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Da Nele zu Boden gefallen war, rieb sie sich die Augen und erblickte nichts als die Sonne, die in goldigen Dünsten aufging. Auch die Spitzen der Gräser waren ganz von Gold, und die Sonnenstrahlen färbten das Gefieder der schlafenden Möwen gelb; doch sie erwachten bald.
Dann blickte Nele sich an, sah, daß sie nackend war, und bekleidete sich hastig; dann sah sie Ulenspiegel gleichfalls nackend und deckte ihn zu. Vermeinend, daß er schliefe, schüttelte sie ihn, aber er rührte sich so wenig als ein Toter; sie ward von Furcht ergriffen. „Hab ich meinen Gesellen mit diesem Zauberbalsam getötet?“ sprach sie. „Ich will auch sterben! O, Tyll, wach auf! Er ist kalt wie Marmelstein!“
Ulenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag vergingen, und Nele, vor Harm fiebernd, hielt bei ihrem Freund Ulenspiegel die Wacht.
Beim Anbruch des zweiten Tages vernahm Nele den Ton eines Glöckleins und sah einen Bauern kommen, der eine Schaufel trug. Hinter ihm, eine Wachskerze in der Hand, schritten der Bürgermeister und zwei Schöffen, der Pfarrer von Stavenisse und ein Meßner, der ihm den Sonnenschirm hielt.
Sie gingen, sagten sie, um dem wackeren Jakobsen das heilige Sakrament der letzten Ölung zu geben; er war aus Furcht Geuse geworden, aber nachdem die Gefahr vorüber, kehrte er im Sterben in den Schoß der heiligen Römischen Kirche zurück.
Bald kamen sie zu der weinenden Nele und sahen Ulenspiegels Leichnam, mit seinen Kleidern bedeckt, auf dem Rasen ausgestreckt. Nele kniete nieder.
„Mägdlein,“ sprach der Bürgermeister, „was schaffst Du bei diesem Toten?“ Sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen und antwortete:
„Ich bete für meinen Liebsten, der wie vom Blitz getroffen hier hingestürzt ist. Ich bin jetzt allein und will auch sterben.“