„Du bist der,“ sprach er, „welcher Lamm getauft ist und ob seiner Sanftmut Goedzak genannt wird, und wohnst in der Reiherstraße hinter der Frauenkirche. Wie geschah es, daß Du so jung und so wohlgekleidet bei Mutter Grün Obdach suchest?“
„Ach, Herr Kohlenträger“, antwortete das Büblein, „ich habe daheim eine Schwester, die ist ein Jahr jünger denn ich und prügelt mich weidlich beim kleinsten Anlaß. Ich aber wage nicht, es ihr auf dem Rücken heimzuzahlen, denn ich würde ihr wehe tun, Herr. Gestern beim Nachtmahl war ich sehr hungrig und wischte mit den Fingern den Boden einer Schüssel aus, darin Rindfleisch mit Bohnen gewesen. Sie aber wollte auch ihr Teil haben, und es war doch nicht mal genug für mich, Herr. Da sie nun sah, wie ich mir den Mund leckte, weil die Tunke so wohl schmeckte, ward sie schier rasend und gab mir aus Leibeskräften so gewaltige Maulschellen, daß ich ganz zerschlagen von dannen lief.“
Klas fragte ihn, was seine Eltern während der Prügelei getan hätten. Da antwortete Lamm Goedzak:
„Mein Vater schlug mich auf die eine Schulter und die Mutter auf die andere und sagten dabei: Räche Dich, Du Memme! Doch ich mochte kein Mägdlein schlagen und lief davon“.
Plötzlich ward Lamm bleich und erbebte am ganzen Leibe. Und Klas sah eine große Frau des Weges kommen, und ihr zur Seite ging ein mageres Dirnlein von bösem Aussehen.
„Ach!“ sagte Lamm und hielt Klas bei den Hosen fest, „da kommt meine Mutter und meine Schwester, mich zu holen. Beschirme mich, Meister Kohlenträger!“
„Warte“, sprach Klas. „Nimm zuvor diese sieben Heller zum Lohn und laß uns sonder Furcht zu ihnen gehen“.
Da die beiden Weiber Lamm sahen, liefen sie auf ihn zu und wollten ihn beide schlagen, die Mutter, weil sie sich geängstigt hatte, und die Schwester, weil sie es gewohnt war.
Lamm verbarg sich hinter Klas und schrie:
„Ich habe sieben Heller verdient, schlagt mich nicht!“