Er hatte anfangs nur geblättert, allein eine Stelle erregte seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade, und bald las er um so eifriger. Das Buch enthielt Erzählungen von berüchtigten Verbrechern aller Art und trug auf jeder Seite die Spuren eines sehr häufigen Gebrauchs. Er las hier von furchtbaren Verbrechen, die das Blut zu Eis erstarren ließen, von Raubmorden, die auf offener Landstraße verübt worden waren, von Leichen, die man vor den Augen der Menschen in den tiefen Brunnen und Schächten verborgen hatte, ohne daß es jedoch gelungen wäre, sie für die Dauer unten zu halten, so tief sie auch liegen mochten, und zu verhüten, daß sie nach vielen Jahren ans Tageslicht kamen und die Mörder durch ihren Anblick so sehr um alle Besinnung brachten, daß sie ihre Schuld eingestanden und am Galgen ihr Leben endeten. Ferner las er hier von Menschen, die in der Stille der Nacht in ihrem Bette liegend von ihren eigenen bösen Gedanken zu so gräßlichen Mordtaten, wie sie selbst sagten, aufgestachelt wurden, daß es einen kalt überlief und einem die Glieder matt am Leibe niedersanken, wenn man es las. Die fürchterlichen Beschreibungen waren so lebensgetreu und packend, daß die schmutzigen Seiten ihm mit Blut bespritzt erschienen und die Worte, die er las, in seinen Ohren widerhallten, als würden sie in hohlem Murmeln von den Geistern der Ermordeten geflüstert.

In wahnsinniger Angst schloß Oliver endlich das Buch und schleuderte es von sich, fiel auf die Knie nieder und flehte den Himmel an, ihn vor solchen Untaten zu bewahren und ihn lieber sogleich sterben als so fürchterliche Verbrechen begehen zu lassen. Er wurde allmählich ruhiger und betete mit leiser, gebrochener Stimme um Errettung aus den Gefahren, in welchen er sich befand, und, falls einem armen, verstoßenen Knaben, der nie Elternliebe und Schutz gekannt, Beistand und Hilfe aufgehoben wäre, daß sie ihm jetzt zuteil werden möchte, wo er allein und verlassen von Schuld und Ruchlosigkeit umringt war.

Er lag noch, das Gesicht mit den Händen bedeckend, auf den Knien, als ein Geräusch ihn aufschreckte. Er sah sich um, erblickte eine Gestalt an der Tür und rief: «Wer ist da?»

«Ich – ich bin es», erwiderte eine bebende Stimme.

Er hob das Licht empor und erkannte Nancy.

«Stell das Licht wieder auf den Tisch», sagte sie, das Gesicht abwendend; «die Augen tun mir weh davon.»

Oliver sah, daß sie sehr blaß war, und fragte sie mitleidig, ob sie krank wäre. Sie warf sich auf einen Stuhl, so daß sie ihm den Rücken zukehrte, und rang die Hände, antwortete aber nicht.

«Gott verzeih' mir die Sünde!» rief sie nach einiger Zeit aus; «es ist meine Absicht nicht gewesen – ich habe nicht – habe nicht von fern daran gedacht!»

«Ist ein Unglück vorgefallen?» fragte Oliver. «Kann ich dir helfen? Wenn ich es kann, so will ich's auch, gern, gern!»

Sie wiegte sich unter fortwährendem heftigen Händeringen hin und her, faßte sich an die Kehle, als ob sie etwas würgte, und keuchte atemlos.