„Ich gehöre zu denen, die zu warten wissen,“ hatte de Coster angesichts des beschränkten Achtungserfolges seines Hauptwerkes geschrieben. „Ich schätze mich ein auf etwas für heute, auf viel für die Zukunft.“ Diese stolze Voraussicht hat ihn nicht betrogen. „Der Verkannte von Heute, der Lebende von Morgen“, wie ihn Camille Lemonnier, der „belgische Zola“, an seinem Grabe nannte, ist der Vater der jungbelgischen Literatur geworden, die einen Rodenbach und Maeterlinck, einen Verhaeren und Lerberghe, einen Khnopff und Elskamp hervorgebracht hat. Wenn der Lyriker Verhaeren seine ersten Gedichte „Les Flamandes“ zum Preise seines Vaterlandes anstimmte und einer bodenwüchsigen belgischen Lyrik die Zunge löste, wenn Maeterlinck sein strudelköpfiges Erstlingsdrama „Prinzessin Maleine“ auf flandrischen Boden verlegte und gleich Verhaeren jene eigentümliche Mischung von Realismus und Mystik in seinen späteren Werken beibehielt, wenn die ganze belgische Provinz des französischen Parnasses ihre eigene heimische Note besitzt und in die französische Literatur einen ganz neuen Ton hineingetragen hat, so war dies alles nur nach dem Vorgang de Costers möglich. Nach seinem Vorbilde hat das ganze belgische Schrifttum, trotz seines klugen sprachlichen Anschlusses an den französischen Kulturkreis, der ihm eine ungleich höhere Beachtung sichert als den stammverwandten Niederlanden ihre holländische Schriftsprache, seine germanische Art behauptet und dadurch eine der fruchtbarsten und eigenartigsten Synthesen in der Weltliteratur geschaffen: die von germanischem Geist und romanischer Form, der seit den Tagen der Renaissance unser heißes Bemühen gilt.
Zu diesen ästhetisch-kulturellen Motiven von de Costers Ruhm oder Nachruhm tritt für die große Masse seiner Landsleute noch ein andres hinzu, nämlich eine gewisse politische Aktualität, die sich aus der Betrachtung der näheren Umstände leicht ergibt. Das Königreich Belgien bildet die „unerlösten“ spanischen, später österreichischen Niederlande; es war bis zur französischen Revolutionszeit vorwiegend vlämisch, d.h. niederdeutsch; Orts- und Straßennamen sowie die Gerichtssprache waren bis 1794 vlämisch, nur in Brüssel, das größtenteils wallonisch, d.h. französisch bevölkert war, herrschte von jeher das romanische Element vor. Durch die französische Eroberung kam Belgien bis 1814 zu Frankreich; im ersten Pariser Frieden fiel es an das Königreich der Niederlande, von dem es sich aber dank der Agitation der französisch gesinnten Brüsseler Liberalen und des Klerus losriß, als die Julirevolution von 1830 ausbrach. Seitdem bildet es ein selbständiges Königreich mit klerikaler Regierung, der eine starke antiklerikale, sozialistische Opposition schroff gegenübersteht. Man begreift aus diesen Gegebenheiten den heftigen Antiklerikalismus des Patrioten de Coster, dem nur die Wahl zwischen diesen beiden Gegensätzen blieb. Für ihn war die Vereinigung Belgiens mit dem protestantischen Holland im Jahre 1814 die späte Frucht des heroischen, doch schließlich erschlafften Freiheitskampfes gegen die spanische Tyrannei gewesen; und nun hatten die Schwarzen im Bunde mit den französisch Gesinnten ihm zum zweiten Male die Frucht des Sieges geraubt. Man versteht jetzt erst völlig die tiefe Bedeutung des mystischen Orakels von dem Gürtel der Einheit, den Ulenspiegel zu suchen auszieht, und von den sieben Lastern, die diese Einheit immer wieder zerstören. Am Ende des Buches wiederholt sich diese Prophetie mit einem Nachdruck, als wollte sie aus dem Ganzen herausspringen wie sein geheimer Sinn, eine flammende Mahnung, die Lehren der Vergangenheit zu beherzigen, und ein Bindeglied zwischen der anscheinend weit abgerückten Vergangenheit und dem pulsenden Leben der Gegenwart zu knüpfen. Von hier ausgehend, schärft sich der Blick für diese politische Mystik, die dem Uneingeweihten so ganz wesenlos und unmotiviert erscheint; und man wird in den leidenschaftdurchzitterten Darstellungen Karls V. und Philipps II., die wahre historische Zerrbilder sind, vom Haß eines Renaissance-Pamphletisten gesehen, und nicht vom sachlichen Blicke der Klio, unschwer die Parallele zu den beiden Napeleons erkennen, von denen der erste Belgien beherrscht hatte und der andre zu der Zeit, da der Roman entstand, begehrliche Blicke darauf warf. Auch die gelegentlichen gehässigen Darstellungen deutscher Landsknechte und Fürsten scheinen aus dem eifersüchtigen Bangen des belgischen Patrioten um seine heimische Freiheit entsprungen; nur das belgische „Volk“ wird von ihm mit einen idealisierenden Glorienschein umgeben. Wer immer aber von ähnlichen politischen Gesinnungen beseelt war, der mußte dieses Buch eines zurückgewandten Propheten mit nationalen Wallungen lesen und es lieb gewinnen. Und so ist „Ulenspiegel“ für die Belgier noch heute eine nationale Bibel, die auch in der altertümelnden Sprache sich an die alten Bibelübersetzungen anschließt. Für den Nichtbelgier fallen solche Motive der Schätzung freilich fort; immerhin muß uns Deutsche, die einen dreißigjährigen Krieg für die Glaubensfreiheit kämpften, die seit Goethes und Schillers Tagen der Befreiung der Niederlande auch literarisch nahe stehen, der germanische Unterstrom dieses französischen Buches anheimeln; und archaisierende Romane sind uns seit Scheffels „Ekkehard“, Meinholds „Bernsteinhexe“ und den unvergeßlichen Novellen C. F. Meyers ja auch nichts Fremdes mehr; jeder ästhetisch Gebildete wird also diese Abspiegelung des Geistes der Reformationszeit bewundern. In Frankreich hatte Gustave Flaubert das historische Genre wenige Jahre vor de Coster gleichfalls zu Ehren gebracht, als er seine „Salambo“ schrieb; de Coster jedoch, dem die Quellen ungleich weiter flossen, leistete Größeres in der Wiedergabe des kulturhistorischen Dunstkreises und besonders im Ausdruck, der fast stets wie aus einer alten Chronik entnommen klingt, auch da, wo der Dichter aus Eigenstem geschöpft hat.
Oft genug ist das Buch, wie der mehrfach erwähnte Essay sehr fein hervorhebt, „außerordentlich derb, gelegentlich bis zum Abstoßenden, hierin wie in der breiten Ausmalung großer Schmausereien und in der Satire auf die Geistlichkeit an Rabelais gemahnend. Aber dann ist es plötzlich, als öffne sich während eines Trinkgelages ein Fenster, und ein Hauch frischer, reiner Luft dringe hinein. Zwischen die burlesken Szenen schiebt sich ein kleines Landschaftsbild. / Auch in der Schilderung des Freiheitskampfes werden zügellose Szenen manchmal nur durch einen Satz, durch einen Gedanken von seltener Gefühlszartheit und Melancholie ins Gleichgewicht gebracht. / Oft nur mit wenigen Strichen, aber stets auf das Lebendigste gezeichnet, ist auch die Fülle historischer Persönlichkeiten, mit denen Ulenspiegel auf seinen Fahrten in Verbindung tritt: Egmont, tapfer und hochmütig, sein ihm blindlings zustimmender Freund Horn, der herkulische, trinkfreudige und kluge Brederode, der große Schweiger Oranien und sein ritterlicher Bruder. / Meisterstücke sind nicht minder Auftritte wie der Bildersturm in Antwerpen, das Nachtstück im Gasthaus zum Regenbogen in Courtrai mit der dämonischen Gestalt der Gilline, der spanischen Spionin, oder die groteske Prozession des Heiligen Martin in Ypern; sie prägen sich dem Gedächtnis des Lesers unauslöschlich ein. Und ebenso bewundernswert ist die Abwechslung, mit der de Coster diese Szenen zu gestalten weiß.“
Es wäre noch vieles zu sagen über die um Ulenspiegel gruppierten Figuren: den schlichten, arbeitsamen Klas, der so gar kein Held ist, der seine Richter um Gnade anfleht und der doch als Märtyrer seiner Überzeugung den Holzstoß besteigt, / über die arme herzensgute Soetkin (Suschen), die aus Gram und an den Folgen der Folter stirbt, / über das reizende Idyll der Liebe zu Nele, die mit ihrer Landsmännin, dem Goetheschen Klärchen, so nahe verwandt ist, / über den burlesken „Freßsack“ Lamm, der im Grimm über das Davonlaufen seines von den Pfaffen verhetzten Weibes zu einem komischen Löwen wird, / und vor allem über den Helden selbst, der ein Taugenichts und Tagedieb war und der plötzlich unter der Wucht des Erlebten zum Manne heranreift, von dem einen Rachegedanken beherrscht: „Klasens Asche brennt auf meiner Brust“. Das und vieles Andere verdient eingehende Würdigung; aber es mag bei diesen Andeutungen bleiben, die den Leser nur auf den Weg des eigenen Genusses führen wollen und damit ihre Aufgabe erfüllt haben.
Fräulein Marie Lamping, die mir bei der Übersetzung hilfreich zur Seite gestanden hat, und Fräulein Elsa Schulhoff, deren Aufsatz ich die Anregung zu dieser Verdeutschung verdanke, sei auch an dieser Stelle mein aufrichtiger Dank gesagt.
F. v. O.-Br.
Inhalt
| Seite | |
| [Vorrede der Eule] | 1 |
| [Erstes Buch] | 5 |
| [Zweites Buch] | 221 |
| [Drittes Buch] | 283 |
| [Viertes Buch] | 453 |
| [Fünftes Buch] | 545 |
| [Nachwort des Übersetzers] | 587 |
Titelholzschnitt und Buchausstattung von F. H. Ehmcke
Gedruckt bei Gottfr. Pätz in Naumburg an der Saale