße Stimme: Gut Freund! Dann derbere Stimme: Es lebe der Geuse! Kommandant des Vlieboots „Johanna“ mit Lamm Goedzak sprechen. Matrose wirft die Strickleiter hinunter. Der Mond schien. Ich sehe die Gestalt eines Mannes auf Deck steigen: Starke Hüften, runde Kniee, breites Becken. Ich sage mir: Falscher Mann. Mir ist, wie wenn eine Rose sich erschließt und meine Wange berührt. Ihr Mund, mein Sohn, und ich höre sie sagen, sie selbst, verstehst Du? sie selbst, indem sie mich mit Küssen und Tränen bedeckt, die wie flüssiges, balsamisches Feuer auf meinen Körper fallen: „Ich weiß, daß ich unrecht tue, aber ich habe Dich lieb, mein guter Mann. Ich habe vor Gott geschworen, und ich breche meinen Schwur, mein Mann, mein armer Mann! Ich bin oft gekommen, ohne mich in Deine Nähe zu wagen. Der Matrose hat es mir endlich erlaubt. Ich verband Deine Wunde; Du erkanntest mich nicht, aber ich habe Dich geheilt. Sei nicht böse, lieber Mann. Ich bin Dir gefolgt, aber ich fürchte mich, er ist auf diesem Schiff. Laß mich gehen. Wenn er mich sähe, so verfluchte er mich und ich würde im ewigen Feuer brennen!“ Weinend und glücklich küßte sie mich abermals und verließ mich dann wider meinen Willen, trotz meiner Tränen. Du hattest mir ja Arm und Beine festgebunden, mein Sohn, aber jetzt“ ....

So sprechend, ruderte er mit starken Schlägen, wie die gespannte Schnur eines Bogens, die den Pfeil vorwärts schnellt.