Da er durch Brügge kam, und über den Mittwochsmarkt schritt, sah er daselbst eine Frau durch den Henker und seine Büttel umhergeführt, und eine große Zahl andrer Weiber schrie und heulte tausend schmutzige Schimpfworte um sie her. Da Ulenspiegel sah, daß ihr Kleid oben mit Stücken roten Tuches besetzt war, auch daß sie den Stein der Gerechtigkeit mit seinen Eisenketten am Halse trug, erkannte er, daß es eine Frau war, welche die jungen, gesunden Körper ihrer Töchter zu ihrem Nutzen verkauft hatte. Man sagte ihm, daß sie Barbe hieße und mit Jason Darue verheiratet sei. In diesem Aufzug sollte sie von Platz zu Platz geführt werden, bis sie wieder zum Großen Markt zurückkam. Allda sollte sie auf ein Gerüst geführt werden, welches eigens errichtet war. Ulenspiegel folgte ihr mit dem tobenden Volkshaufen. Auf dem Großen Markt angelangt, ward sie auf das Gerüst gestellt und an einen Pfosten gebunden, und der Henker legte ein Häufchen Gras und einen Klumpen Erde vor sie hin, welches die Grube bedeutete.

Man erzählte Ulenspiegel auch, daß sie zuvor im Gefängnis gestäupt worden sei.

Wie er davon ging, begegnete er Henri le Marischal, einem Erzbettler, welcher in der Schloßhauptmannschaft von West-Ypern gehenkt worden war und annoch die Merkmale der Stricke an seinem Halse zeigte. Er war, so sagte er, gerettet worden, wie er schon in der Luft hing, nur durch ein gutes Gebet, das er an Unsere liebe Frau von Hal richtete, also daß nach dem Fortgang der Amtsleute und Richter die Stricke, die ihn schon nicht mehr würgten, zerrissen und er auf den Boden fiel und heil und gesund war.

Aber Ulenspiegel vernahm nachmals, daß dieser vom Strick befreite Bettler ein falscher Henri Marischal war, und daß man ihn seine Lüge allerorten verbreiten ließ, dieweil er Besitzer eines vom Dechanten Unsrer lieben Frauen von Hal unterzeichneten Pergaments war. Um dieser Erzählung des Henri Marischal willen strömten Alle, so von nah oder ferne den Galgen witterten, besagtem Dechanten zu Haufen in seine Kirche und bezahlten ihn gut. Und lange Zeit ward Unsere liebe Frau von Hal die Mutter Gottes der Gehenkten genannt.


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Zur selbigen Zeit stellten die Inquisitoren und Theologen dem Kaiser Karl zum andern Male vor, daß die Kirche zugrunde ginge, daß ihre Herrschaft verachtet würde und daß er die herrlichen Siege, so er errungen, den Gebeten der Katholischen Christenheit verdankte, welche die kaiserliche Macht auf ihrem Throne erhielte.

Ein Erzbischof von Spanien heischte von ihm, daß sechstausend Köpfe abgeschlagen oder ebensoviele Körper verbrannt würden, auf daß die bösartige lutherische Ketzerei in den Niederlanden ausgerottet würde. Seine Heilige Majestät dünkte solches nicht genug.

Derhalben erblickte auch der arme Ulenspiegel an allen Orten, durch die er voll Entsetzens zog, nur Köpfe auf Pfählen, junge Mägdlein in Säcke gesteckt und lebendig in den Fluß geworfen. Er sah Männer nackend aufs Rad geflochten und mit Eisenstangen grausam zerschlagen, Frauen in eine Grube geworfen und Erde auf sie geschüttet, und der Henker tanzte ihnen auf der Brust, um sie zu zerbrechen. Aber die Beichtiger derer, so zuvor bereut hatten, verdienten jedesmal zwölf Heller.