«Ist Oliver zu Bett? Ich wünsche ihn zu sprechen», war die erste Frage, die er tat, als beide die Treppe hinunterstiegen.
«Schon seit mehreren Stunden», versetzte der Baldowerer, indem er eine Tür aufstieß. «Hier ist er.»
Der Knabe lag fest schlafend auf einer harten Matratze auf dem Fußboden, so bleich vor Angst, Traurigkeit und Verlassenheit in seinem Gefängnis, daß er Ähnlichkeit mit einem Toten hatte – nicht mit einem Toten, wie er im Sarge und auf der Bahre liegt, sondern mit einem, aus dem das Leben soeben entwichen ist, wenn ein junger, edler Geist zum Himmel entflohen ist und die schwere Luft der Welt noch keine Zeit gefunden hat, den zarten Schimmer, von dem er umgeben war, zu verdrängen.
20. Kapitel.
In welchem Oliver Sikes überliefert wird.
Als Oliver am folgenden Morgen erwachte, war er nicht wenig verwundert, ein Paar neue Schuhe mit starken, dicken Sohlen an der Stelle seiner alten, sehr beschädigten zu erblicken. Anfangs freute er sich der Entdeckung, weil er sie als eine Vorläuferin seiner Befreiung ansah; allein er gab bald alle Gedanken dieser Art auf, als er sich allein mit dem Juden zum Frühstück setzte, der ihm, und zwar auf eine Weise, die ihn mit Unruhe erfüllte, sagte, daß er am Abend zu Bill Sikes gebracht werden solle.
«Soll – soll ich denn dort bleiben?» fragte Oliver angstvoll.
«Nein, nein, Kind, du sollst nicht dort bleiben», antwortete der Jude. «Wir würden dich gar nicht gern missen. Sei ohne Furcht, Oliver; du sollst wieder zurückkehren zu uns. Ha, ha, ha! Wir werden nicht sein so grausam, dich fortzuschicken, mein Kind. Nein, beileibe nicht!» Der alte Mann, der sich über das Feuer gebückt hatte und eine Brotschnitte röstete, sah sich bei diesen spöttischen Worten um und kicherte, wie um zu zeigen, er wisse es, daß Oliver gern entfliehen würde, wenn er könnte.
«Ich glaube, Oliver,» fuhr er, die Blicke auf ihn heftend, fort, «du möchtest wissen, weshalb du sollst zu Bill – nicht wahr, mein Kind?»
Oliver verfärbte sich unwillkürlich, denn er gewahrte, daß der Jude in seinem Innern gelesen, erwiderte indes dreist, daß er es allerdings zu wissen wünsche.